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Joel Kapitel 1
|
I. Einführung
( 1,1 )
Joe 1,1
Wie schon in der Einführung gesagt, wissen wir über Joel nur, daß er ein
Sohn Petuels war. Der Prophet macht zunächst deutlich, daß seine
Botschaft Wort Gottes ist, aber er datiert sie nicht, d. h., er gibt
nicht an, zu der Regierungszeit welches Königs von Juda oder Israel er
sie erhalten oder niedergeschrieben hat (vgl. die Anmerkungen unter
"Verfasserfrage und Entstehungszeit" in der Einführung ).
II. Die Heuschreckenplage
( 1,2 - 20 )
Das einleitende Kapitel beschreibt die furchtbaren Folgen einer
schlimmen Heuschreckenplage, die über das Land gekommen war. Sie hatte
alle landwirtschaftlichen Produkte, die Mensch und Tier zum Überleben
nötig hatten, vernichtet. Aber dennoch war dies nur der Vorbote eines
noch schlimmeren Unheils - der Vernichtung und Zerstörung am Tag des
Herrn.
A. Ein einleitender Appell
( 1,2 - 4 )
Joe 1,2-3
Der Prophet eröffnet seine Botschaft mit einem Appell an alle, die in
dem Land leben , angefangen von den Ältesten des Volkes. Sie sollen die
Einzigartigkeit und Bedeutung des Unheiles erkennen, das über sie
gekommen ist. Die Ältesten sind die öffentlichen Führer, die eine
wichtige Funktion im Regierungs- und Gerichtssystem Israels spielten
(vgl. 1Sam 30,26-31; 19,12-16; 2Kö 23,1; Spr 31,23; Jer 26,17; Kl
5,12.14 ).
Die rhetorische Frage in Joe 1,2 b erwartet eine klare, negative
Antwort. Nichts innerhalb der Erfahrungswelt der Generation Joels oder
ihrer Vorfahren konnte mit der kürzlich erlebten Heuschreckenplage
verglichen werden. Von diesem einzigartigen Ereignis würde man noch in
vielen kommenden Generationen sprechen ( deine Kinder, ihre Kinder und
die nächste Generation ).
Joe 1,4
Bei diesem Ereignis handelt es sich um eine massive Invasion durch
Heuschrecken , die die Vegetation des Landes völlig vernichtet hatte.
Vier Ausdrücke werden hier für die Heuschrecken verwandt (
Heuschreckenschwarm , gAzAm ; große Heuschrecken , ?arbeh ; junge
Heuschrecken , yeleq ; und andere Heuschrecken , HAsIl ). Manche
Ausleger glauben, daß sich diese vier Ausdrücke auf die verschiedenen
Entwicklungsstufen der Heuschrecke von der Larve bis hin zum
ausgewachsenen Tier beziehen (z. B. Thompson, "Joel's Locusts in the
Light of the Near Eastern Parallels", S. 52 - 55). Diese Sicht aber ist
nicht unproblematisch (vgl. Wolff, Joel and Amos , S. 27f).
Wahrscheinlicher ist, daß die Ausdrücke Synonyme sind, die aus Gründen
der Abwechslung verwendet werden, und um die verschiedenen "Wellen" des
Heuschreckensturmes deutlich zu machen.
Die dreifache Erwähnung der Überreste einer Welle von Heuschrecken, die
von der nächsten aufgefressen wird, zeigt die Vollständigkeit der
Zerstörung, die sie gebracht haben. (Augenzeugenberichte über
Heuschrecken-Plagen finden sich bei Driver, The Books of Joel and Amos ,
S. 40.89 - 93; George Adam Smith, The Book of the Twelve Prophets, 2:391
- 395; und John D. Whiting, "Jerusalem's Locust Plague", National
Geographic Magazine 28. Dezember 1915, S. 511 - 550).
B. Ein Aufruf zur Klage
( 1,5 - 13 )
In Form eines Klageaufrufes spricht der Prophet hier über die
furchtbaren Einzelheiten und Folgen der Heuschreckenplage. Dieser
Abschnitt besteht aus vier Teilen (V. 5-7.8-10. 11-12.13 ), von denen
jeder einen direkten Aufruf enthält (V. 5 a. 8.11 a. 13 a), gefolgt von
den Gründen für die Trauer (V. 5 b. 6-7.9-10.11 b. 12. 13 b).
