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Offenbarung und Verstand.


Benedikt Peters, CH- Arbon    Home 

Uebersicht B. Peters - Artikel


Es ist uns allen bekannt, dass die heutigen Charismatiker sagen, der Verstand stehe dem Wirken des Geistes im Weg und müsse daher möglichst ausgelassen oder gar ausgeschaltet werden. Die Bereitschaft dazu ist ihnen geradezu der Schlüssel zum Schatzkästchen, in dem, wie sie vermuten, alle Geistesgaben wie bunte Steine bereit liegen und nur darauf warten, von uns herausgeholt zu werden.

So argumentiert auch dir Römische Kirche. Damit rechtfertigte sie das Lesen der Messen in der lateinischen Sprache.

Johannes Calvin schreibt in seiner Auslegung von 1Kor 14 zum V. 14: "Denn wenn ich in einer Sprache bete, so betet mein Geist, aber mein Verstand ist fruchtleer"

"Rühmten sich die Korinther der Geistesgabe, dass sie mit Zungen reden und beten konnten, so gesteht ihnen der Apostel zu: in der Tat, wenn 'der Geist' betet, so regt sich eine herrliche Gnadengabe Gottes. Aber Paulus rügt sofort den hochmütigen Missbrauch, indem er hinzufügt: Wenn der Verstand unfruchtbar bleibt, was nützt dann die Geistesgabe? Dabei erhebt sich freilich diie Frage: Soll man wirklich glauben, dass der Geist den Leuten eine fremde Sprache eingab, die die selbst nicht verstanden? dass jemand, dessen Muttersprache Lateinisch war, plötzlich z. B. Griechisch redete, ohne seine eigenen Worte zu verstehen? so etwa, wie Papageien, Elstern und Raben menschliche Worte aussprechen lernen? Dies wird schwerlich der Fall gewesen sein. Vielmehr setzt Paulus nur einmal diese Möglichkeit, um zu zeigen, wie es sich ausnimmt, wenn man Worte und Sinn von einander trennt. Dabei redet der vorliegende Satz nicht von der Erbauung der Gemeinde, sondern von dem Gebet des Einzelnen für sich. Wenn mein Gebet sich in fremden, mir unverständlichen Worten bewegen würde, die der Geist mir gibt, so würde nur dieser göttliche Geist beten, mein eigener Sinn aber könnte inzwischen an allerlei anderes denken und würde jedenfalls von dem Gebet keinen Nutzen ziehen. Hieraus soll der Leser dann erst im Stillen die Folgerung ziehen: Was soll also ein derartig unverständliches Reden der Gemeinde helfen? Übrigens wollen wir die Beobachtung nicht unterlassen, wie scharf Paulus ein gedankenloses Gebet verurteilt. Wer betet, soll vor Gott seine Gedanken und Bedürfnisse ausschütten. Im Geist und in der Wahrheit will Gott angebetet sein. Nichts aber kann damit entschiedener streiten, als eine Bewegung der Lippen, die nicht zugleich eine Bewegung des Herzens ist. Und nun denke man an die Gebetspraxis und Gebetsanleitung der Römischen!"

Theodor Beza, Calvins Mitstreiter und Nachfolger in Genf, sagt zu diesem gleichen Vers:

Es wäre zu absurd zu glauben, dass der Heilige Geist jemals jemanden bewegte, so etwas zu tun (nämlich ohne Verstand zu beten), da man das gar nicht Gebet nennen könnte, sondern es vielmehr eine Verhöhnung Gottes und Seiner Gemeinde nennen müsste.

Zum Vers 11 sagt er:

Es wäre eine in allen vorangegangenen Menschengeschlechtern unerhörte Barbarei gewesen, dass einer sich selbst zum Barbaren wird, indem er eine Sprache spricht, die er selber nicht versteht

Und nun die gängige Auslegung von 1Kor 14:14 der Römischen Kirche (sie stammt von einem gewissen Estius, einem Zeitgenossen der Reformatoren):

"Was der Apostel hier sagt, passiert, wenn jemand, der des Lateinischen nicht mächtig ist, Gebete in der lateinischen Sprache rezitiert; denn wer es tut, wird im Geist und in seinen Gefühlen zu Gott emporgetragen, wenn er nur mit Aufrichtigkeit betet. Der Verstand ist zwar ohne Frucht, da er nicht versteht, was er betet, aber solche Gebete dürfen deshalb nicht als nutzlos verurteilt werden."

Hier berühren sich katholische und charismatische Frömmigkeit in bemerkenswerter Weise. Sie ist in beiden Fällen verstandesfeindlich, irrational. Wir sind sicher keine Rationalisten; uns ist bewusst, dass der Rationalismus auch ein Aberglaube ist. Wir glauben, indem wir uns auf eine zuverlässige Offenbarung verlassen; aber wir wollen mit Verstand glauben, und wir wollen mit Verstand beten. Wir wollen dem Wirken des Heiligen Geistes folgen, der den Verstand nicht ausschaltet, sondern eigentlich erst recht einschaltet.