Mal 3.16

Technisches

vier Evangelien über den Todestag Jesu

Exkurs: Die Angaben der vier Evangelien über den Todestag Jesu unter Berücksichtigung ihresVerhältnisses zur Halakha

Strack, H. L., & Billerbeck, P. (1922–1926). München: C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck.



Exkurs: Die Angaben der vier Evangelien über den Todestag Jesu unter Berücksichtigung ihresVerhältnisses zur Halakha


A. Mt 26, 17 wird der Tag, an welchem Jesus mit seinen Jüngern die letzte Passahfeier begangen u. das heilige Abendmahl eingesetzt hat, als „der erste Tag der ungesäuerten Brote“ bezeichnet. Daß damit der 14. Nisan, der für das Passahmahl gesetzlich vorgeschriebene Tag gemeint ist, bedarf keines Beweises. Überdies hat Markus „den ersten Tag der ungesäuerten Brote“ durch eine Parallelbemerkung als den Tag gekennzeichnet, „da man das Passahopfer schlachtete“ Mk 14, 12. — Die Bezeichnung des 14. Nisan als ἡ πρώτη ἡμέρα τῶν ἀζύμων ist ungewöhnlich; man zählte sonst die Tage des Maççothfestes vom 15. Nisan an, so daß der 21. Nisan der Schlußtag des siebentägigen Festes war. So wird LXX Lv 23, 11 der 16. Nisan als der auf den 1. Tag des Maççothfestes folgende Tag umschrieben: τῇ ἐπαύριον τῆς πρώτης ἀνοίσει αὐτὸ (die Erstlingsgarbe) ὁ ἱερεύς. — Die gleiche Umschreibung für den 16. Nisan findet sich Targ Jerusch I Lv 23, 11: „Nach dem ersten Feiertag der ungesäuerten Brote“, d. h. nach dem 15. Nisan, מבתר יומא טבא קמאה דפטיריא. — Philo, De Septennario § 19 (M. 2, 293) läßt das Maççothfest am 15. Nisan beginnen u. zählt diesen als den 1. Tag: Τῆς δὲ ἑορτῆς διχόμηνος ἄρχει ἡ πεντεκαιδεκάτη … ἡ δὲ ἑορτὴ πάλιν ἐφʼ ἡμέρας ἑπτὰ ἄγεται … τῶν δὲ ἑπτὰ ἡμερῶν δύο, τὴν πρώτην καὶ τὴν ὑστάτην, ἁγίας προσεῖπεν. Ebenso nennt Josephus den 16. Nisan den 2. Tag der ungesäuerten Brote Antiq 3, 10, 5: Τῇ δὲ δευτέρᾳ τῶν ἀζύμων ἡμέρᾳ, ἕκτη δʼ ἐστὶν αὕτη καὶ δεκάτη.… Diese Zählung, nach der der 15. Nisan als der 1. Tag der ungesäuerten Brote zu stehen kommt, wird auch überall da vorauszusetzen sein, wo man den 14. Nisan als Tag des Passahopfers ausdrücklich von dem siebentägigen Maççothfest unterschieden hat; s. die Stellen bei Mt 26, 17 A S. 988, c. — Es ist zuzugeben, daß die Bezeichnung „erster Tag der ungesäuerten Brote“ für den 14. Nisan gerade keine besonders glückliche ist. Denn wenn man darin ausgesprochen finden wollte, was der Ausdruck zunächst zu besagen scheint, nämlich daß den ganzen 14. Nisan hindurch das Essen der ungesäuerten Brote für das jüdische Volk ein religiöses Pflichtgebot gewesen sei, so wäre das geradezu falsch. Wie man am 14. Nisan von 11, nach andren von 10 Uhr vormittags an nichts Gesäuertes mehr essen sollte, so war das Essen von ungesäuerten Broten am 14. Nisan erst erlaubt vom Beginn des Passahmahles an,2 d. h. nachdem die Dunkelheit des Abends eingetreten war. — Aber welche Bedenken auch gegen die Bezeichnung des 14. Nisan als 1. Tag der ungesäuerten Brote obwalten mögen (s. besonders Chwolson, Das letzte Passahmahl Christi, 1908, S. 3. 169. 178), unerhört u. unmöglich ist sie darum nicht. