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Eing.  Bernd Grunwald  09.05.2001

4. Mose 20, 1-13

 

Das Volk Israel in Kadesch (am Wasser von Meriba)

 

Teil I:

Im 20. Kapitel des 4.Buches Mose beginnt ein ganz neuer Abschnitt der Berichterstattung des Mose. Man spürt das sehr deutlich, wenn man dieses Buch zusammenhängend liest. Während in den Kapiteln 15-19 das Reden Gottes und seine Vorschriften im Vordergrund stehen, beginnt das 20. Kapitel sich wieder dem Bericht über die Wüstenwanderung zuzuwenden. Wir lesen in Vers 1, daß das ganze Volk nun in die Wüste Zin kam und zwar im ersten Monat.

 

Im ersten Monat – wann war das? Offensichtlich fehlt hier der Zeitbezug. Der erste Monat von welchem Jahr? Wenn wir im 20. Kapitel weiterlesen, wird uns diese Frage beantwortet: Es war nämlich nicht nur das Todesjahr Mirjams, sondern es war auch das Todesjahr ihres Bruders Aaron, des ersten Hohenpriesters des Volkes Gottes. In Vers 28 lesen wir: "und Aaron starb dort auf dem Gipfel des Berges". Das Todesjahr Aarons wird uns nun in Kapitel 33,38 in Verbindung mit der Auflistung der Lagerstätten des Volkes angegeben als das 40. Jahr nach dem Auszug der Söhne Israel aus dem Land Ägypten. So können wir den Zeitpunkt der heute zu betrachtenden Ereignisse genau bestimmen: Das 40. Jahr ihrer Wüstenwanderung war angebrochen. Im ersten Monat dieses Jahres kamen sie in die Wüste Zin, und zwar nach Kadesch. Das Wort "Kadesch" heißt übersetzt: Heiligkeit. Kadesch war neben dem Sinai der zweite Schwerpunkt der Wüstenwanderung des Volkes Israel. Am Sinai empfing das Volk die Gebote Gottes und in Kadesch scheiterten sie an der Heiligkeit Gottes.

 

Dieses Kadesch war für die Israeliten kein unbekannter, neuer Ort. Kadesch war der Ort, wo sie vor 38 Jahren schon einmal waren, damals, als Mose die 12 Kundschafter aussandte, um das Land Kanaan zu erkunden. Wir wissen, was damals dort geschah, daß es nämlich Aufruhr unter dem Volk gab, so daß Gott sie bestrafen mußte. Außer Josua und Kaleb sollte niemand von den Erwachsenen des Volkes in das Land Kanaan kommen. Sie mußten insgesamt 40 Jahre in der Wüste bleiben und zwar bis sie alle gestorben waren. Auch starben damals auf der Stelle 10 der 12 Kundschafter durch eine Plage von dem Herrn. Das Volk stand von da an unter dem Urteil Gottes, daß eine gesamte Generation in der Wüste sterben mußte, bevor Israel in das Land Kanaan einziehen durfte. Wegen ihres Unglaubens, also einfach, weil sie der Zusage Gottes nicht vertraut hatten, durften sie nicht in das verheißene Land.

 

Jetzt waren sie also wieder an diesem Ort mit Namen Kadesch und eine neue Generation war zwischenzeitlich herangewachsen. Nur wenige Alte waren noch dabei, denn die meisten von ihnen waren schon gestorben. Nun starb auch Mirjam und man mußte sie begraben. Mirjam war die Schwester von Mose und Aaron. Sie stand einst am Ufer des Nil als der kleine Mose von der Tochter des Pharao aus dem Wasser gezogen wurde. Nun lesen wir, daß Mirjam starb. Die Realität des Todes trat erneut vor ihre Augen. Das war für sie kein freudiges Ereignis. Es führte nicht nur innerhalb der Familie, also bei Mose und Aaron zur Trauer – man kann davon ausgehen, daß das ganze Volk Anteil nahm und entsprechend niedergeschlagen war. Überhaupt hatte man in den letzten Jahren der Wüstenwanderung vermehrt Angehörige des Volkes begraben müssen. Deshalb war es auch notwendig, daß Gott Anweisungen zur Reinigung von der Berührung mit den Leichnamen gab. Wir finden diese Anweisungen in 4Mo 19.

