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Die Wiederherstellung Israels in Römer 11



 

A) Einordnung in den Gesamtzusammenhang von Römer 9-11
Röm 9-11 umfasst das Schicksal Israels in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Abhängigkeit von Glauben oder Unglauben.

 

Röm 9,1-29 behandelt Paulus die Ablehnung des Messias durch Israel und betont, dass die Zurückweisung für Gott keine plötzliche Überraschung war, sondern in seinen souveränen Plänen inbegriffen ist.

 

In Röm 9,30 – 10,21 erklärt Paulus die Zurückweisung Israels als Nation. Er betont dabei, dass Gott mit den Juden derzeit nicht als Nation handelt, sondern individuell. Israels Fall resultiert aus ihrem Unglauben. Jeder Jude oder Heide, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.

 

Röm 11,1-36 spricht von der Beendigung der gegenwärtigen Zurückweisung des Messias Israels durch das jüdische Volk.

 

B) Römer 11 im Überblick

Im ersten Abschnitt von Kap. 11 von Vers 1-10 lehrt Paulus, dass die Zurückweisung des Messias durch das jüdische Volk nicht total, sondern die Verhärtung dem Evangelium gegenüber nur teilweise ist: Immer wieder fanden und finden Juden zum Glauben an ihren Messias.


Im zweiten Abschnitt ab Vers 11 beschreibt Paulus die
teilweise Verstockung Israels gegenüber dem Evangelium als zeitlich befristet: Es wird eine Zeit kommen, in der ganz Israel errettet werden wird.

Wie wurde das Straucheln Israels (Röm 9,30-33) und die anschließende Verhärtung in der gegenwärtigen Zeit in Gottes souveräne Pläne einbezogen ? Sollte der Zweck der endgültige Untergang und die Verwerfung Israels sein und die Enterbung aller Verheißungen und endgültige Beendigung der Erwählung dieses Volkes ?


Die beiden ersten Abschnitte werden jeweils durch eine rhetorische Frage von Paulus eingeleitet:„Ich frage nun“, die er jeweils ad absurdum führt und klar verneint: “Das sei ferne!“.

 

An die beiden Fragen des Apostels schließen sich jeweils die genauen Begründungen an, warum diese verneint werden müssen. Paulus führt zur Beweisführung jeweils auch Zitate aus dem Alten Testament an, um darzustellen, dass er auf bereits bekannte Wahrheiten Bezug nimmt. Eine Ausnahme wird ab Vers 25 eingeführt: das Geheimnis der Vollzahl der Heiden.

 

Römer 11 ist somit von den Leitgedanken gekennzeichnet, dass Israel weder von Gott verstoßen, noch für immer gefallen ist.

 

Das Kapitel endet ab Vers 33 in einer Doxologie, in der Paulus die unerforschlichen Wege Gottes in seinem Heilsplan hervorhebt.

 

C) Abschnitt I: Römer 11,1-10: Der Messias Israels – nicht von allen verworfen !

Ich frage nun: Hat etwa Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne! Denn auch ich bin ein Israelit, aus dem Samen Abrahams, aus dem Stamme Benjamin.  2 Gott hat sein Volk nicht verstoßen, welches er zuvor ersehen hat! Oder wisset ihr nicht, was die Schrift bei der Geschichte von Elia spricht, wie er sich an Gott gegen Israel wendet:  3 «Herr, sie haben deine Propheten getötet und deine Altäre zerstört, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten mir nach dem Leben!»  4 Aber was sagt ihm die göttliche Antwort? «Ich habe mir siebentausend Mann übrigbleiben lassen, die kein Knie gebeugt haben vor Baal.»  5 So ist auch in der jetzigen Zeit ein Rest vorhanden, gemäß der Gnadenwahl.  6 Wenn aber aus Gnade, so ist es nicht mehr um der Werke willen, sonst würde die Gnade nicht mehr Gnade sein; wenn aber um der Werke willen, so ist es nicht mehr aus Gnade, sonst wäre das Werk nicht mehr Werk.  7 Wie nun? Was Israel sucht, das hat es nicht erlangt; die Auswahl aber hat es erlangt, die übrigen aber wurden verstockt,  8 wie geschrieben steht: «Gott hat ihnen einen Geist der Schlafsucht gegeben, Augen, um nicht zu sehen, und Ohren, um nicht zu hören, bis zum heutigen Tag.»  9 Und David spricht: «Ihr Tisch werde ihnen zur Schlinge und zum Fallstrick und zum Anstoß und zur Vergeltung;  10 ihre Augen sollen verfinstert werden, dass sie nicht sehen, und ihren Rücken beuge allezeit!»

