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Die beiden Naturen
von Geo Cutting.                   Gefunden bei Beröa - Verlag Zürich.

Wer viel mit Christen zu tun hat, die noch nicht lange auf dem Wege des Glaubens sind, hört oft die Bemerkung: «Zuerst meinte ich, ich sei errettet, aber jetzt beginne ich zu fürchten, dass das alles eigent­lich nur Selbsttäuschung war. Weit entfernt davon, dass ich mich .nun besser fühle, komme ich mir eher schlechter vor als vor meiner Bekehrung. » In solchen Fällen stellt man meistens fest, dass diese Christen nicht so sehr beunruhigt sind über ihre Sünden, als vielmehr tief enttäuscht, weil sie nach und nach entdecken, dass durch die Wiedergeburt ihre böse Natur keineswegs gebessert ist, sondern dass sie seither sogar viel schlechter geworden zu sein scheint. Sie unternehmen erfolglose Anstrengungen, sie zu bessern. Aber ach, es wird nur immer schlim­mer! Eine solche seelische Verfassung gibt dem Satan willkommene Gelegenheit, seine feurigen Pfeile ab­zuschiessen. Er flüstert ihnen zu, sie seien elende Heuchler, die trotz besserem Wissen zu sein beken­nen, was sie gar nicht sind; sie sollten lieber alles aufgeben, sich in ihrem wahren Licht zeigen und ge­stehen, dass sie nie bekehrt worden seien.

Welch tiefe Herzensangst bewirken solche Angriffe, solange die wahre Freiheit noch nicht erkannt ist! Nur wer durch solche Nöte gegangen ist, vermag sich diese unsägliche Bitterkeit vorzustellen. Die hier dargestellten Gedanken wurden im Verlangen niedergeschrieben, solchen Gläubigen zu helfen und sie zu ermuntern.

Göttliche Tatsachen und menschliche Gefühle

Wenn Gott in Seinem Wort eine Tatsache klar feststellt, tun wir gut daran, uns darunter zu beugen und sie im Glauben anzunehmen, auch wenn unser Verstand sie im Augenblick nicht fassen kann und un­sere Erfahrung damit nicht übereinstimmen mag. Gott ist Sein eigener Ausleger, und Er wird es zu Seiner Zeit der Seele, die mit Geduld auf Ihn wartet, meistens «klar machen». Und selbst wenn Er in die­ser Welt gutfände, dies nicht zu tun, ist es doch unsere Aufgabe, die göttlichen Tatsachen im Glau­ben anzunehmen; denn ihr Urheber irrt sich nicht. Bevor wir auf den Hauptgegenstand, der uns be­schäftigt, eingehen, möchte ich an einem Beispiel zeigen, was ich meine. Möge Gott es einem jeden Leser, der im Zweifel ist, ob er das ewige Leben wirklich schon jetzt besitze, zum Segen werden lassen.

Wir wollen einmal das 3. Kapitel des Johannes­Evangeliums aufschlagen. Dort finden wir in den letzten zwei Versen vier feste Tatsachen, die Gott als

für uns gültig niedergelegt hat. Lasst sie uns in fol­gender Ordnung lesen:

1. Der Vater liebt den Sohn.

2. Er hat alles in Seine Hand gegeben.

3. Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben.

4. Wer dem Sohne nicht glaubt.... auf ihm bleibt der

Zorn Gottes.

Ich wiederhole es: Dies sind vier Tatsachen, also nicht nur menschliche Meinungen, die sich auf irgend­welche eigene Erfahrungen in uns stützen. Es sind unveränderliche Tatsachen. In welcher Weise nun irgendeine Tatsache dich berührt, wenn sie geglaubt wird, ist eine andere Sache: Das ist eine Sache deines Empfindens und deiner Erfahrung. So lösen zum Beispiel politische Ereignisse bei den Menschen in den verschiedenen Ländern eine Vielzahl von Reak­tionen aus: Aber die Tatsache ist immer dieselbe. Die Erfahrung kommt aus der geglaubten Tatsache hervor, die Tatsache selbst hing nicht von der Erfah­rung ab.

Ein anderes Beispiel: Ein junger Mann wird ein gros­ses Vermögen und hohe Vorrechte empfangen, sobald er volljährig ist. Eines Tages sagt der Vater zu ihm: «Herzliche Glückwünsche! Du bist heute volljährig geworden, mein Sohn!» Der Sohn erwidert: «Ent­schuldige, Vater, aber ich glaube, du hast dich ge­täuscht.» «Wie das?» erkundigt sich der erstaunte

Vater. «Nun, aus folgenden drei Gründen: Erstens fühle ich mich noch nicht zwanzigjährig. Zweitens schaute ich gerade heute morgen in den Spiegel und bin daher sicher, dass ich noch nicht wie zwanzig aussehe. Und drittens weiss ich mit Bestimmtheit, dass viele meiner besten Freunde der Meinung sind, ich sei höchstens achtzehn, im besten Falle neunzehn Jahre alt. Wie kann ich da volljährig sein? Meine Freunde glauben es nicht, ich selbst fühle es nicht und sehe auch gar nicht so aus!»

Was würde ein weiser Vater in einem solchen Falle wohl tun? Er würde einfach den Geburtsschein her­vorholen. Wenn auch diese klare Mitteilung den tö­richten Sohn nicht überzeugte, könnte ihm wirklich nichts helfen.

«Aber», wirst du ausrufen, «wer würde so dumm sein, in solcher Weise zu reden?» Ich antworte: Pass auf, dass du selbst dich nicht so töricht benimmst! Denn niemand wird leugnen, dass es heutzutage viele gibt, die sich zum Glauben an Christum Jesum bekennen, und doch in ähnlicher Weise argumentieren, und das angesichts der klaren Tatsache, die Gottes Wort be­zeugt. Wenn nun das vom Amt ausgestellte Zeugnis genügt, dem Sohn - ganz unabhängig von seinen Ge­fühlen - über sein wirkliches Alter Auskunft zu ge­ben, so sollte das geschriebene Wort Gottes, das «aus dem Munde Gottes hervorgeht», uns ebenso völlig genügen, um uns die volle Gewissheit ewigen Segens

zu geben. Beachte, wie Christus das «es steht geschrie­ben» mit dem «Munde Gottes» in Verbindung bringt (Matth. 4, 4). So urteilt der wahre Glaube immer. Nun wollen wir uns um der beunruhigten Leser wil­len nochmals den vier Tatsachen in Johannes 3 zu­wenden:

1. «Der Vater liebt den Sohn».

Glaubst du diese Tatsache? «0 ja», sagst du, «das glaube ich wohl.» Aber fühlst du es auch, dass der Vater den Sohn liebt. Nun wirst du antworten: «Es handelt sich ja gar nicht darum, was ich fühle; ich bin sicher, dass Er Ihn liebt, aus dem einfachen Grund, weil Gottes Wort es sagt. Nicht was ich denke oder fühle zählt. Es ist eine Tatsache, darum glaube ich es.»

2. «Und hat alles in seine Hand gegeben.»

«Nun», sagst du, «auch diese Tatsache glaube ich fest.»

Aber ist es so, weil du es fühlst, oder weil du alles in Seiner Hand siehst?

«Nein», erwiderst du, «aber ich bin völlig überzeugt davon, weil Gott es erklärt hat.» 4. «Wer aber dem Sohne nicht glaubt, ... auf ihm bleibt der Zorn Gottes.»

Nun frage ich wiederum: Glaubst du auch diese Tat­sache, nämlich, dass der Zorn Gottes auf dem Un­gläubigen bleibt? Auch da wirst du vielleicht mit «ja» antworten. Angenommen aber, der Ungläubige fühlt

es nicht? «Ah», entgegnest du, «der Zorn bleibt trotz­dem auf ihm. Ob er es fühlt oder nicht fühlt, kann die Sache nicht wahr oder unwahr machen. Die uns mitgeteilte Tatsache Gottes steht fest, und «das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit» (Jes. 40, 8). «Aber», sagst du «ich bin nicht ungläubig. Ich glaube wirklich an den Sohn Gottes.» Nun, so beachte Punkt 3, den ich vorhin absichtlich ausliess: 3. «Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben.» In Johannes 3,33 lesen wir: «Wer sein Zeugnis an­genommen hat, hat besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.» Und denke daran, dass Gott nicht nur ein un­missverständliches Zeugnis über Seinen geliebten Sohn gegeben, sondern immer wieder sehr klare Tat­sachen festgestellt hat, welche die betreffen, die wirk­lich an Ihn glauben.

 

«Wenn ich nur glauben könnte, dass ich errettet bin, dann wäre ich es auch!», sagte eines Tages eine ge­ängstigte Frau, «aber ich habe noch nicht genug Glauben dazu.» So einleuchtend dies auf den ersten Blick erscheinen mag, so wenig entspricht es dem

Evangelium. Gott sagt nicht: «Wenn du nur genug Glauben hast, um zu glauben, dass du ewiges Leben besitzest, dann hast du es.» Dann würden wir ja unseren Glauben zum Erlöser machen und Christum ausschliessen. Aber wenn du an den Sohn glaubst, stellt Gott in bezug auf dich ganz einfach die Tat­

sache fest, dass du ewiges Leben hast und überlässt dir nur zu besiegeln, dass «Gott wahrhaftig ist». Wenn Gottes Zorn auf dem bleibt, der nicht glaubt, ob er es fühlt oder nicht, so hat der, welcher wirklich glaubt, ewiges Leben, ob er das dazu passende Gefühl zu haben meint oder nicht.

Zwei Unmöglichkeiten

Aber ein beunruhigter Gläubiger sagt vielleicht: «Das ist gar nicht meine Schwierigkeit. Ich zweifle keinen Augenblick, dass der Gläubige heute schon das ewige Leben besitzt. Aber wenn ich meine täglichen Erfah­rungen mit anderen klaren Wahrheiten in Gottes Wort vergleiche, so fange ich an zu befürchten, dass ich überhaupt nicht wiedergeboren bin. Im ersten Johannesbrief zum Beispiel stehen drei unmissver­ständlich festgestellte Tatsachen, hinsichtlich dessen, der «aus Gott geboren» ist, und ich kann keiner von ihnen entsprechen, wie sehr ich mich auch anstrenge: 1. «Er tut nicht Sünde, ... und er kann nicht sün­digen» (1. Joh. 3, 9).

2. «Er überwindet die Welt» (5, 4).

3. «Der Böse tastet ihn nicht an» (5, 18). Angesichts solcher Worte muss ich bekennen:

a) dass ich sündigen kann, und leider auch Sünde tue;

b) dass die Welt mich überwindet, statt dass ich sie überwinde;

 

c) dass der Feind mich schon unzählige Male besiegt hat, - dass er mich also wirklich antastet. «Ist es da erstaunlich», sagst du, «dass ich oft ver­legen werde, ja voller Angst bin, wenn ich solche Worte meiner Erfahrung gegenüberstelle?» Nein, in der Tat, es wundert mich nicht. Aber ich sage dir zum Troste, dass die, welche «tot sind in ihren Sünden» diesen Konflikt nicht haben. Nur Be­kehrte wünschen wirklich, den Gedanken und dem Willen Gottes zu entsprechen. Die Unbekehrten be­gehren nicht, Seine Wege zu kennen, denn «es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen» (Röm. 3, 18). Aber kehren wir zu unserem Problem zurück. Wir haben die eine Unmöglichkeit gesehen: «Wer aus Gott geboren ist, kann nicht sündigen.» Nun wollen wir aber auch die andere kennen lernen: «Die Ge­sinnung des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott, denn sie ist dem Gesetz Gottes nicht untertan, denn sie vermag es auch nicht. Die aber, welche im Fleische sind, vermögen Gott nicht zu gefallen» (Röm. 8, 7-8). Beachten wir folgende Gegensätze: Einerseits «im Fleische», «aus dem Fleische geboren» und »vermö­gen Gott nicht zu gefallen».