 

Mirjam gehörte sicherlich mit zu den letzten noch Lebenden ihrer Generation. Mose und Aaron gehörten auch noch dazu. Diese Beiden mögen wohl insgeheim noch gehofft haben, auch ins Land Kanaan ziehen zu dürfen, denn sie waren damals nicht am Unglauben und am Aufstand des Volkes beteiligt. Aber das Wort Gottes war eindeutig: Gott hatte Mose und Aaron nicht genannt, sondern nur Josua und Kaleb. Wir erkennen hier etwas von der Voraussicht Gottes. Er wußte nämlich damals schon, daß Mose und Aaron nicht ins Land kommen würden, weil sie ebenfalls in einer entscheidenden Situation versagen würden. Mit der Ankunft des Volkes in Kadesch im 40. Jahr ihrer Wanderung, dem Tode Mirjams und der Tatsache, daß es wieder einmal kein Wasser gab, war diese Situation jetzt eingetreten.

 

Teil II:

Doch zunächst einige Gedanken zum Volk: Es war des Umherwanderns in der Wüste schon lange überdrüssig. Der Tod Mirjams vergrößerte ihre Niedergeschlagenheit. Zu all dem kam nun noch ein weiteres Problem: Es gab wieder mal kein Wasser! Vers 2: "und es war kein Wasser da für die Gemeinde".

Was tun sie jetzt?  Gott anrufen, der sie nun fast 40 Jahre durch die Wüste geführt und ihnen schon so oft Wasser gegeben hatte? Nein, auf diesen Gedanken kam man nicht. Warum nicht? War das vielleicht ein neues Problem für sie? Etwas, womit sie keine Erfahrung hatten, eine Sache, in der sie Gott noch nicht erfahren hatten und in der sie ihn deshalb noch nicht kannten? Nein! Dieses Volk gibt ein trauriges Bild ab: 40 Jahre Wüstenwanderung, 40 Jahre geführt von Gott am Tag in der Wolkensäule und in der Nacht in der Feuersäule – und immer noch kannten sie die Arbeitsweise Gottes nicht! Man muß sich das mal vorstellen: Gott war immer hautnah bei ihnen. Jeden Tag, ja sogar jede Nacht konnten sie die Anwesenheit Gottes sehen! Wenn jemand von ihnen wissen wollte: "Wo ist Gott?", dann konnten sie antworten: "Gott ist da!" Sie mußten sich nur umdrehen und in Richtung Stiftshütte zeigen. Jedermann konnte sehen, daß Gott dort gegenwärtig war. Am Tage konnte man es sehen und sogar auch in der Nacht. Und was sie alles mit ihrem Gott erlebt hatten - Man könnte meinen, die würden es nie kapieren, wenn wir jetzt schon wieder lesen: "da versammelten sie sich gegen Mose und gegen Aaron". Es ist tatsächlich so: trotz all dieser Erlebnisse hatten sie nie verstanden, warum sie unterwegs waren und was Gott mit Ihnen vorhatte. Gott selbst mußte folgendes über sein Volk aussprechen:

 

Ps 95,10     Vierzig Jahre empfand ich Ekel vor <diesem> Geschlecht, und ich sprach: Ein Volk irrenden Herzens sind sie, und sie haben meine Wege nicht erkannt.

 

Sie versammelten sich gegen Mose und Aaron. Sie bildeten Widerstand, sie formierten sich zur Opposition. Sie haderten mit Mose <d.h. sie zankten, stritten, murrten, beschwerten sich> Sie haderten auch gegen Gott (V.13).

 

Ihre Argumente waren folgende:

-        unsere Brüder, die vor dem HERRN umkamen, haben es besser als wir! (dieses Argument ist besonders schlimm. Es ist ein Schlag ins Gesicht Gottes. Wie muß ihm dieses Argument wehgetan haben. Gott, der sie bis zu diesem Augenblick nun schon 40 Jahre durch die Wüste geführt hatte, der sie in den vielen Gerichten, die Gott ausüben mußte, gnädig verschont hatte, muß sich nun die ungeheuerliche Behauptung anhören, daß diejenigen, die er mit dem Tode bestrafen mußte, besser dran wären, als diejenigen, die die Verheißung hatten, ins gelobte Land einziehen zu dürfen und nun sogar kurz vor der Erfüllung dieser Verheißung standen.)