 

 

 

Im Vers 1 nimmt sich Paulus als Beispiel für den gläubigen Überrest mit hinein und beginnt mit einer Frage, die sich auf die vorherigen Verse – angedeutet durch das Wort „nun“ - bezieht: „Hat Gott sein Volk verstoßen“, da es trotz Verkündigung nicht insgesamt an das Evangelium geglaubt hat (Röm 10,19ff)?

 

Paulus beantwortet die Frage selbst mit einer klaren Verneinung und beweist die Tatsache, dass Gott – obwohl Israel den Glauben an Christus ablehnt – dennoch einzelne Israeliten annimmt. Wenn Gott das Volk Israel als Ganzes verstoßen hätte, würde kein Jude errettet werden können – auch nicht Paulus. Daher gibt Paulus auch seine jüdische Abstammung in Vers 1 an und beweist damit, dass Israel nicht verstoßen wurde.

Die Verantwortung für die Zurückweisung des Messias ist somit nicht durch Ablehnung oder gar Verstoßen des Volkes seitens Gottes bedingt, sondern allein durch Israels Unglauben.

Vers 2 zeigt, dass Gott in seinem Vorwissen, trotz der Zurückweisung Israels, dieses Volk erwählt hat. Das Volk Israel bleibt Gottes auserwähltes Volk – auch wenn die Masse des Volkes im Unglauben verharrt. Im weiteren Verlauf von Vers 2 zeigt Gott die Tatsache, dass im Volk, wenn es auch von ihm abgefallen war immer noch ein gläubiger Überrest vorhanden war – Paulus ist also keine Ausnahme.


Als geschichtliches Beispiel wird in
Vers 2-4 Elia angeführt: Gott hatte trotz allgemeinem Abfall einen gläubigen Überrest – auch wenn er in den Tagen Elias nur 7000 Mann waren.


In
Vers 5 wird die Anwendung auf die jetzige Zeit gegeben: Der Unterschied zwischen dem Volk und dem Überrest  wird durch Gnade Gottes, auf die der Überrest vertraut, gezogen. Die Gnadenwahl richtet sich somit auf den gläubigen Überrest Israels und hat nichts mit dem calvinistischen Verständnis der Gnadenwahl als Willkürakt gemeinsam.

 

In Vers 6 gibt Paulus die Erklärung: Glaube und Werke schließen sich aus. Niemand – auch nicht Juden – können aufgrund von Werken bestehen. Gott hat in seiner Gnade beschlossen, ausschließlich Gläubige zu erretten.

 

Vers 7 zeigt, dass die Masse des jüdischen Volkes auf ihre eigenen Werke vertraut und nicht auf die Gnade Gottes, die im Glauben angenommen werden muss. Die Auswahl hat durch den Glauben Zugang zur Gnade Gottes – der Rest wurde aufgrund des Unglaubens verstockt. Der gläubige Überrest wird von Paulus in Gal 6,16 als das „Israel Gottes“ gezeichnet.

 

In den Versen 8-10 zitiert Paulus das Alte Testament, um die gegenwärtige Verhärtung des jüdischen Volkes zu zeigen: Israel als Ganzes ist verhärtet – es gibt jedoch einen gläubigen Überrest. Obwohl die Gesamtheit die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben nicht erlangt hat und verstockt wurde, gibt es den Teil des Volkes, der die Gnade aus Glauben erlangt hat.

Die Tatsache eines gläubigen Überrestes im Volk Gottes sieht man auch heute in der allgemeinen Christenheit, auch hier ist der Großteil nicht an Christus gläubig und nur ein Überrest ist tatsächlich wiedergeboren und wird gerettet.

 

D) Abschnitt II: Römer 11,11-32: Der Messias Israels – nicht für immer verworfen !

In diesem Abschnitt in Röm 11 betont Paulus weiterhin, dass die Zurückweisung des Messias nicht entgültig ist, sondern, dass in Zukunft Israel insgesamt gerettet werden wird.

 

Röm 11:11-15

Ich frage nun: Sind sie denn darum gestrauchelt, damit sie fallen sollten? Das sei ferne! Sondern durch ihren Fall wurde das Heil den Heiden zuteil, damit sie diesen nacheifern möchten.  12 Wenn aber ihr Fall der Reichtum der Welt und ihr Verlust der Reichtum der Heiden geworden ist, wie viel mehr ihre volle Zahl!  13 Zu euch, den Heiden, rede ich (da ich nun eben Heidenapostel bin, rühme ich mein Amt,  14 ob ich nicht etwa meine Volksgenossen zum Nacheifern reizen und etliche von ihnen erretten könnte);  15 darum sage ich: Wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt geworden ist, was würde ihre Annahme anderes sein, als Leben aus den Toten?


