Bibelkreis.ch

 

Liebe Geschwister

Im Folgenden einige Gedanken aus den lesenswerten Buch

"Die Pharisäer-Falle"

von Tom Hovestol (R.Brockhaus).


Liebe Grüsse

Bruno

Es ist ein Zeichen von aussergewöhnlichem und zutiefst schuldhaftem historischen Gedächtnisschwund und geistlicher Blindheit, wenn wir glauben, dass wir uns heute anders verhalten würden als damals die Pharisäer.

Wie leicht übersehen wir den in der Bibel durchgängig vermittelten Grundsatz, dass der grösste Feind des Christen in der Regel der Religiöse ist.

Das Mittel gegen Pharisäismus wird von Paulus in Philipper 3 beschrieben. Das Heilmittel gegen Religiosität ist Beziehung. Ein freies und gerechtes Leben kann man finden, wenn man Jesus näher kommt... Paulus wünscht sich eine persönliche, innige, tiefer werdende Beziehung zu dem auferstandenen Herrn Jesus Christus. Das ist nicht dasselbe, wie Fakten über ihn zu kennen oder das Glaubensbekenntnis aufsagen zu können, bestimmten historischen Ereignissen zuzustimmen oder auch Wissen über ihn anzuhäufen. Wie in der Ehe setzt das Kennenlernen Jesu Vertrauen, Liebe, Loyalität, Gespräch, Fingerspitzengefühl, Risikobereitschaft, Zeit, Dienstbereitschaft und andere Zutaten voraus. Paulus war bereit, zu investieren, was nötig war, um den Einen kennen zu lernen, der so liebevoll und mit so grosser Macht von ihm Besitz ergriffen hatte.

Kein Mensch ist wirklich gut, bevor er nicht weiss, wie schlecht er ist oder sein könnte..., bis er den letzten Tropfen des Öls der Pharisäer aus seinem Körper herausgepresst hat.

Eine der grossen Gefahren von umfassender Bibelkenntnis besteht darin, zu glauben, dass wir Gott kennen, weil wir sein Wort kennen.

Es ist nicht dasselbe, etwas über Gott zu wissen oder aber Gott wirklich zu kennen.

Es ist eine Fälschung des Glaubens, unsere Schlechtigkeit aufzudecken, ohne gleichzeitig auch die Möglichkeit auszuschöpfen, die Gott uns gibt. Morbide Innenschau ist billiger Ersatz für echten Zerbruch und führt häufig in die Depression.

Die beste Methode, uns so zu sehen, wie wir wirklich sind, besteht nicht im Vergleich mit anderen und auch nicht in krankhafter Innenschau, sondern darin, ganz bewusst mit Gott zu gehen und bei ihm zu bleiben. Und wenn wir uns selbst wirklich sehen, uns am Massstab Jesu messen, dann ist da kein Platz mehr für Stolz.

Die Sicherheit der bedingungslosen Liebe Christi befreit uns vor der Angst vor Menschen.

Es bringt viel Freiheit mit sich, wenn man seine Kräfte nicht mehr damit vergeudet, eine Fassade aufrechtzuerhalten.

Die Bibel kann zum Selbstzweck werden, statt ein Mittel zu einem Zweck zu sein... Der Zweck der Bibel ist es, uns zu Christus zu führen.

Die richtige Lehre zu haben, ist noch keine Garantie für eine richtige Herzenshaltung.

"Richtige Lehre" wird manchmal zu einem abgeschotteten theologischen System, das uns blind macht für die Wahrheit.

Viele Christen wollen gar nichts mit anderen Meinungen und Überzeugungen zu tun haben oder sich nicht einmal damit auseinandersetzen, weil sie Angst haben, dass sie dadurch in ihrer theologischen Sicherheit erschüttert werden könnten.

Manche schreiben über theologische Gegner, sprechen aber nicht mit ihnen.

Erkenntnisse von begabten Lehrern zu übergehen, ist töricht und überheblich. Aber anderen blind zu vertrauen und sie für uns denken zu lassen, ist geistlich unklug. Etwas zu übernehmen, ohne zuvor darüber nachzudenken, ist gefährlich. Wir müssen uns selbst mit der Bibel beschäftigen und auseinandersetzen.

Die Pharisäer machen uns klar, dass Bibelstudium auch eine sehr gefährliche Beschäftigung sein kann.

Die Pharisäer legten das Wort Gottes strikt so aus, dass unterschwellige Unterscheidungen, Nuancen und eine von Gott beabsichtigte Ausgewogenheit nicht wahrgenommen wurden... Sie hatten ein verzerrtes Bild von der biblischen Gewichtung. Geringfügigkeiten bekamen ein unverhältnismässig starkes Gewicht und aus Nebensächlichkeiten wurden Hauptanliegen.

Die Pharisäer kannten das Wort Gottes, aber nicht den Gott des Wortes... Sie befassten sich mit Eisegese (die eigene Meinung in Texte der Bibel hineinlesen) statt mit Exegese (die Wahrheit Gottes aus den Bibeltexten herauslesen).

Wir wollen uns daran erinnern, dass echte Frömmigkeit eine Beziehung zum himmlischen Vater ist.

Tradition ist der lebendige Glaube der Toten; Traditionalismus ist der tote Glaube der Lebendigen.

Das Wort "Tradition" ist kein theologisches Schimpfwort, wie viele Protestanten meinen. Die Frage ist also nicht, ob wir Traditionen haben, sondern ob unsere Traditionen mit dem einzig absoluten Massstab in dieser Sache übereinstimmen, der Heiligen Schrift.