-        Dieser Ort ist böse, ungeeignet für Saat und Ackerbau (das stimmte sicher auch, aber sie hatten keinen Blick für die Sicht Gottes über diesen Ort. Sie sahen auf die äußeren Umstände und bezeichneten ihn deshalb als böse. Dabei hatte dieser Ort den Namen "Heiligkeit" und gerade an diesem Ort hatte Gott ihnen seine Heiligkeit besonders deutlich gemacht. Nein, nein, sie hatten nicht vergessen, was damals mit ihren Brüdern, den 10 Kundschaftern geschah, als sie wegen ihrer Anstiftung zum Aufruhr vor dem Herrn umkamen, sie hatten auch nicht vergessen, was mit den Söhnen Korahs geschah, aber sie hatten nie versucht, die Dinge einmal aus göttlicher Sicht zu betrachten. Sie hatten kein Verständnis von der Heiligkeit Gottes)

-        Es gibt kein Wasser zum Trinken. (Damit hatten sie sicher recht. Aber das war kein Grund, sich gegen Mose und Aaron zusammenzurotten, denn diese Situation hatten sie oft genug erlebt und sie hätten wissen müssen, daß Gott sie in solch einer Situation noch nie im Stich gelassen hatte)

 

Dann kam der typische Vorwurf:

Warum habt ihr uns aus Ägypten herausgeführt? Warum in diese Wüste? Warum an diesen bösen Ort?

 

Sie waren aus Ägypten (Bild für die Welt) herausgeführt worden (Bild für unsere Erlösung), um an diesem bösen Ort (Bild für das Leben als Christ in der Welt) zu sein. Aber: kein Ort ist besser dazu geeignet, Vertrauen und Ausharren zu lernen! Sie hatten das Ziel noch nicht erreicht. Ihr Ziel war ein Land, das von Milch und Honig fließt. Dieses Land kannten sie schon. Sie hatten es ja bereits ausgekundschaftet. Aber sie hatten die Hoffnung, es jemals zu erreichen, aufgegeben. Dabei war das Land jetzt zum Greifen nahe. Die Generation derer, die nicht hinein durften war fast vollständig ausgestorben, die 40 Jahre Wüstenwanderung, die Gott ihnen verordnet hatte, waren vorbei – und jetzt, wo alle Voraussetzungen für den Einzug erfüllt waren, jetzt hatten sie keine Hoffnung mehr, jemals dieses Ziel zu erreichen! Sie hatten keine Antwort mehr auf die Frage: Warum sind wir aus Ägypten ausgezogen? Wenn das Volk Gottes diese Frage nicht mehr beantworten kann, dann ist es schlimm um es bestellt!

 

Warum sind wir Christen und nicht irgend etwas anderes? Warum sind wir heute hier in dieser Gemeinde und nicht beim Frühschoppen oder sonst wo? Haben wir eine überzeugende Antwort auf diese Fragen? Warum sind wir aus Ägypten ausgezogen? Neutestamentlich gefragt: Warum haben wir uns bekehrt? Warum habe ich mich bekehrt? Weil ich ein schöneres, bequemeres Leben haben wollte? Nein. Deshalb habe ich mich nicht bekehrt. Ich habe mich bekehrt, weil ich nicht in die Hölle gehen will, wo ich wegen meiner Sünden eigentlich hingehöre. Wo will ich hin? In das verheißene Land: den Himmel. Wie kommt man dahin? Man muß durch die Wüste! Und da kann einem schon mal das Wasser ausgehen! Da gibt es viele Durststrecken. Viele Prüfungen. Viele Anfechtungen. Viele Versuchungen. Aber was tun, wenn die Schwierigkeiten kommen? Gott Vorwürfe machen? – Oder auf Gottes Verheißung vertrauen? Seinem Wort glauben, daß er uns bis ans Ziel bringt?