In den folgenden Versen leitet Paulus den zweiten Hauptgedanken von Röm 11 ein: Ist Israel endgültig und für immer gefallen und für Gott erledigt ?

Der Messias war für das jüdische Volk der „Stein des Anstoßes“ (Röm 9,32f) – Paulus bestreitet nicht, dass Israel durch dessen Ablehnung gestrauchelt ist. Allerdings war es nicht der Plan Gottes deswegen seine Heilspläne mit Israel endgültig zu beenden.

In den Versen 11-15 zeigt uns Paulus vielmehr den Plan Gottes, dass während der Zeit der Abweisung des Messias durch das jüdische Volk, das Evangelium zu den Heiden kommt.

Die Ablehnung des Evangeliums durch Israel war somit in den Plänen Gottes beinhaltet. In Jes 49,1-13 wird dieser Sachverhalt bereits dargelegt, dass der vom jüdischen Volk abgelehnte Messias, zum „Licht für die Heiden“ werden wird. Nach dieser Zeit wird Israel zum Messias zurückfinden.

In der Gegenwart sollen einzelne Juden aus Eifersucht den Heidenchristen gegenüber zum Glauben an den Messias finden (Vers 14) – diesen Dienst sollen die Heidenchristen übernehmen. Leider wurde im Laufe der Kirchengeschichte genau das Gegenteil erreicht und von der abgefallenen Christenheit immer wieder zur Verfolgung der Juden aufgerufen.


In den folgenden Versen zeigt Paulus die göttliche Absicht, die mit der Verwerfung des Messias durch sein Volk einhergeht: die Rettung der Heiden ! Die Antwort auf die Frage des Paulus ist also nicht, dass Israel endgültig beiseite gesetzt werden würde, sondern, dass diese durch den Dienst der Heidenchristen zum Glauben an den Messias gereizt werden sollten. Es ist also Gottes Anliegen auch in der jetzigen Zeit Juden zu retten – jedoch ist die Operationsbasis für Gottes Handeln die Gemeinde - vornehmlich Heidenchristen bestehend, um das Volk der Juden zu erretten und nicht umgekehrt. Ein Zweck der Errettung von Heiden ist also, Juden zur Eifersucht zu reizen und etliche zur Erkenntnis ihres Messias zu bringen.

 

In Vers 15 lehrt uns Paulus eine weitere wichtige Lektion: wenn das Heil, das nach dessen Ablehnung durch das Volk Israel zu den Heiden gelangt und den Heiden die Versöhnung mit Gott gebracht hat - und womit Juden zur Eifersucht gereizt werden sollen (V. 11) - wieder zu Israel zurückkehrt, bedeutet dies noch weitaus größeren Segen, nämlich „Leben aus den Toten“. Der Grundgedanke ist: wenn die Heiden schon durch die Verwerfung des Messias durch Israel gesegnet wurden, wie viel mehr, wenn Israel komplett wiederhergestellt  und das messianische Friedensreich etabliert ist. Dies wird für die Heidennationen weitaus größeren Segen bedeuten, da dann Gottes Wort und der Segen vom natürlichen Segensträger Israel verbreitet werden wird. In der gegenwärtigen Zeit übernehmen diese Aufgabe vornehmlich die „unnatürlichen Zweige“ (V.17ff). Wie viel größeren Segen wird es geben, wenn die „natürlichen Zweige“ die Segensträger für die Nationen sein werden.

 

Röm 11,16-24

16 Ist aber der Anbruch heilig, so ist es auch der Teig, und ist die Wurzel heilig, so sind es auch die Zweige. 17 Wenn aber etliche der Zweige ausgebrochen wurden und du als ein wilder Ölzweig unter sie eingepfropft und der Wurzel und der Fettigkeit des Ölbaums teilhaftig geworden bist,  18 so rühme dich nicht wider die Zweige! Rühmst du dich aber, so wisse, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich!  19 Nun sagst du aber: Die Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft würde!  20 Gut! Um ihres Unglaubens willen sind sie ausgebrochen worden; du aber stehst durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich!  21 Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat, so wird er wohl auch dich nicht verschonen.  22 So schaue nun die Güte und die Strenge Gottes; die Strenge an denen, die gefallen sind; die Güte aber an dir, sofern du in der Güte bleibst, sonst wirst auch du abgehauen werden!  23 Jene dagegen, wenn sie nicht im Unglauben verharren, sollen wieder eingepfropft werden; denn Gott vermag sie wohl wieder einzupfropfen.  24 Denn wenn du aus dem von Natur wilden Ölbaum herausgeschnitten und wider die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wie viel eher können diese, die natürlichen Zweige, wieder in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden!