Anderseits aber «aus Gott geboren» und «können nicht sündigen».

Wir müssen wissen, dass Gott im Wort in zwei Arten vom Fleisch spricht:

Erstens wird unser physischer Körper «Fleisch» ge­nannt. Zum Beispiel: «Gott wurde geoffenbart im Fleische» (1. Tim. 3, 16, Und Paulus schrieb den Ko­lossern (2, 1): «So viele mein Angesicht im Fleische nicht gesehen haben.»

Zweitens bedeutet «Fleisch» die böse oder gefallene Natur in jedem Nachkommen Adams, die vergiftet ist durch die innewohnende Sünde. Diese ist die wirk­liche Quelle aller sündigen Handlungen: «Das Fleisch gelüstet wider den Geist» usw. (Gal. 5, 17).

 

 

Zwei verschiedene Naturen in einer Person

 

Wir stellten fest, dass wir bei unserer natürlichen Geburt eine böse Natur empfangen haben, die so schlecht ist, dass sie sich unmöglich dem heiligen Gesetz Gottes unterwerfen kann. Sie «kann Gott nicht gefallen». «Siehe, in Ungerechtigkeit bin ich geboren, und in Sünde hat mich empfangen meine Mutter», sagt der Psalmist (Ps. 51, 5). Wird der Mensch aber von heuem geboren, empfängt er durch die unumschränkte Wirksamkeit des Hei­ligen Geistes, mittelst des Wortes Gottes (Jak. 1, 18; 1. Petr. 1, 23), eine ganz andere, eine «göttliche Natur» (2. Petr. 1, 4), ein neues Leben. Der Herr bringt dies gegenüber Nikodemus in wenigen Worten zum Ausdruck: «Was aus dem Fleische geboren ist,

 

ist Fleisch, und was aus dem Geiste geboren ist, ist Geist» (Joh. 3, 6).

Der Gläubige besitzt also zwei Naturen, eine, die «aus dem Fleische geboren ist» und ihrem Wesen nach Gott nicht wohlge f allen kann, und eine andere, die aus dem Geiste geboren ist, und ihrem Wesen nach nicht sündigen kann, weil sie aus Gott geboren ist.

Im 7. Kapitel des Römerbriefes werden diese beiden Naturen miteinander erwähnt, wie z. B. im letzten Vers: «Also nun diene ich selbst mit dem Sinne (d. h. mit dem erneuerten Geiste, oder anders ausgedrückt, mit der neuen Natur) Gottes Gesetz, mit dem Fleische aber (d. h. mit der alten Natur) der Sünde Gesetz.» Und in den Versen 22-23: «Denn ich habe Wohlgefallen an dem Gesetz Gottes nach dem in­nern Menschen; aber ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Sinnes widerstreitet ...»

Ein einfaches Beispiel mag als Illustration dienen: Eine Bäuerin, die von einer Henne Enteneier aus­brüten lässt, entdeckt nach einer Woche, dass irgend­wer einen Teil der Eier zerstört hat. Sie ersetzt sie durch Hühnereier. Sobald die Vöglein ausgeschlüpft sind, sieht sich die Henne als Mutter von zwei Arten von kleinen Lebewesen. Sie kümmert sich aber wenig darum, bis sie eines schönen Tages zu ihrem Schrecken wahrnimmt, wie die Entlein einem benachbarten

Teich zusteuern und von ihrem ersten Ausflug im Wasser so entzückt sind, dass all ihr Glucksen und ihre dringenden Warnrufe nicht imstande sind, sie aufs Trockene zu locken. Die Küchlein dagegen zei­gen nicht die geringste Lust, sich auf das trügerische Element zu wagen und wären sogar tief unglücklich, wenn man sie dazu zwänge. Hier haben wir zwei ganz verschiedene Naturen mit völlig verschieden geartetem Geschmack und Gewohnheiten vor uns. Was aus dem Entenei kam, entspricht der Natur der Enten; was aus dem Hühnerei kam, entspricht der Natur der Hühner, obwohl beide Eierarten im selben Nest gebrütet worden sind. Aber alle Bäuerinnen der Welt, mit Hilfe sämtlicher Gelehrten, brächten es nie fertig, die Natur einer Ente in die eines Huhnes zu verwandeln. Jede von ihnen bewahrt ihre Eigenheit. Nun gut, die beiden Naturen im Christen sind auf Grund des Unterschiedes ihrer Herkunft noch tau­sendmal mehr verschieden. Die eine kommt vom Menschen - vom verlorenen, schuldigen, gefallenen Menschen - die andere kommt von Gott und ent­spricht der ganzen Heiligkeit Seiner unbefleckten Natur. Die eine ist menschlich und verunreinigt, die andere göttlich und folglich vollkommen rein. Jeder schlechte Gedanke oder jede böse Handlung des Gläubigen muss also von der alten Natur herrühren; jeder gute Wunsch aber, jede Gott wohlgefällige Handlung kommt aus der Quelle der neuen Natur.

Aber jetzt taucht eine andere wichtige Frage auf:

Wird die alte Natur durch das Vorhandensein der neuen Natur veredelt?

Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort: Nichts vermag das Fleisch zu verbessern. Seit dem Fall Adams und Evas bis zum Kreuze Christi ist dieser Versuch auf jede erdenkliche Weise gemacht worden. Und mit welchem Ergebnis? Der Mensch hat das heilige Gesetz Gottes willentlich übertreten, als ihm Gott gebot, sich diesem zu unterwerfen. Sein Sohn wurde auf grausame Weise umgebracht, als Er diese Welt in Gnade besuchte. Statt dass die Anwesenheit des göttlichen Lebens die alte Natur verbessert, macht sie also nur deren völlige Verderbtheit offenbar. Wenn du einem armen Bettler einen neuen Rock gibst, meinst du dann, dieser verschönere das Aus­sehen seiner alten, zerrissenen und zerfransten Hosen?

