Unterschied Tisch/Mahl des Herrn
Hans-Werner Deppe
Liebe Freunde,
beim Vergleich der Begriffe "Tisch des Herrn" (1Kor 10,21) und "Mahl des
Herrn" (1Kor 11,20ff) werden einige Unterschiedliche deutlich, deren
Missachtung zu nicht unerheblichen praktischen Konsequenzen führen kann
(sofern die Beobachtung und Deutung zutreffend ist). Ich frage mich, ob
möglicherweise ein nicht richtiges Verständnis vom Tisch des Herrn "unter
uns" zu nicht schriftgemäßer Praxis geführt hat (ich möchte das zur
Diskussion stellen). Unten dazu einige Anmerkungen; hier zunächst eine Liste
der Unterschiede*:
1. Unterschiedliche Begriffe: "Tisch" und "Mahl".
Unterschiedliche Begriffe
drücken unterschiedliche Gedanken aus.
2. Der Begriff "Tisch des Herrn" kommt sowohl im AT wie im NT vor, das "Mahl
des Herrn" hingegen nur im NT. Der Altar war im AT buchstäblich der Tisch
des Herrn, von dem der Priester seine physische Nahrung erhielt. Damit traf
Gott Vorsorge für die Bedürfnisse des Priesters. Im tatsächlichen (nicht
buchstäblichen) Sinne bedeutet der "Tisch des Herrn" die Fürsorge des Herrn
für sein Volk, wie es David in Ps 23,5 ausdrückt.
Siehe auch Ps 78,19 u.a.
Wenn somit der "Tisch des Herrn" die Gesamtheit von Gottes Vorsehung für
sein Volk ausdrückt, ist der "Tisch des Herrn" darin eingeschlossen. Der
Ausdruck "Tisch des Herrn" ist dann ein allgemeiner und einschließlicher
Begriff. Das "Mahl des Herrn" hingegen ist ausschließlich eine Einrichtung
für die Dispensation der Gemeinde und somit ein spezieller und
ausschließlicher Begriff.
3. Die beiden Begriffe werden in unterschiedlichem Kontext verwendet. Beim
"Tisch des Herrn" ist es der Gedanke der Gemeinschaft (1Kor
10,16.17.18.20.21.30) mit Christus und allen Gläubigen, im Gegensatz zur
Welt. Der vorwiegende Gedanke beim "Mahl des Herrn" ist Gedächtnis und
Verkündigung (1Kor 11,24-26). Gemeinschaft wird hier nicht erwähnt. Der
Gläubige wird hier in Verbindung zur Versammlung gesehen.
4. Beim "Tisch des Herrn" ist keine Rede von einem "Zusammenkommen", denn
alle Gläubigen werden als vereint und am Tisch teilhabend gesehen. Der
Gläubige muss sich nicht an den Tisch des Herrn begeben, denn er ist
stellungsgemäß bereits dort. Zum "Mahl des Herrn" hingegen ist ein
Zusammenkommen nötig.
5. Der "Tisch des Herrn" wird im Kontrast zu zwei anderen Tischen gesehen:
zum Tisch Israels und zum Tisch der Dämonen. Das "Mahl des Herrn" wird
hingegen in keinem Kontrast zu irgendetwas anderem gesehen und ist in seinem
Wesen völlig einzigartig.
6. Alle Gläubigen werden als Teilnehmer und Teilhaber des Tisches des Herrn
gesehen; dieser ist eine beständige Realität, von welcher der wahre Gläubige
niemals abwesend ist. Dies ist beim "Mahl des Herrn" natürlich nicht der
Fall, denn es heißt, "sooft ihr dieses tut" ...
7. Der "Tisch des Herrn" ist keine physische Realität, das "Mahl des Herrn"
kann hingegen gesehen und erlebt werden.
8. Der "Tisch des Herrn" ist - im Gegensatz zum "Tisch des Herrn" - keine
Einrichtung oder kein Ritual.
9. Der "Tisch des Herrn" ist eine Vorsehung Gottes zum Wohl seines Volkes;
das "Mahl des Herrn" hingegen ist etwas, das die Gläubigen zur Ehre des
Herrn durchführen.