In diesen Versen warnt Paulus die Heiden (die Zweige am wilden Ölbaum) vor Überheblichkeit dem jüdischen Volk gegenüber und weist darauf hin, nicht hochmütig zu sein, da diese vom Segen Israels profitiert haben.

 

In Vers 16 führt er als Beispiel den Teig und die Zweige an: wenn schon der Anbruch und die Wurzel geheilig ist, so sind es auch diejenigen, die dazu gehören. Der Teig ist durch den Anbruch geheiligt und die Zweige durch die Wurzel.

Der Anbruch des Teiges und die Wurzeln des Baumes weist auf die Segensverheißung an die Väter Israels zurück, von deren Erfüllung die Juden profitieren können, wenn sie glauben.

Die Menschen der Nation Israel sind die natürlichen Zweige am guten Ölbaum. Wenn etliche - dabei ist zu beachten, dass nach Vers 17 nicht alle, sondern nur etliche Zweige abgebrochen worden sind - dieser Zweige abgebrochen werden, zeigt dies, dass keine Verbindung durch den Glauben zu den Segensverheißungen besteht. Dies ist in der gegenwärtigen Zeit eingetreten. Gott kann jedoch die natürlichen Zweige wieder einpfropfen, wenn diese nicht im Unglauben verharren.

Paulus wies bereits in Kap 9,6ff darauf hin, dass die natürliche Abstammung vom jüdischen Volk nicht allein ausreichend war, um de facto zum „Israel Gottes“ zu gehören. Dazu muss die Verbindung zum verheißenen Segen vorhanden sein, der in Christus verwirklicht wurde. Die Verbindung zu dem verheißenen Segen ist nur durch persönlichen Glauben an den Messias und das Evangelium möglich. Etliche Zweige wurden aufgrund dieses Unglaubens vom guten Ölbaum entfernt und kommen nicht in Verbindung mit dem Segen bzw. der Fettigkeit des Ölbaums.

Es ist hingegen unnatürlich, dass Zweige aus dem wilden Ölbaum (Menschen aus den Heiden), dem Segen Israels, der sich in der Person von Jesus Christus manifestiert hat, teilhaftig werden und Frucht bringen. Bei Gott wurde dies jedoch dennoch möglich.

Der gute Ölbaum ist nicht Israel, sondern der Segen, der Israel verheißen wurde – die Wurzel sind die Empfänger dieses Segens, nämlich Abraham, Issak und Jakob, die auch die natürlichen und geistigen Väter Israels sind.

Menschen aus dem Volk Israel werden in diesem Bild mit den natürlichen Zweigen gleichgesetzt.

Ebenso wie in Eph 2 wird hier deutlich, dass die Christen aus den Heiden, nur Teilhaber des Segens geworden sind, der zunächst nur Israel verheißen und in Christus – dem Messias Israels - verwirklicht wurde. Das bedeutet nicht, wie die reformierte Theologie lehrt, dass die Segensverheißungen von den Heiden übernommen wurde und Israel enterbt wurde.

 

In den Versen 18-22 lesen wir von einer Warnung: die Heiden müssen im Glauben bleiben - Israels Fehler hingegen, nicht am Ölbaum zu bleiben, sollte als Warnung dienen. Es geht in diesen Versen nicht darum, dass einzelne Menschen wieder vom Glauben abfallen können, sondern es handelt sich um die Nationen der Heiden insgesamt. Aus der biblischen Prophetie wissen wir, dass es zum Abfall der Heiden vom Evangelium kommen wird – dies zieht analog zu V.21 das Gericht Gottes nach sich. Um am Platz des Segens zu sein, müssen Heiden am guten Ölbaum bleiben und an Jesus Christus glauben, sonst werden sie davon entfernt und kommen in das Gericht, wie auch Israel als Nation ab 70 n.Chr..