«Wenn aber», so sagst du, «meine alte Natur weder vergeben noch gebessert werden kann, so ergeben sich daraus zwei neue Schwierigkeiten:

1. Wie kann ich davon befreit werden?

2. Wie kann ich sie unter meiner Kontrolle halten?»

Bevor wir diese Schwierigkeiten klären, wollen wir den wichtigen Unterschied beachten, den die Schrift selbst macht zwischen:


 

«der Sünde» im Fleische und «den Sünden».

 

Das Wesen der verderbten Natur, mit der wir gebo­ren worden sind, wird häufig «die Sünde» genannt, während die bösen Handlungen, Worte und Gedan­ken, die sich daraus ergeben, dass wir diese ver­derbte Natur besitzen, «die Sünden» genannt werden. Beachte diese Unterscheidung in 1. Johannes 1, 8-9: «Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst», und: «Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt.» Diese Unterscheidung ist von grösster Wichtigkeit, denn die Schrift belehrt uns, dass uns Gott unsere bösen Handlungen, d. h. unsere Sünden auf Grund des vergossenen Blutes Christi ver­gibt. Sie zeigt uns aber auch, dass Gott die Sünde im Fleische nie vergibt, sondern sie «verurteilt» oder verdammt. Ich will dies näher erklären.

 

Nehmen wir an, du habest einen Sohn von heftigem Temperament. Eines Tages wirft er in einem Wut­anfall seinem Bruder ein Buch an den Kopf und zer­bricht mit demselben Wurf eine Scheibe. Er bereut es, bekennt seine böse Handlung, und du vergibst ihm von Herzen. Aber was wirst du mit dem heftigen Temperament tun, das ihn zu dieser Tat verleitet hat? Wirst du es vergeben? Unmöglich! Du verab­scheust und verurteilst es unbedingt; wenn es dir

möglich wäre, würdest du es zum Verschwinden bringen.

Der schlechte Charakter, (an sich eigentlich nur ein Wesenszug der bösen Natur), entspricht der in uns wohnenden Sünde, während die Entfaltung seiner bösen Tätigkeit, die den Bruder verletzt und die Scheibe zerschlägt, mehr den Sünden entspricht. Wenn also Gott die Sünden des Gläubigen umsonst vergibt, ich wiederhole es, so wird Er die Sünde nie­mals vergeben. In Seiner Gerechtigkeit kann Er sie nur unters Urteil bringen, nur der Tod kann von ihr befreien.

In Römer 8, 3 lesen wir: Gott hat, «indem er seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sendend (d. h. als Opfer für die

Sünde), die Sünde im Fleische verurteilt.»

Die ersten Kapitel des Römerbriefes beschäftigen sich mit der Befreiung von den Sünden, aber im sechsten Kapitel zeigt uns der Apostel, wie wir von der Sünde befreit werden. Der letzte Vers des vierten Kapitels z. B. redet von Jesum Christum, «welcher unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist». Die gesegnete Folge dieser Dahingabe ist die, dass denen, welche an Ihn glauben, gerechterweise vergeben wird, d. h. sie werden «gerechtfertigt» und haben «Frieden mit Gott». Aber wie wir soeben sag­ten, handelt es sich im sechsten Kapitel um einen

ganz anderen Gegenstand: um die Befreiung von der Sünde: «Wer gestorben ist, ist freigesprochen von der

Sünde» (V. 7).

Der Unterschied zwischen diesen beiden Dingen wird dir klar, wenn du die Reinigung des Aussätzigen (3. Mose 14, 1-7) mit der des Naaman vergleichst (2. Kön. 5, 10-14).

Beachte, wie in der erstgenannten Stelle der arme Aussätzige, der völlig ausserstande war, irgend etwas zu seiner eigenen Reinigung zu tun, sich nur stille verhalten musste und sozusagen zuschauen durfte, was für ihn getan wurde. Der «lebendige und reine Vogel» wurde in das Blut eines zweiten, geschlachte­ten Vogels getaucht, und dann ins freie Feld fliegen gelassen. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass der unreine Aussätzige, im Bilde, jemand für sich in den Tod herabsteigen sieht, der «lebendig» und «rein» ist. Dieser ins Blut getauchte Stellvertreter fliegt dann ins freie Feld hinaus, und der Aussätzige wird durch den Mund des Priesters für rein erklärt. So hat auch «Christus einmal für Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, auf dass er uns zu Gott führe» (1. Petr. 3, 18), und folglich kann keinerlei Flecken mehr an uns, die wir an Ihn glauben, gefunden und keine Anklage mehr gegen uns erhoben werden. «Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde» (1. Joh. 1, 7), und «von allem», wovon ihr im Gesetz Moses nicht gerechtfertigt werden

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konntet, wird in diesem jeder Glaubende gerecht­fertigt» (Apg. 13, 39).

Gehen wir nun zum Fall des Naaman über. Hier sehen wir nicht eine andere Person für ihn hinab­steigen. Er selbst muss sich in den Jordan tauchen, einem Bild des Todes. Ich will nicht bei dem stehen bleiben, was daraus hervorging; es genügt, darauf hinzuweisen, dass alles, was er als Aussätziger war, dem Bilde nach im Tode verschwand. Die Schrift belehrt uns also, dass nicht nur Christus für den Gläubigen in den Tod hinabgestiegen ist, sondern dass auch dieser selbst, wie Naaman, in den Tod eingetreten ist. Er ist «mit Christo gestorben» (Röm. 6, 8).

Es besteht aber ein grosser Unterschied zwischen un­serer Befreiung und derjenigen Naamans. Er wurde von der Gegenwart der Plage befreit, wir aber wer­den von der jetzigen Gegenwart der Sünde, die in uns wohnt, erst befreit, wenn wir diese Welt entweder durch den Tod oder beim Kommen des Herrn ver­lassen.

So ist also alles, was wir von Natur sind, wie auch alles, was wir getan haben, am Kreuze schon ge­richtet worden, und Der, welcher dort unser Stell­vertreter im Gericht war, hat ausgerufen: «Es ist vollbracht!» Wer kann uns also verdammen? Es gibt nichts mehr zu verdammen. Wenn Satan kommt und uns unsere Sünden vorhält, so suchen wir sie weder

zu leugnen noch sie zu entschuldigen, sondern wer­den einfach antworten: «Christus ist für meine Sün­den gestorben.» Und wenn er uns durch den Gedan­ken an unsere sündige Natur beunruhigen will, fügen wir hinzu: «Und auch ich bin gestorben.»