 

Viele Christen wollen es nicht wahrhaben, daß der Weg in den Himmel durch die Wüste geht. Ja, solange alles glatt geht, ist Christsein kein Problem. Aber was, wenn Schwierigkeiten kommen? Wie gehen wir damit um? Wie ist das bei uns, bei dir, bei mir? Wie lange bist du schon mit Gott unterwegs? Hast du es nicht gelernt, ihm zu vertrauen? Und du machst ihm immer noch Vorwürfe? Warum eigentlich? Warum hadern wir manchmal mit Gott? Warum haderten die Israeliten mit Mose und mit Gott? Was war die Ursache ihres Haderns? Die Antwort ist einfach: Sie hatten die Verheißung Gottes nicht mehr im Blick! Der Gedanke: "Wir sind unterwegs in das verheißene Land, und jeder Tag, der vergeht, bringt uns diesem Ziel näher!", dieser Gedanke bedeutete ihnen nichts mehr. Das ist auch bei uns die Ursache für Unzufriedenheit und Murren. Möge der Herr schenken, daß uns Seine Verheißungen gegenwärtig sind, daß wir mit ihnen und in ihnen leben, daß sie uns zur lebendigen Hoffnung sind. Das ist das beste Mittel gegen Unzufriedenheit und Murren.

 

Teil III:

Nun, werfen wir einen Blick auf Mose und Aaron. Sie waren machtlos diesen Vorwürfen gegenüber. Sie konnten dem kein einziges Argument entgegnen. Dabei hätten sie schon Argumente gehabt. Sie hätten ihnen erwidern können:

-        Nicht wir, sondern Gott hat euch aus Ägypten geführt.

-        Gott hat bis hierher immer geholfen. Er wird auch diesmal helfen.

-        Die 40 Jahre sind um – es dauert nicht mehr lange!

Aber hätte das noch etwas genützt? Wären das nicht Perlen gewesen, die man vor die Säue geworfen hätte? Wäre damit die Auflehnung nicht noch weiter angeheizt worden?

Wer mit Gott hadert, ist unzugänglich für logische Argumente. Wer mit Gott hadert, hat keinen Blick mehr für die Güte Gottes, auch, wenn er sie sein ganzes Leben lang erlebt hat. Ja, wenn es uns gut geht, dann ist alles o.k., dann glauben wir, daß Gott gut ist. Aber wenn es uns mal dreckig geht, dann sagen wir schnell, daß Gott unmöglich gut sein kann. So etwas würde Gott nicht zulassen. Aber ob es mir gut oder schlecht geht – es ändert nichts an der Güte Gottes! Gott ist gut – und zwar unabhängig davon, wie es mir geht oder wie ich mich fühle.

 

Mose und Aaron taten das einzig Richtige: sie gingen zum Eingang der Stiftshütte (Zelt der Begegnung mit Gott) und fielen auf ihr Angesicht nieder. Sie legten sich flach auf den Boden mit dem Gesicht zur Erde. Das ist die unterwürfigste Haltung, die man überhaupt einnehmen kann. Was wollten sie damit bezwecken? Fürbitte für das Volk? Sich bei Gott über das Volk beklagen? Von Gott eine Lösung erbitten? Wir wissen nicht, was sie sagten, wir wissen nicht, ob sie überhaupt etwas sagten. Aber ihr Herz wird geschrien haben: "O Gott, sei uns gnädig!!"

 

Was machen wir, wenn uns der Zustand des Volkes Gottes bewußt wird? Gehen wir zur Tagesordnung über? (Na ja, alles halb so schlimm, alles schon mal dagewesen) oder suchen wir Gottes Angesicht und bitten wir um Erbarmen für uns und sein Volk? Hier wird uns deutlich vor Augen geführt, wie sehr das Volk Gottes auf Gottes Gnade angewiesen ist. Als junger Christ habe ich gedacht, Gottes Gnade sei ein einmaliges Geschenk, das der Mensch im Augenblicke seiner Bekehrung von Gott erhält. Ich habe Gottes Gnade mit einem Akt der Begnadigung eines zum Tode verurteilten Gewaltverbrechers gleichgesetzt. Aber das ist eine zu kurze Sicht für die Gnade Gottes. Gottes Gnade ist viel, viel größer!

 

Auch die Israeliten damals, als sie noch in Ägypten waren, mögen so über Gottes Gnade gedacht haben. Sie schrien zu Gott, daß er sie doch aus dieser Knechtschaft befreien (=begnadigen) möge. Gott schenkte ihnen diese Gnade, aber anschließend, als sie dann durch die Wüste in Richtung Kanaan unterwegs waren, wollten sie die Sache wieder selbst in die Hand nehmen. Die Richtung schien ja zu stimmen, den Rest können wir allein gehen, dafür brauchen wir die Gnade Gottes nicht mehr.