Angesprochen wird das personifizierte Land (oder die Stadt?) sowie
einige der Gruppen, die durch die Plage am stärksten betroffen sind
(Betrunkene, Bauern und Priester).
1. Die Betrunkenen sollen klagen
( 1,5 - 7 )
Joe 1,5-7
Die Betrunkenen sollen weinen und heulen , weil es wegen der Zerstörung
der Weinberge keinen Wein mehr gibt (V. 5 ; vgl. V. 7.10.12 ). Wie ein
mächtiges Volk ist ein unzählbar großer ( ohne Zahl )
Heuschreckenschwarm gekommen und hat das Land des Propheten eingenommen.
Ihre Zerstörungskraft war wie die eines Löwen , der beinahe alles mit
seinen mächtigen Zähnen (und Backenzähnen) zerreißen kann. Die
Heuschrecken haben die Weinberge vernichtet und selbst die Rinde von den
Feigenbäumen geschält und ihre Zweige weiß gelassen . Bilder, die die
Folgen einer solchen Invasion zeigen, finden sich bei The Zondervan
Pictorial Bible Dictionary . Grand Rapids: Zondervan Publishing House,
1963, S. 377, 435).
2. Das Land soll klagen
( 1,8 - 10 )
Joe 1,8
Die grammatische Form von klagen in Vers 8 (fem. Sing.) zeigt, daß in
diesem Vers weder die Betrunkenen aus Vers 5 noch die Bauern aus Vers 11
gemeint sein können (beide sind Mask. Plur.). Vermutlich ist das Land
selbst (vgl. Joe 2,18 ) oder Jerusalem (in Joe 2,1.15.23; 3,5 Zion
genannt) angesprochen, das als eine Jungfrau oder junge Frau
personifiziert wird (vgl. 2Kö 19,21 , "die Jungfrau Tochter Zion" und Kl
1,15 ,"Die Jungfrau Tochter Juda"). Sie soll bitter weinen, wie eine
Braut oder eine zukünftige Braut über den unerwarteten Tod des Mannes
weint, den sie heiraten oder mit dem sie sich verloben wollte.
Die Bedeutung des Ausdruckes, der mit "Jungfrau" übersetzt wird (
b+YUlCh ), ist nicht unumstritten. Er kann eine tatsächliche Jungfrau
bezeichnen, aber auch eine verlobte Frau, deren Ehe noch nicht vollzogen
wurde. In diesem Fall kann der Mann der Mann ihrer Jugend genannt
werden, weil die Verlobung in Israel bereits gesetzlich verbindlich war
( 5Mo 22,23-24 zeigt, daß eine verlobte Frau sowohl als "Jungfrau" als
auch als "Ehefrau" bezeichnet werden konnte). Vielleicht meint das Wort
b+YUlCh in Joe 1,8 einfach nur eine junge Frau, ohne etwas über ihren
sexuellen Status auszusagen. In diesem Fall würde es hier um
Neuvermählte gehen.
Sackleinen (vgl. V. 13 ), ein rauher, dunkler Stoff, wurde bei
Klagefeierlichkeiten als äußeres Zeichen der Trauer getragen (vgl. 1Mo
37,34; 1Kö 21,27; Neh 9,1; Esr 4,1-4; Ps 69,11-12; Jes 22,12; 32,11;
37,1-2; Kl 2,10; Dan 9,3; Jon 3,8 ).
Joe 1,9-10
Der Hauptgrund für die Klage sind in diesem Fall die schlimmen Folgen
der Plage auf das formelle Gottesdienstsystem (vgl. V. 13 ). Die
Vernichtung der Ernte ( Korn, Trauben und Olivenöl ; V. 10 ; vgl. Hos
2,24 ) hatte die Priester, die im Haus des HERRN dienten, der Zutaten
für das tägliche Speiseopfer ( minHAh ), zu dem Mehl und Öl (vgl. 4Mo
28,5 ) nötig waren, und Trankopfer ( nesek ), für das Wein gebraucht
wurde (vgl. 2Mo 29,40; 4Mo 28,7 ), beraubt.
3. Die Bauern sollen klagen
( 1,11 - 12 )
Joe 1,11-12
Die Bauern und Weingärtner haben ebenfalls allen Grund zur Klage, denn
die Frucht ihrer Arbeit ist vernichtet worden. Hierzu gehören Korn (
Weizen und Gerste ) und fünf Arten von Früchten (Trauben, Feigen,
Granatäpfel, Datteln von den Palmbäumen und Äpfel). Weil ihre Erträge
vernichtet waren, konnten sie die Freude der Ernte nicht erfahren (vgl.