 

In den Versen 23-24 sehen wir die Grundlage für die geistige Wiederherstellung Israels. In Vers 23 zeigt Paulus, dass der einzige Punkt, der Israels jetzige Wiederherstellung unmöglich macht, ihr Unglauben gegenüber dem Messias ist. Wenn dieser Unglaube beendet ist, können sie wieder den Segensverheißungen teilhaftig werden. Wenn Gott Menschen aus den Nationen – d.h. Zweige die gegen die Natur in den guten Ölbaum eingepflanzt wurden – in Verbindung mit dem Segen bringen konnte, wie viel mehr diejenigen, denen der Segen verheißen wurde.


In
Vers 24 wird der Grund angegeben, wieso wir mit dieser Wiederherstellung rechnen können. Der Ölbaum gehört Israel. Der Platz des Segens beruht auf den Verheißungen, die an Abraham und seine Nachkommen gegeben wurden. Der Ölbaum ist der natürliche Platz des Segens für Israel. Wie die Juden durch ihren Unglauben diesen Platz verloren haben, so können sie durch Glauben wider dorthin gebracht werden.

In den nächsten Versen wird gezeigt, wie diese zukünftige Wiederherstellung eines Tages verwirklicht werden kann.

 

Römer 11,25-32

Denn ich will nicht, meine Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt bleibe, damit ihr euch nicht selbst klug dünket, dass Israel zum Teil Verstockung widerfahren ist, bis dass die Vollzahl der Heiden eingegangen sein wird  26 und also ganz Israel gerettet werde, wie geschrieben steht: «Aus Zion wird der Erlöser kommen und die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden», 27 und dies ist für sie der Bund von mir, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde".


Der Abschnitt ab Vers 25 betrifft die Gegenwart Israels als teilweise verstocktes Volk und beinhaltet deren zukünftige endgültige Wiederherstellung. Israel ist derzeit nur teilweise verstockt und es finden in dieser Zeit immer einzelne Juden zum Glauben an den Messias. Diese teilweise Verstockung wird jedoch ein Ende finden, wenn die Vollzahl aus den Heiden eingegangen ist – dann wird ganz Israel gerettet.

Der Kontrast in diesem Abschnitt ist also der Teil im Gegensatz zum Ganzen. In der Gegenwart wird nur ein Teil Israels gerettet – nämlich der Überrest – in Zukunft wird ganz Israel gerettet, nämlich wenn der Messias Jesus Christus als Erlöser kommen wird. Auf dieses Kommen nimmt Vers 26 bereits Bezug – der Messias wird bei seinem zweiten Kommen in Herrlichkeit in Zion – also in Jerusalem – erscheinen.


Das Wort Vollzahl der Heiden bedeutet auch Gesamtzahl, bzw. eine genaue Zahl. Wenn diese bestimmte Zahl erreicht ist, wird die Gemeinde entrückt – dies ist Vorraussetzung der Rettung von Israel als Gesamtheit. Gott kennt die genaue Zahl der Heiden, die zum Glauben an Jesus Christus kommen -  in dieser Zeit wird Israel nicht als Nation Buße tun und zum Messias umkehren – nur ein Überrest glaubt heute an Christus.

In der gegenwärtigen Zeit wird nach Apg  15,14 aus den Heiden ein Volk für Gott – die Gemeinde – gesammelt. Der gläubige Überrest aus Israel wird  ebenfalls zur Gemeinde hinzugetan, so dass wir von der Gemeinde als einer Körperschaft bestehend aus Juden und Heiden sprechen.

Wenn die Vollzahl der Gemeinde erreicht ist, wird die Gemeinde von der Erde entfernt und in den Himmel aufgenommen und Gott beginnt mit dem Volk Israel als Gesamtheit zu handeln und nicht mehr nur mit Juden als Einzelpersonen, wie während der Gemeindezeit, so dass letztendlich „ganz Israel“ erlöst werden wird (Vers 26). Dies bedeutet nicht, dass Juden aller Zeit gerettet werden würden, sondern nur die Generation, die dann – nachdem die Vollzahl der Heiden erreicht ist – zu dieser Zeit leben wird. Dieser Vers wurde missbraucht, um zu belegen, dass Judenmission nicht notwendig wäre, da ohnehin „ganz Israel“ gerettet wird. Dies lehrt dieser Vers jedoch nicht.

In Vers 26 und 27 gibt er den Beweis aus Jes 59,20-21 und 27,9, dass Israel gerettet werden wird, indem sie in den Bund, den Jesus Christus durch sein Blut begründet hat, eingeführt werden. Der neue Bund beinhaltet die Vergebung der Sünden durch das Blut Jesu Christi. In diesen Genuss wird das jüdische Volk kommen, wenn es zur nationalen Buße und Bekehrung zu Jesus Christus als ihrem Messias kommen wird. Dies wird beim zweiten Kommen Jesu Wirklichkeit werden.