Hier zeigt sich nun für viele eine praktische Schwie­rigkeit. Ich habe einmal einen Gläubigen sehr in­ständig beten hören, «dass es ihm geschenkt werde, zu fühlen, dass er mit Christo gestorben sei». Sagt denn Gott irgendwo, dass wir fühlen müssten, gestor­ben zu sein? Nein, aber Er leitet uns an, uns für tot zu halten: «Haltet euch der Sünde für tot, Gott aber lebend in Christo Jesu» (Röm. 6, 11). Wir müssen glauben, dass wir mit Christo gestorben sind, einfach weil Gott es sagt, und nicht weil wir es fühlen; denn wir können dies nie empfinden. Gott sagt uns, dass es in Seinen Augen so ist, und Er will, dass wir dies so einfach glauben, wie wir die Tatsache glauben, dass Christus für unsere Sünden gestorben ist. Gott rechnet uns den Tod unseres Stellvertreters zu, als ob es unser Tod wäre. Und die Rechnung des Glaubens stimmt immer mit der Rechnung Gottes überein. So hat also unsere alte Stellung als Söhne des gefal­lenen Adams am Kreuze vor Gott ein Ende gefunden, oder, wie die Schrift sagt: «Unser alter Mensch ist mitgekreuzigt» worden (Röm. 6, 6), und jetzt sind wir in lebendiger Beziehung mit dem zweiten Adam, dem auferstandenen Christus, oder wie es in Römer

7, 4 heisst: «Wir sind eines anderen geworden, des aus den Toten Auferweckten.»

Als Gläubige sind wir in eine ganz neue Stellung eingeführt worden. Der am Kreuze für uns zur Sünde gemacht und gerichtet wurde, ist nun aus den Toten auferstanden und Gott sieht uns «in ihm». Wir sind gemacht zur Gerechtigkeit Gottes in Christo, und sind daher auf immerdar sicher vor dem Gericht. «Aber ist es denn möglich, wird jemand sagen, dass die Gegenwart einer so bösen Sache wie das Fleisch eine ist, nicht ein Hindernis wird für meine Gemein­schaft mit Gott?» Ich möchte dies an einem weiteren Beispiel erklären.

Ein Vater und sein Sohn sind eines Tages zu Hause und geniessen eine glückliche Gemeinschaft mitein­ander, d. h. sie sind in allem eins, sowohl in ihren Gedanken als auch in ihren Gefühlen. In diesem Augenblick kommt ein anderes Kind vom Walde her und stellt ein Gefäss mit Tollkirschen auf den Tisch. Sogleich verurteilt sie der Vater und bezeichnet sie als schreckliches Gift, wovor man sich hüten müsse, und ordnet an, sie sicher wegzubringen. Wenn nun der Sohn den Gedanken seines Vaters bezüglich dieses Giftes teilt und es gleicherweise verurteilt, so wird die blosse Gegenwart der bösen Früchte nicht den geringsten Unterbruch in der Gemeinschaft zwi­schen dem Vater und dem Sohne herbeiführen. Wenn aber der Sohn, durch den schönen Anblick dieser

Früchte getäuscht, sich weigern würde, das Urteil des Vaters anzunehmen und diese Tollkirschen zu behal­ten suchte, so wäre er nicht mehr in Gemeinschaft mit ihm. Und wenn er sie gar essen würde, so wür­den sich gewiss schlimme Folgen einstellen. Sobald er jedoch seine Torheit einsieht und seinen Eigenwil­len demütig bekennt, wird er wieder den Standpunkt seines Vaters einnehmen, diese schlechten Früchte verurteilen und die verlorene Gemeinschaft wieder finden.

Entdeckt der Gläubige, den Gott in diesen Wahrheiten unterwiesen hat - was nicht anders sein kann - dass die Sünde noch in ihm wohnt und die alte Natur noch ebenso schlecht, ja sogar noch schlechter ist als je, so soll er, statt unnötig zu versuchen, sie zu ver­bessern, den Standpunkt Gottes gegen sie einnehmen. Er betrachtet sie nur noch als einen tödlichen Feind, wovor man sich immer hüten muss und den man niemals dulden kann.

Er weiss, dass Gott sie am Kreuze ganz gerichtet hat, und daher verurteilt auch er sie ganz und gar. Er hält sich der Sünde für tot, «Gott aber lebend in Christo Jesu».

O welche Gnade, dass Gott vom Fleische gar nichts Gutes mehr erwartet, sondern es für immer beiseite gesetzt hat, als durch und durch böse. Zudem hat es durchaus keinen rechtlichen Anspruch mehr auf uns. Wir sind dem Fleische gegenüber keine Schuldner

mehr, «um nach dem Fleische zu leben» (Röm. 8,12). Obwohl wir verantwortlich sind, die grösste Wach­samkeit an den Tag zu legen, damit es nicht wirksam sein kann, gibt uns Gott durch den Tod und die Auf­erstehung Christi das Recht, das Fleisch als etwas zu betrachten, das in unserer neuen Stellung vor Ihm keinen Platz mehr hat. Das Kreuz Christi hat das Band, das uns mit dem ersten gefallenen Menschen verknüpfte, für immer durchschnitten und der Heilige Geist hat in unsere Seelen das Leben des auferstan­denen zweiten Adam eingeführt.

Gott betrachtet uns durchaus nicht mehr als «im Fleische», sondern als «im Geiste», und das einzige Leben, das wir jetzt vor Ihm besitzen, ist das Leben Christi. Daher konnte der Apostel sagen: «Ich bin mit Christo gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt lebe im Fleische, lebe ich durch Glauben, durch den an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat» (Gal. 2, 20).

 

 

Was ist das Geheimnis unserer Kraft?