 

Jetzt bin ich schon über 30 Jahre ein Kind Gottes und ich habe im Laufe der Jahre erkannt, daß kein Tag in meinem Leben ohne Gottes Gnade verlief. Ja, ich habe festgestellt, daß ich geradezu angewiesen bin auf die Gnade Gottes, und zwar in jedem Augenblick meines Lebens. Wäre Gottes Gnade nicht über mir – niemals würde ich das Ziel meines Lebens, und das ist die Errettung meiner Seele, der Eingang in den Himmel, erreichen. Wäre Gottes Gnade nicht über uns, keiner von uns würde dieses Ziel erreichen. Wäre Gottes Gnade nicht über dem Volk Israel in der Wüste gewesen – sie hätten das Land Kanaan niemals erreicht. Hier, in 4.Mose 20 haben wir wieder so ein Verhalten des Volkes Gottes, bei dem besonders deutlich wird, wie hilflos sie waren und wie sehr sie auf die Gnade Gottes angewiesen waren. Mose und Aaron hatten das erkannt. Deshalb gingen sie in die Gegenwart Gottes und fielen auf ihr Angesicht nieder. Hier finden wir die rechte Haltung des Menschen gegenüber Gott. Das Volk erkennt zwar ebenfalls seine Hilflosigkeit, erkennt aber nicht, daß es auf Gottes Gnade angewiesen war. Deshalb war die Reaktion des Volkes auch völlig unterschiedlich zur Reaktion von Mose und Aaron: Während das Volk mit Gott haderte (V.13), suchten Mose und Aaron in demütigster Weise die Gegenwart Gottes, indem sie sich vor der Stiftshütte auf ihr Angesicht fallen ließen. Hier haben wir eine Lektion zu lernen. Die Lektion lautet: "Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber schenkt er Gnade."

 

Teil IV:

Und Gott gibt ihnen auch diesmal Gnade: Die Herrlichkeit des Herrn erschien ihnen und er teilte ihnen mit, daß sie nun Wasser aus dem Felsen bekommen sollten. Er teilte ihnen auch mit, wie sie dieses Wasser erhalten sollten. Er gab genaue Anweisungen. Aber wie haben wir diese Anweisungen Gottes nun zu verstehen? Viele Fragen ergeben sich beim Studium der Verse 8 bis 11. Warum gab Gott hier andere Anweisungen als in 2Mo 17? Damals gab es die gleiche Situation. Gott gab ihnen nämlich schon einmal Wasser aus dem Felsen. Da mußte Mose den Felsen schlagen, jetzt sollte er nur zu dem Felsen reden. Gott hätte ihm doch genau die gleiche Anweisung geben können, er hätte sagen können: "Nimm deinen Stab und geh zum Felsen. Den Rest kennst du ja bereits." Aber diesmal gab Gott ganz andere Anweisungen. Warum? Ich denke, daß beide Begebenheiten ihre geistliche Bedeutung haben. Alles ist zu unserer Belehrung aufgeschrieben. Die Art, wie Gott in der Wüste mit seinem Volk Israel handelte, war immer auch schattenhafter Hinweis auf den Herrn Jesus und auf die neutestamentliche Gemeinde.

 

Das erste Mal, als Gott Wasser aus dem Felsen gab, mußte der Fels mit dem Stab geschlagen werden, den Mose in Ägypten benutzte, um die göttlichen Gerichte auf Ägypten kommen zu lassen. Es war der Stab des Gerichtes Gottes. Auf dem Felsen, der mit diesem Stab geschlagen wurde, stand Gott – d.h. Gott wurde mit dem Gerichtsstab geschlagen, es war eine Art "Selbstgericht Gottes". Und damit war dieses Ereignis unzweifelhaft ein Bild für das, was viele Jahre später auf dem Hügel Golgatha stattfand. Dort hing der Sohn Gottes am Kreuz und ließ das Gericht Gottes über sich ergehen. Er tat es, damit wir – du und ich – Wasser des Lebens hätten, das ins ewige Leben quillt. Er wurde – im Bild gesprochen – von Menschenhand mit dem Gerichtsstab Gottes geschlagen, damit wir Leben hätten.