Traditionen richten ihr Hauptaugenmerk häufig auf bestimmte Handlungen, während es Gott in erster Linie um Grundhaltungen geht, die zu bestimmten Verhaltensweisen anreizen.

Alle Traditionen müssen durch den Filter der Bibel hindurch, nicht umgekehrt. Uns muss klar bleiben, dass unsere Traditionen veränderlich und der Wahrheit Gottes untergeordnet sind.

Es gibt kaum etwas Anstössigeres als eine überhebliche Jugend, die versucht, verkrustete Traditionen durch vorgeblich zeitgemässere Gebräuche zu ersetzen. Das ist leider heutzutage eine weit verbreitete Seuche.

Ehemänner und Ehefrauen machen sich scheinbar mehr Sorgen, wie sie "ihre Beziehung vertiefen", als darum, wie sie einander einfach dienen können. Menschen machen sich so viele Gedanken um den Zustand ihre Psyche, dass sie elend um sich selbst kreisen, statt für Jesus und andere Menschen zu leben.

Regeln können zwar jungen Christen zu einem gewissen Mass an Stabilität verhelfen, aber sie bringen nicht viel, wenn es darum geht, echte Reife zu fördern. Auf lange Sicht funktionieren Grenzen und Bestimmungen nicht und wenn sie zum Hauptaugenmerk in unserem Leben werden, dann führen sie eher zu Gesetzlichkeit als zu echtem geistlichen Leben. Wenn Regeln und Grenzen "funktionieren", dann können sie oberflächlich das Wirken des Heiligen Geistes nachahmen und ihn überflüssig machen.

Es hat etwas Bequemes, das Christsein auf eine Aufzählung dessen zu reduzieren, was man darf und was nicht, ob diese Liste nun auf gedankenlosem Fundamentalismus begründet ist oder auf gedankenlosem Liberalismus: Man weiss immer, wo man steht, und das hilft dabei, Ängstlichkeit und Sorgen zu verringern. Wenn festgesetzt ist, was man darf und was nicht, hat das den Vorteil, dass man dazu selbst nicht weise zu sein braucht. Man muss nicht scharfsinnig denken oder Entscheidungen treffen. Man braucht keine persönliche Beziehung zu einem anspruchsvollen und liebenden Gott zu haben.

Allgemeine Gedanken zu Regeln und Bestimmungen
1. Wir sollten den Wert von Regeln und Bestimmungen erkennen, besonders für junge und unreife Menschen.
2. Wir müssen lernen, zwischen menschlichen Regeln und Grenzen und den Geboten Gottes zu unterscheiden.
3. Wir müssen versuchen, in jedem der Gebote, die wir in der Schrift finden, zu erkennen, worauf es Gott in Wirklichkeit ankommt.
4. Wir müssen der starken Versuchung widerstehen, unsere persönlichen Regeln und Grenzen zu verallgemeinern.
5. Regeln und Grenzen bergen immer auch die Gefahr, dass wir unser Vertrauen auf Gott durch menschliche Methoden ersetzen.
6. Wir müssen versuchen, die Angst vor der Freiheit zu überwinden, während wir in Christus wachsen.

Regeln und Grenzen können jedoch auch schnell zu kosmetischem Ersatz für echte Heiligung werden.

Wir können kein System als Ersatz für echtes Leben in Gemeinschaft mit Gott benutzen. Wenn Gott Mittelpunkt unseres Lebens wird und nicht mehr Regeln und Grenzen diesen Platz einnehmen, gelangen wir zur Freiheit und finden den Weg, Christus immer ähnlicher und damit reifer und mündiger zu werden.

Vielleicht brauchen wir als Gemeinden weniger Gemeindeveranstaltungen und -programme und dafür mehr kreative Schulung, wie man ausserhalb der Gemeinde befreiende Beziehungen aufbauen kann.

Jesus betrachtete Menschen als wertvoll und nicht als Bekehrungs- "Skalps", die man am Gürtel tragen und zählen konnte.

Unser Problem bei der Evangelisation besteht nicht darin, dass wir nicht genügend Informationen haben - sondern dass wir nicht wissen, wie wir wir selbst sein können. Wir vergessen, dass wir berufen sind, das zu bezeugen, was wir gesehen und gehört haben, nicht das, was wir nicht wissen. Der Schlüssel ist Authentizität und Gehorsam und nicht ein Doktortitel in Theologie.

Wir dürfen nie so sehr damit beschäftigt sein, unseren eigenen Lebensstandard zu halten und unsere Aufgaben in der Gemeinde zu erfüllen, dass keine Zeit mehr für die Verlorenen bleibt.

Kinder zeigen die Rohfassung unseres sündigen Wesens, Erwachsene die überarbeitete Version.

Dienst, dem das geistliche Leben fehlt, ist Heuchelei.

In den vergangenen Jahren hat der Einfluss von Gesetzlichkeit in vielen Bereichen unserer Gemeinden nachgelassen. Aber stattdessen hat nicht immer eine Rückkehr zu authentischem (echtem) Christsein stattgefunden. Ich habe eher den Eindruck, dass sich ein Liberalismus breit macht und sich prächtig weiter entfaltet. Statistiken aller möglichen Quellen besagen, dass Christen mehr oder weniger Abziehbilder unserer säkularen Kultur sind, in manchen Fällen sogar noch schlimmer... Ich fürchte, dass die geringe Einsicht, die wir ins Pharisäertum bekommen haben, nur dazu genutzt wird, um in einen Antinomismus (nicht Anerkennung göttlicher Normen) abzugleiten... Denn um Christi willen darf uns der Weg aus dem Pharisäismus heraus nicht in die Gesetzlosigkeit führen.

Liebe Grüsse

bo