10. Kein Mensch oder keine Organisation oder Gruppe kann jemals eine Person
zum "Tisch des Herrn" empfangen (geschweige denn "zulassen"), das ist
alleiniges Vorrecht des Herrn. Zum "Mahl des Herrn" hingegen empfangen
Christen ihre Mitgläubigen, sofern sie rein in Wandel und Lehre sind. Die
Gläubigen der Gemeinde haben ferner die Autorität, jemandem die Teilnahme am
Mahl des Herrn zu verwehren und tragen damit Verantwortung dafür.
11. In der Beschreibung des "Tisches des Herrn" wird der Kelch zuerst
genannt, dann das Brot, weil das Blut Christi die Stellung am Tisch des
Herrn ermöglicht. Beim "Mahl des Herrn" wird zuerst das Brot erwähnt, das
Symbol für den Leib des Herrn, in welchem er unsere Sünden getragen hat.
12. Bei der Beschreibung des "Tisches des Herrn" ist das Brot das Symbol für
den mystischen Leib Christi, die Gemeinde, und damit für die Einheit aller
Gläubigen. Beim "Mahl des Herrn" ist das Brot hingegen das Symbol für den
physischen Leib unseres Herrn.
13. Bei der Beschreibung des "Tisches des Herrn" wird die Teilhabe am Kelch
und Brot als "Gemeinschaft" mit seinem Tod bezeichnet; beim "Mahl des Herrn"
ist das Teilnehmen hingegen ein "Verkündigen" seines Todes.
14. In Verbindung mit dem "Tisch des Herrn" werden die Teilhaber davor
gewarnt, weltlich zu leben. Beim "Mahl des Herrn" gilt die Warnung dem
unwürdigen Essen.
15. Die Wiederkunft des Herrn wird im Zusammenhang mit dem "Tisch des Herrn"
nicht erwähnt, denn die Gläubigen werden ewig am Tisch des Herrn sein. Das
"Mahl des Herrn" wird hingegen nur solange gehalten, "bis er kommt". Da wir
dann vom Glauben ins Schauen übergehen und keine symbolische Erinnerung mehr
an den Herrn brauchen, sondern ihn sehen, wie er ist, ist die Zeit des
"Mahles des Herrn" beendet.
Wenn zusammenfassend also gesagt werden kann,
dass das "Mahl des Herrn" ein
vorübergehender, sichtbarer und spezieller Ausdruck der ewigen, unsichtbaren
und allgemeinen Realität des "Tisches des Herrn" ist, ziehe ich daraus
folgende Schlüsse:
a) Der Tisch des Herrn ist nicht vom Mahl des
Herrn abhängig (das hieße,
diesem untergeordnet), sondern als unsichtbare Realität dem Mahl des Herrn
übergeordnet.
b) Der Tisch des Herrn ist nicht an einen bestimmten Ort in einer Stadt oder
an eine bestimmte Gruppe von Gläubigen gebunden oder darauf beschränkt.
c) Keine Gruppe von - nicht einmal die Gesamtheit aller - Gläubigen hat eine
verwaltende Autorität über den Tisch des Herrn.
d) Nirgendwo kann man einen bzw. den Tisch des Herrn "aufrichten" oder ein
solches "Aufrichten" verwehren oder erlauben. Man kann den Tisch des Herrn
nicht mitnehmen, verlagern oder auslagern (z.B. wenn ein Teil der Gläubigen
einer Versammlung an einem Urlaubsort gemeinsam unter sich das Brot bricht).
e) Man versammelt sich nicht "zum" Tisch des Herrn, aber zum Mahl des Herrn.
f) Man kann die Gemeinschaft des Tisches des Herrn nicht spalten.
g) Der Ausdruck "in praktischer Gemeinschaft am Tisch des Herrn" macht
keinen Sinn.
(...)
Mir selber sind diese Gedanken neu und deshalb
bitte ich um eure
Stellungnahme und ggf. Korrektur.
* Die Liste entstammt dem Buch "The Lord's Supper"
von A.P. Gibbs
(Walterick, 1963).
Herzliche Grüße
Werner
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