 

Um diese Frage zu beantworten, erinnere ich dich an das Beispiel von der Henne und ihrer Brut. Ihre Verzweiflung ist ein Bild von vielen Gläubigen unse­rer Tage. Welches war die Ursache der Aengste der

armen Henne? Einfach dies, dass es ihr unmöglich war, die Entlein zu verwandeln und aus ihnen das zu machen, was nach ihrem natürlichen Instinkt Küchlein sein sollten. Je grösser die Entlein werden, desto entschlossener sind sie, sich aufs Wasser zu begeben, wo sie es nur finden können. Manchmal, es ist wahr, kommen sie alle daher, um unter ihren Flügeln auszuruhen, und dann bildet sie sich ein, den Sieg davongetragen und sie verbessert zu haben. Aber ach! Dann folgen wieder Enttäuschun­gen, und es wird immer schlimmer. Eines Tages schickt die Bäuerin, die den Ruf der Unruhe der armen Henne vernimmt, ihr kleines Töchterchen, um die Entlein davon abzuhalten, in den Teich zu watscheln, denn sie sieht wohl, dass die Unruhe der Henne im Blick auf diesen Teil ihrer Brut, sie ernst­lich daran hindert, die Küchlein zu pflegen, wie es sich gehört.

Diese Hilfe bringt der Henne sogleich eine Beruhi­gung; denn obwohl sie kein Mittel gefunden hat, um die Manieren der kleinen Wasserstrolche zu verbes­sern, so ist ihr jetzt doch wenigstens die Macht ge­geben, sie zu kontrollieren.

Lasst uns nun dieses Bild auf uns anwenden. Wer aus dem Geiste Gottes geboren ist, besitzt jetzt Triebe, die der neuen Natur, die ihm mitgeteilt wor­den ist, eigen sind, Triebe, die am Gesetz Gottes ihr Wohlgefallen finden und ihn veranlassen, sich den

Weisungen des Wortes Gottes zu unterwerfen. Anderseits entdeckt er, dass er es auch mit den ge­genteiligen Trieben und Wünschen der alten Natur zu tun hat. Es gibt also eine «Gesinnung des Flei­sches» und eine «Gesinnung des Geistes». Der Ge­schmack und die Ansprüche dieser beiden Naturen sind in direktem Gegensatz zueinander.

Was aber den Neubekehrten besonders beunruhigt, ist dies, dass er aus dem Fleische nicht das machen kann, was das Wort Gottes von einer wiedergebore­nen Seele erwartet; das Gesetz kann ihm in diesem Kampfe ja nicht zu Hilfe kommen, weil es ihm kei­nerlei Kraft zu geben vermag. Mit anderen Worten, er versucht auszuführen, was Gott als völlig unmög­lich erklärt hat, nämlich, das Fleisch Seinem heili­gen Gesetz zu unterwerfen (siehe Römer 8, 7. 8). Er stellt fest, dass das Fleisch an die Dinge des Flei­sches denken will, dass es Feindschaft ist gegen Got­tes Gesetz und sogar gegen Gott selbst. Je mehr sich die Seele anstrengt, dieses Unmögliche zu erreichen, um so grösser wird ihr Elend sein. In der Tat, das Gesetz auf das Fleisch anwenden zu wollen, um die­ses zu unterwerfen, bringt dessen unabänderliche Gesetzlosigkeit nur umso deutlicher zum Vorschein. Wenn du Wasser auf ungelöschten Kalk giessest, so wirst du dadurch, statt ihn abzukühlen, nur die in ihm schlummernde Hitze an den Tag bringen. So ist es auch mit dem Fleisch; wende das Gesetz darauf


 

an und es wird nur «die Feindschaft» offenbar, die schon vorher in ihm schlummerte. «Durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde» (Röm. 3,20). Der Gläubige besitzt wohl eine Natur, die «das Gute» tun will, aber er entdeckt auch, dass «das Böse in ihm ist». Er wird schliesslich nur dadurch befreit, dass er aufhört, diesen aussichtslosen Kampf zu kämpfen, dass er von sich wegblickt und ausruft: «Ich elender Mensch, wer wird mich retten von die­sem Leibe des Todes?», und dass er Gott dankt durch Jesum Christum.

Somit hat er gelernt (was jeder Gläubige lernen muss, um die Befreiung erfahrungsgemäss zu ver­wirklichen)

1. dass das «Fleisch» wertlos ist, dass nichts Gutes darin wohnt und dass es dafür kein Heilmittel gibt (Röm. 7, 18; 8, 7); und

2. dass selbst in der neuen Natur mit ihren vorzüg­lichen Regungen keine wirkliche Kraft ist, weder für das Gute, noch gegen das Böse.

Der Geist Gottes gibt dem toten Sünder aber mehr als nur das Leben. Er wird ihm auch zur Kraft die­ses Lebens. Wenn der Neubekehrte an das «Evan­gelium seines Heils» glaubt, wird der Heilige Ceist als eine selbständige göttliche Person Wohnung in ihm machen (Eph. 1, 13). Er wird «versiegelt» auf «den Tag der Erlösung», das heisst, der Erlösung des Leibes (Eph. 4, 30 - siehe auch Römer 8, 9. 14. 16

und die Worte unseres Herrn in Johannes 14, 17). Nach 1. Korinther 6, 19 wird sein Leib zu einem «Tempel des Heiligen Geistes», der in ihm wohnt. Er gehört nicht mehr sich selbst, sondern ist «zu einem Preis erkauft worden».

 

Vor einiger Zeit sah ich an den Mauern eines grossen Hotels folgendes Plakat:

«Dieses Haus wird» - an einem bestimmten Datum - «unter einer ganz neuen Leitung wieder er­öffnet werden.» Ich schloss daraus, dass eine Handänderung stattgefunden und es nun einen neuen Be­sitzer haben musste. Dieses Plakat erinnerte mich sofort an den soeben angeführten Vers in 1. Korin­ther 6, 19.20. Das Haus war noch dasselbe; die Fen­ster, die Türen, die Kamine, die Nebengebäude hat­ten nicht gewechselt, aber es hatte einen neuen Be­sitzer und folglich «eine ganz neue Leitung». So ist es auch mit dem Gläubigen. Er ist dieselbe Person, mit denselben Fähigkeiten wie vor seiner Bekehrung; er hat vielleicht dieselbe Beschäftigung wie vorher; er lebt in den gleichen sozialen Um­ständen, aber er ist das persönliche Eigentum eines anderen geworden. Er gehört nun Christo an und als solcher ist er jetzt «einer ganz neuen Leitung unterstellt», denn der Heilige Geist wohnt in dem Leibe des Christen, macht ihn zu Seiner Wohnstätte und regiert das Haus fortan nach himmlischen


 

Grundsätzen. Wie feierlich ernst ist dies und gleich­zeitig wie unendlich kostbar!

Darin also besteht die Kraft des Gläubigen für jede gottgemässe Tätigkeit. Das ist seine Kraft, um dem Fleische zu widerstehen, um «die Handlungen des Leibes zu töten» (Röm. 8, 13). In Galater 5, 17 wird uns gesagt: «das Fleisch gelüstet wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch; diese aber sind einander entgegengesetzt, auf dass ihr nicht das tuet, was ihr wollt». Doch haben wir darauf zu achten, dass wir Den nicht «betrüben», der gekommen ist, um uns zu leiten, also den Heiligen Geist Gottes, durch welchen wir auf den Tag der Erlösung ver­siegelt worden sind.

 

Aber, so wird man fragen, wenn die schlechte Natur im Gläubigen bleibt, solange er auf der Erde lebt, jederzeit bereit, sich zu entfalten, wie kann dann das Wort Gottes von ihm sagen:

 

«Er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist» (1. Joh. 3, 9)?

 

Beachte zunächst, dass sich dieses Wort nicht nur auf einige besondere Personen bezieht, die den Glauben dafür haben. Es umfasst vielmehr die Ge­samtheit derer, die neues Leben besitzen: «Wer aus Gott geboren ist.»

«Aber», so wirst du wiederum einwenden, «dies widerspricht durchaus den eigenen Erfahrungen oder dem, was ich hei anderen sehe.» - Es mag dir so scheinen, aber lass uns die Sache unter Gebet etwas näher betrachten, indem wir uns daran er­innern, dass der erste Schritt zum Verständnis des Wortes der ist, es im Glauben anzunehmen. «Durch Glauben verstehen wir» (Hebr. 11, 3).

 

Ein Diener des Herrn pflegte zur Illustration dieser Wahrheit das Bild eines Pfropfreises zu gebrauchen, das man in den Stamm eines wilden Apfelbaumes einsetzt. Dieses Werk beginnt damit, dass man die Krone des wilden Apfelbaumes absägt. Dann wird das Reis, das von einem edlen Apfelbaum herrührt, sorgfältig in den Stamm eingesetzt, und schliesslich bedeckt man die Schnittstelle mit Baumwachs und verbindet sie. Das Edelreis kann sich nun entwickeln und entfalten.

Versetzen wir uns jetzt in Gedanken in diesen Obst­garten und unterhalten wir uns mit dem Gärtner. «Wie heissen Sie diesen Baum?» fragen wir ihn. «Das ist ein Apfelbaum.»

«Weshalb sagen Sie nicht, es sei zum Teil ein wil­der Apfelbaum und zum Teil ein veredelter Apfel­baum?»

«Weil sich ein Gärtner nicht so ausdrückt. Er war einst, es ist wahr, ein wilder Apfelbaum im Walde,

nun aber ist er ein edler Apfelbaum im Baumgarten. In Wirklichkeit ist es derselbe Baum, aber nachdem wir ihn abgesägt haben, hat seine Geschichte als wilder Apfelbaum ein Ende genommen. Als jedoch das Edelreis anfing Zeichen des Lebens zu geben, hat seine neue Geschichte als guter Apfelbaum be­gonnen.»

«Trägt dieser Baum nun keine Holzäpfel mehr?» «Nein, er kann es nicht mehr. Es ist dem guten Apfelbaum ebenso unmöglich, Holzäpfel zu tragen, wie es dem Wildling unmöglich war, gute Äpfel hervorzubringen.»

«Wollen Sie damit sagen, dass diesem Baum nun gar nichts von der Natur des Wildlings mehr an­haftet?»

«Nein, das behaupte ich nicht, aber ich halte daran fest, dass der wilde Apfelbaum in sich selbst nichts hat, was nicht verurteilt wäre, und wenn er noch Lebenszeichen gäbe, indem aus dem alten Stamm Schösslinge hervorbrächen, nähme ich sogleich die Baumschere und würde auch nicht den schwächsten Trieb verschonen.»

Machen wir nun eine Anwendung dieses Bildes. Der wilde Apfelbaum stellt einen Menschen in seinem natürlichen Zustand dar, bevor er aus Gott geboren ist. Wird er von neuem geboren, empfängt er durch den Geist und das Wort neues Leben, sozusagen ein Edelreis.

Diese Wahrheit ist es, von welcher der Apostel Johannes redet. So wie der Gärtner daran festhielt, dass der Baum ein guter Apfelbaum sei, so betrach­tet auch Johannes in der angeführten Stelle den Gläubigen nur in Beziehung zu der neuen Natur, zum göttlichen Leben, das er als ein aus Gott Ge­borener besitzt. So wie es für einen Apfelbaum (ein­fach als solcher betrachtet) unmöglich ist, wilde Früchte zu tragen, und dies, weil er ein Apfelbaum ist, so ist es auch für den aus Gott Geborenen (als solcher betrachtet) unmöglich, die Sünde zu prakti­zieren. «Sein Same bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist» (1. Joh. 3, 9). Wie könnte eine göttliche Natur sündigen?

Diese göttliche Natur war in Wirklichkeit dieselbe wie die, welche Christus in Seiner ganzen Laufbahn hienieden offenbarte. Er hat nicht gesündigt. Wie hätte Er es auch tun können? Er hat die Welt über­wunden. Der Böse konnte Ihn nicht antasten. «Der Fürst der Welt kommt und hat nichts in mir» (Joh. 14,30). Und, wie wir schon gesehen haben, ist dies auch von denen wahr, die aus Gott geboren sind, so dass der Apostel sagen kann: «Was wahr ist in ihm (Christus) und in euch.» Wie wunderbar ist doch dies! Und wir können in heiliger Anbetung ausrufen: «Sehet, welch eine Liebe uns der Vater gegeben hat, dass wir Kinder Gottes heissen sollen!