 

Beim zweiten Mal – hier in 4Mo 20 – war die göttliche Belehrung eine völlig andere. Der Hebräerbrief lehrt uns, daß Christus einmal – nur einmal, nicht zweimal – für die Sünden des Volkes gestorben ist. Ein zweites Mal konnte und durfte Christus nicht gekreuzigt werden. Das würde die Einmaligkeit und die Allgenügsamkeit seines Opfertodes verletzen. Deshalb durfte der Fels hier in 4Mo 20 auch nicht noch einmal geschlagen werden. Gott will uns hier nicht auf den Opfertod des Herrn Jesus hinweisen, sondern er möchte uns hier eine Belehrung über den Dienst des Herrn Jesus geben, der als unser Hohenpriester im Himmel ist und für Seine Gemeinde einen ganz bestimmten Dienst tut, solange sie hier auf der Erde ist.

 

Schauen wir uns die Anweisungen Gottes genau an und versuchen wir, die Gedanken Gottes zu verstehen:  Mir fällt auf, daß die Kreise der am Geschehen beteiligten Personen völlig verschieden waren. Als der Fels geschlagen werden sollte, tat Mose dies im Beisein von nur einigen der Ältesten Israels. Hier mußte das ganze Volk am Felsen versammelt werden und außerdem mußte Mose seinen Bruder Aaron mitnehmen. Weiterhin durfte Mose hier nicht allein handeln, sondern beide, nämlich Mose und Aaron hatten den Auftrag, zu dem Felsen zu reden. Die Rolle Aarons in diesem Zusammenhang gibt zu denken: Aaron war der von Gott erwählte Hohepriester. Wenn Aaron also etwas tun sollte, war das immer Hoherpriesterlicher Dienst, also ein Gottesdienst, der vom Hohenpriester stellvertretend für das ganze Volk ausgeführt wurde.

 

Weiterhin wurde dem Mose aufgetragen, den Stab mitzunehmen. Hier in V. 8 fehlt die genaue Beschreibung, welcher Stab genommen werden sollte. (In 2Mo 17 hatte Gott genau gesagt, mit welchem Stab er den Felsen schlagen sollte). Sollte Mose diesen Stab jetzt noch einmal benutzen? Ich meine: Nein, denn in Vers 9 lesen wir, daß Mose den Stab von dem Ort vor dem HERRN nahm. Welcher Stab war das? Nun, außer dem Stab des Mose gab es noch einen anderen Stab, der damals eine besondere Bedeutung hatte. Das war der Stab Aarons. Dieser Stab wurde nach der Anordnung Gottes "vor dem Herrn" in der Stiftshütte aufbewahrt. Vielleicht kennen wir diese Geschichte noch gar nicht. Sie steht in 4Mo17. Dort hat Gott in einzigartiger Weise das Hohepriestertum Aarons bestätigt. Die Israeliten mußten 12 Holzstäbe anfertigen, für jeden Stamm einen Stab und mußten den Stammesnamen darauf schreiben. Für den Stamm Levi mußte der Name "Aaron" eingraviert werden. 12 Holzstäbe wurden also angefertigt und in der Stiftshütte niedergelegt. Über Nacht brachte der Stab Aarons Triebe, Blüten und Früchte hervor. Die anderen 11 Stäbe blieben unverändert. Der Stab Aarons ist nicht nur ein Zeichen für die göttliche Erwählung des irdischen Hohenpriesters; er ist auch ein Bild für die Auferstehung und damit ein Bild für die göttliche Erwählung des himmlischen Hohenpriesters, für den Herrn Jesus. Der Stab Aarons zeigt uns den auferstandenen Herrn als unseren Hohenpriester im Himmel.

 

Damit nicht genug: Gott hatte angeordnet, daß dieser Stab als ein Zeichen für die Widerspenstigen aufbewahrt werden sollte, damit dadurch ihrem Murren ein Ende gemacht werden sollte, damit sie nicht sterben. Hier wird deutlich, welchen Wert der hohepriesterliche Dienst des Herrn Jesus heute für uns hat. Der Dienst des Herrn Jesus im Himmel ist deshalb so ungeheuer wichtig, weil ohne diesen Dienst unser Murren bis an die Ohren Gottes dringen würde und wir wegen Gottes Heiligkeit – Kadesch erinnert uns daran – niemals unser Ziel erreichen würden, sondern alle irgendwo unterwegs sterben müßten. Aber der Herr Jesus verwendet sich täglich für uns, er hat Mitleid mit unseren Schwachheiten und er vertritt uns, wenn der Satan uns vor Gott verklagen will – und Satan findet immer wieder genügend Gründe, weshalb er uns verklagen könnte – aber Gott sei Dank – unser Herr Jesus Christus, der wahre Stab Aarons, der aus den Toten Auferstandene ist vor Gott, dem Herrn. Wenn dieser "Stab Aarons" nicht im himmlischen Heiligtum wäre – nicht auszudenken, was mit uns geschehen würde.