 Röm 11:28-29

Hinsichtlich des Evangeliums sind sie zwar Feinde, um euretwillen, hinsichtlich der Auswahl aber Geliebte, um der Väter willen. 29 Denn Gottes Gnadengaben und Berufung sind unwiderruflich

 

Vers 28 zeigt die gegenwärtige Feindschaft und Verstockung Israels dem Evangelium gegenüber.

Israels Erwählung um der Väter willen (Bundesverheißungen an Abraham und dessen Nachkommen) bleiben jedoch bestehen. Die Verheißungen an Abraham (z.B. Landesverheißung an ihn und dessen Nachkommen – den Juden) bleiben trotz der Feindschaft gegenüber dem Evangelium erhalten.

Ein Teil der Verheißungen Gottes wird die Erlösung Israels beinhalten. In der jetzigen Zeit ist die Gesamtheit des Volkes noch in Feindschaft gegenüber dem Evangelium.
Gott hat jedoch Abraham versprochen, seine Nachkommen als erlöste Nation im Land wohnen zu lassen – dieses Versprechen wird sich in Zukunft erfüllen.

Der Beweis wird in Vers 29 angeführt und dabei deutlich gemacht, dass die Verheißungen an Abraham und seine Nachkommen niemals rückgängig gemacht werden.

Paulus hat ja bereits in Kap. 9,4 deutlich gezeigt, dass Israel in Besitz der Bündnisse und Verheißungen Gottes ist – diese Zusagen an Israel wurden nie widerrufen und werden sich in der entgültigen Wiederherstellung erfüllen.

 

Röm 11:30-32

Denn gleichwie auch ihr einst Gott nicht gehorcht habt, nun aber begnadigt worden seid infolge ihres Ungehorsams,  31 so haben auch sie jetzt nicht gehorcht infolge eurer Begnadigung, damit auch sie begnadigt würden.  32 Denn Gott hat alle miteinander in den Unglauben verschlossen, damit er sich aller erbarme.

 

In den Versen 30-32 wird das dahinterstehende Prinzip der Gnadengaben und Berufungen veranschaulicht: Gott hat alle zusammen – Juden und Heiden - in den Unglauben verschlossen, damit er sich aller erbarme. Dieses Prinzip ist für Juden und Heiden in gleicher Weise gültig. Beide Gruppen sind von Natur aus im Unglauben und alle müssen zur Errettung an Jesus als den Messias glauben, um begnadigt zu werden.

Nach Vers 30 führte der Unglauben und Ungehorsam Israels zur Errettung der Heiden, indem das Evangelium in die Völkerwelt kam.

 

Vers 31 lehrt der Heilige Geist, dass für das jüdische Volk – trotz ihres jetzigen Ungehorsams - noch die Zeit der Gnade kommen wird, wenn sie zu ihrem Messias umkehren werden und an das Evangelium glauben werden.


In Vers 32 bedeutet „alle“ nicht, dass de facto alle Menschen errettet werden, sondern dass die Gnade allen Menschen gilt und jeder zum Glauben an Jesus als dem Messias aufgefordert ist: Jude und Heide !

Wenn die Zeit der Begnadigung der Heiden, die zum Glauben an Christus kommen, beendet sein wird und die Heidenwelt vom Abfall gekennzeichnet ist, wendet sich das Blatt und endet mit der Begnadigung ganz Israels, das dann zum Glauben an Christus finden wird.

 

Der Weg, den Gott -  sowohl für Heiden als auch den Juden – vorgesehen hat, lautet: vom Ungehorsam und Unglauben zum Glauben und zur Begnadigung durch das Evangelium. In der Vergangenheit waren es die Heiden, die Gott nicht gehorcht haben – nun aber an das Evangelium glauben dürfen. Ebenso wird es den Juden als Volk ergehen: sie sind derzeit dem Evangelium ungehorsam, werden jedoch begnadigt werden, wenn sie an Jesus als dem Messias glauben werden.

 

Vers 32 verdeutlicht zudem, dass die Gnade Gottes allen Menschen – Juden und Heiden – gilt. Dies widerspricht der calvinistischen Heilslehre – nämlich einem Evangelium nur für einzelne Erwählte, die glauben sollen bzw. dürfen – diametral.



 

Peter Streitenberger