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Deswegen erkennt uns die Welt nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat» (1. Joh. 3, 1). Aber wenn der Apostel die göttliche Natur auf diese unvermischte und absolute Weise darstellt, so geht er dennoch nicht stillschweigend über das Bestehen der sündigen Natur im Gläubigen hinweg. So sagt er in 1. Johannes 1, 8: «Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.» Und in Kapitel 2, 1 wer­den wir ermahnt, nicht zu sündigen. Und wenn wir trotzdem in die Sünde fallen, so werden wir auf den Sachwalter bei dem Vater hingewiesen, auf Jesum Christum, «den Gerechten», der uns die Gemein­

schaft mit dem Vater wiederfinden lässt, indem Er

uns als Dessen Kinder dazu bringt, unsere Torheit einzusehen und unsere Sünden zu bekennen. In Kapitel 1, 9 wird uns überdies die tröstliche Zusiche­rung gegeben: «Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit.» Wieso treu und gerecht? Weil Jesus Christus, der Gerechte, ein für allemal eine volle Gerechtigkeit bewirkt hat, indem Er Sein kostbares Blut am Kreuze fliessen liess.

In den Briefen des Apostels Paulus werden wir be­lehrt, dass der Heilige Geist dem Gläubigen eine völlige Befreiung aus seiner alten Stellung in Adam gebracht hat. Sein Platz ist nun der eines Menschen,

der in Christo vollkommen gerechtfertigt und in Ihm von Gott völlig angenommen ist. Er zeigt uns, dass, obwohl im Gläubigen zwei verschiedene Naturen sind, Gott urteilt,

- dass unsere alte «Holzapfelbaum-Stellung» am Kreuze gerichtlicherweise vor Ihm ein Ende gefun­den hat;

- dass unser alter Mensch mit Christo gekreuzigt worden ist;

- dass wir als «Menschen im Fleische» beschnitten worden sind (Kol. 2, 11), und wir nicht mehr als sol­che betrachtet werden.

Daher kann er von der Zeit reden, da wir «im Flei­sche waren» (Röm. 7, 5), und in Römer 8, 9 stellt er fest: Ihr aber seid nicht im Fleische, sondern im Geiste. Es ist wie wenn der Baum sprechen könnte und sagen würde: «Ich habe meine Persönlichkeit als Baum nicht verloren, aber während ich einst ein wilder Apfelbaum im Walde war, bin ich jetzt ein fruchttragender Apfelbaum im Baumgarten.» Wie gut ist es, zu wissen, dass uns Gott nicht mehr als solche betrachtet, die mit dem verurteilten Leben des ersten Adam verbunden sind, sondern mit dem Auferstehungsleben Christi, des zweiten Adam. «Denn», sagt er, «ihr seid gestorben und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott» (Kol. 3, 3). «Also ist jetzt keine Verdammnis für die, welche in Christo Jesu sind» (Röm. 8, 1).


 

Welche Natur nähre ich?

Zum Schluss sei noch ein praktisches Wort über diese wichtige Frage hinzugefügt. Wir sahen, dass im Gläubigen zwei Naturen ver­schiedener Herkunft und völlig verschiedener Ge­sinnung sind. Bei ihm gibt es also Dinge, die «aus dem Fleische» und Dinge, die «aus dem Geiste» sind. Vergessen wir nicht, dass diese beiden Naturen täglich unsere Aufmerksamkeit auf ihre entsprechen­den Bedürfnisse ziehen wollen. - Da ist zum Bei­spiel ein Nest im Busch mit zwei kleinen Vögeln. Der eine, ein Kuckuck, schreit: «Gebt mir zu essen», und aus demselben Nest schreit der andere, ein Rot­schwänzchen, dasselbe. Bei den zwei Naturen ist es dasselbe, nur gedeihen die beiden Vögel mit dersel­ben Nahrung, während das, was beim Christen die alte Natur nährt, für die neue Natur keine nähren­den Elemente enthält; und was Nahrung ist für die neue, lehnt die alte Natur völlig ab.

In Römer 13,14 werden wir daher ermahnt, nicht Vorsorge zu treiben für das Fleisch, zur Erfüllung seiner Lüste, und nach 1. Petri 2, 11 sollen wir uns von den fleischlichen Lüsten enthalten, welche wider die Seele streiten. Anderseits aber sollen wir «wie neugeborene Kindlein begierig sein nach der

vernünftigen, unverfälschten Milch», damit wir

durch dieselbe wachsen zur Errettung (1. Petr. 2, 2).

Lasst uns also, wie treue Wächter, bei allem, was wir machen, sagen, lesen und denken auf der Hut sein, indem wir alles mit der Frage testen: «Nährt das die neue Natur, oder diene ich damit dem Flei­sche?» Lassen wir ja nichts durchschlüpfen, was das Fleisch nährt und «wider die Seele streitet» ! Wie­viele Schwierigkeiten wären gelöst oder würden ver­mieden, wenn wir uns diese einfache Frage stellten! Vergessen wir nicht, dass es schon in dieser Welt praktische Folgen haben wird, ob wir «für das Fleisch säen» oder «für den Geist säen». Denn «was irgend ein Mensch sät, das wird er auch ernten» (Gal. 6, 7. 8). Wenn wir für unser eigenes Fleisch säen, so können wir gewiss sein, dass wir «Verder­ben ernten», denn man darf die Regierungswege der Vaterhand nie mit der Liebe des Vaterherzens ver­wechseln.

Möchte uns doch ein immer zarteres Gewissen und ein immer grösseres Misstrauen gegen uns selbst kennzeichnen! Der Herr sei mehr und mehr unsere tägliche Nahrung, und Sein kostbares Wort unsere Wonne