 

Mose und Aaron hatten also den Auftrag, mit dem Stab in der Hand – dieser Stab war das Zeichen für die Widerspenstigen (er sollte die Widerspenstigen vor Gott zum Schweigen bringen) – mit diesem Stab in der Hand vor den Augen des Volkes zu dem Felsen zu reden. Auch mit dem Felsen war es anders als in 2Mo17. Diesmal stand Gott nicht auf dem Felsen. Das zeigt, daß der Herr Jesus nun nicht mehr auf der Erde, sondern im Himmel ist. Die ganze Szene dort an dem Felsen, die Gott angeordnet hat, zeigt eigentlich nichts anderes als die Gedanken Gottes für die neutestamentliche Gemeinde.

 

Die neutestamentliche Gemeinde

-        versammelt sich nicht vor dem Zelt der Begegnung, also vor der Stiftshütte (das wäre Judentum);

-        sie versammelt sich vor dem Felsen (das ist Christentum).

 

Der Fels ist ein Bild für den Herrn Jesus. Wir sehen ihn jedoch nicht mehr als Mann der Schmerzen am Kreuz (als den Fels, auf dem Gott stand und der geschlagen wurde), sondern wir erkennen ihn hier als den Auferstandenen, der nicht auf diesem Felsen steht, sondern der im Himmel ist und sich dort für uns verwendet. So kommen wir Sonntag für Sonntag als Gemeinde zu diesem geistlichen Felsen. Hier wird deutlich: Wir gehen nicht einfach bloß in irgendeinen Gottesdienst, vielleicht weil es irgendwie abwechslungsreich und unterhaltsam ist oder weil irgend ein interessanter Redner sprechen wird – wir gehen deshalb zur Gemeinde, weil der Herr Jesus da ist und weil er uns geistliche Nahrung geben will, die wir alle so dringend brauchen.

 

Wir erkennen auch, daß es Gottes Wille ist, daß das ganze Volk Gottes sich vor dem Felsen versammeln soll. Alle sollen dabei sein, jeder soll etwas von diesem Wasser zu trinken bekommen – das Wasser ist ein Bild für das Wort Gottes. Es wird uns insbesondere dann gegeben, wenn wir uns vor dem Felsen versammeln. Da sollte niemand fehlen. Wer fehlt, läuft Gefahr, geistlich zu verdursten. In der Wüste dieser Welt, durch die wir heute als Christen gehen, brauchen wir nicht nur das Manna, das man jeden Morgen aufsammeln mußte – es ist ein Bild für das persönliche Bibellesen – wir brauchen auch das Wasser aus dem Felsen. Das erhalten wir nur, wenn wir uns vor dem Felsen versammeln, d.h. wenn wir als Gemeinde zusammenkommen und wenn der Herr Jesus in unserer Mitte ist. Das Manna und das Wasser, die persönliche Stille Zeit und das Zusammenkommen als Gemeinde: Beides ist lebensnotwendig für uns.

 

Es wird uns auch gezeigt, wie wir dieses Wasser erhalten: Mose und Aaron sollten zu dem Felsen reden. Was sollten sie sagen? Sie sollten den Felsen um Wasser bitten. Genau das ist auch unsere Aufgabe. Wir bitten den Herrn Jesus, uns das zu geben, was jeder von uns für sein geistliches Gedeihen benötigt. Diese Bitte wird immer erhört. Aber was taten Mose und Aaron? Handelten sie nach den Anweisungen Gottes? Redeten sie zu dem Felsen? Aarons Fehler war, daß er überhaupt nichts sagte – er gehörte zu den Brüdern, die in der Gemeinde schweigen – und Mose? Auch er redete nicht zu dem Felsen, sondern sprach sofort die versammelte Gemeinde an. Nun, das hatte Gott nicht verboten, es war sicher erlaubt, zu der Gemeinde zu reden – Mose hatte sogar sehr oft den Auftrag, zur Gemeinde zu reden, aber hier hatte er den Auftrag, zum Felsen zu reden. Und dieser Auftrag wurde nicht ausgeführt. Wir sehen hier einen Mose, der sich nicht völlig auf Gottes Wort verläßt. Ja, er wollte wohl schon den Anweisungen Gottes folgen. Deshalb ging er auch in die Stiftshütte und holte den Stab Aarons hervor, aber er nahm auch seinen eigenen Stab mit, und so ging er mit 2 Stäben in der Hand zu dem Felsen und er setzte schließlich sogar seinen Stab ein und schlug damit den Felsen, anstatt mit ihm nur zu reden.