Ps 4,8 ).
4. Die Priester sollen klagen
( 1,13 )
Joe 1,13
Die Priester sollen ebenfalls an der Klage teilnehmen ( heulen ), weil,
wie schon gesagt (V. 9 ), die Dinge für das tägliche Opfer nicht mehr
vorhanden waren. (Zu Sackleinen vgl. die Anmerkungen zu (V. 8 .)
C. Ein Ruf zur Umkehr
( 1,14 )
Joe 1,14
Die Priester sollen nicht nur klagen (V. 13 ), sondern auch im Tempel
für alle Menschen eine heilige Versammlung ausrufen Das Volk soll fasten
und zu dem HERRN schreien . Oft steht Fasten im Zusammenhang mit Buße
und Umkehr (vgl. 1Sam 7,6; Neh 9,1-2; Jon 3,5 ). Die innere Einstellung,
die mit diesem äußeren Tun zusammengehen mußte, wird in Joe 2,12-17
beschrieben.
D. Die Bedeutung der Plage
( 1,15 - 20 )
Joe 1,15
Diese Heuschreckenplage hat eine große Bedeutung, denn sie kündigt den
Tag des HERRN an (vgl. die Anmerkungen unter "Größere exegetische
Schwierigkeiten" in der Einführung ). Die Heuschrecken haben die Ernte
auf den Feldern vernichtet (vgl. bes. V. 10 , wo das hebr. Verb SADaD ,
"verwüstet", "vernichtet", zweimal benutzt wird). In ähnlicher Weise
wird dieser kommende Tag ein Tag der Verwüstung ( SOD , verwandt mit dem
Verb SADaD ) durch den Allmächtigen ( Sadday ; vgl. die Anmerkungen zu
1Mo 17,1 ) sein. Dieser Name Gottes wird hier vermutlich deshalb
benutzt, weil er so ähnlich klingt wie das Wort SOD , "Vernichtung,
Verwüstung".
Es ist verständlich, daß der Prophet die Plage als Vorzeichen eines
außergewöhnlichen Ereignisses ansieht. In Ägypten war eine
Heuschreckenplage ( 2Mo 10,1-20 ) den letzten beiden Plagen der
Finsternis ( 2Mo 10,21-29 ; vgl. Joe 2,2 ) und des Todes ( 2Mo 11;
12,29-30 ) vorangegangen. Die Fluchandrohung 5.Mose spricht ebenfalls
von Heuschreckenplagen ( 5Mo 28,38.42 ) in Verbindung mit Exil und Tod (
5Mo 28,41.48-57.64-68 ).
Joe 1,16-18
Die Verse 16 - 20 enthalten eine detaillierte Beschreibung der
Nachwirkungen der Heuschreckenplage. Indem der Prophet erneut von der
Einzigartigkeit dieses Ereignisses spricht, unterstreicht er seine
Überzeugung, daß der Tag des Herrn vor der Tür steht (vgl. "nahe" in V.
15 ).
Den Menschen war nur zu bewußt ( vor ihren eigenen Augen ), daß ihre
Nahrungsvorräte, und damit jeder Grund zur Freude, hinweg waren (V. 16
). Offenbar hatte auch eine Dürre eingesetzt, denn die Samen waren
verdorrt. Die Schollen (V. 17 ) könnte übersetzt werden: "ihre (d. h.
der Bauern) Schaufeln". Als die Bauern die Erde umgruben, um zu sehen,
warum nichts Grünes wuchs, deckten ihre Schaufeln die Samenkörner auf,
die nicht gekeimt hatten. Ohne eine Ernte mußten die Lagerhäuser und
Kornspeicher leer bleiben. Die Haustiere ( Vieh, Herden, Schafherden )
litten Hunger.
Joe 1,19-20
Der Prophet, der sich eindeutig mit seinem leidenden Volk identifiziert
(vgl. "mein", was in V. 6 - 7 dreimal vorkommt), schreit zu dem Herrn in
seiner Verzweiflung. Er vergleicht die Heuschrecken mit einem Feuer (in
V. 19 und in V. 20 ), das alles vernichtet hat, was auf seinem Weg lag.
Selbst die Ströme waren ausgetrocknet , so daß die durstigen wilden
Tiere nach Wasser schrien. |