 

Der göttliche Befehl ,,Redet mit dem Fels" enthielt eine große Glaubensprobe. Dieser Befehl verlangte einen Glauben an die Wirkung des Wortes. Mose sollte dem einfachen Wort, das er in Gottes Auftrag redete, eine wunderbare Segenswirkung zutrauen. Stattdessen half er mit eigenem Bemühen, mit dem Schlagen auf den Felsen, etwas nach, als ob Gottes Wort allein noch nicht genüge, um den Felsen zu sprengen. Er ließ nicht das Wort allein wirken. Man könnte meinen, Mose sei eben ein kreativer Mensch gewesen. Kreativität, die Fülle der unterschiedlichsten Aktionen und Methoden steht ja heute hoch im Kurs. Vielen Christen scheint gerade dies der Schlüssel zu sein, um Menschen, die dem Glauben fern stehen, zu gewinnen. Aber es gefällt Gott, die Menschen durch die Torheit der Predigt zu retten. "Der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt aber durch das Wort Christi" (Rö. 10,17). Hier stehen wir an einem Punkt, der heute heiß diskutiert wird. Alle diejenigen, welche Gottes Wort predigen, stehen immer wieder in Gefahr, dem einfachen, schlichten Gotteswort nicht genug zuzutrauen. Wir haben von Gott den Befehl erhalten, das Evangelium nach der Schrift zu verkündigen. Dieses Evangelium kann noch mehr als einen Felsen in der Wüste sprengen. Es kann Herzen, die härter sind als ein Fels, zerschmettern.

 

Jer 23,29    Ist mein Wort nicht brennend wie Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?

 

Weil dieser Glaube uns oft mangelt, stehen auch wir in der Versuchung, menschliche Techniken und Methoden anzuwenden, eben "kreativ" zu sein und durch eigenes Bemühen irgendwie nachzuhelfen. Auch wir stehen immer wieder in der Gefahr, daß uns das selbe Urteil trifft, das einst Mose und Aaron traf: ,,Ihr habt mir nicht geglaubt, mich zu heiligen".

 

Laßt uns deshalb achthaben, daß wir sein Wort allein wirken lassen.

 

Bei allem menschlichen Versagen, was wir in diesem Bibelabschnitt vorfinden, leuchtet doch Gottes Gnade um so deutlicher hervor. Gottes Gnade ist größer als das Versagen der Menschen. Trotz des Haderns des Volkes und trotz des Ungehorsams ihrer Führer hat Gott in seiner Güte dafür gesorgt, daß der Felsen sein Wasser hergab, ja, es kam sogar "viel Wasser heraus, und die Gemeinde trank und ihr Vieh." (V.11)

 

Wir haben es heute mit dem selben Gott zu tun, der immer noch heilig ist und jede Form von Sünde verabscheut. Dieser Gott ist aber zugleich auch gnädig und barmherzig. Auch heute gibt es viele Mißstände und viel Versagen im Volk Gottes. Das sollte uns vor allem im Blick auf das baldige Ende der Wüstenreise Seiner Gemeinde bekümmern. Es sollte uns dazu veranlassen, daß wir wie Mose und Aaron demütig ins Gebet gehen. Dann dürfen wir erleben, daß er auch uns immer wieder die notwendige geistliche Speise gibt, damit wir in der Lage sind, das Ziel auch zu erreichen. Er tut es, weil einer da ist, der für uns spricht:

 

1Joh 2,1-2 Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt; und wenn jemand sündigt - wir haben einen Beistand bei dem Vater: Jesus Christus, den Gerechten. Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.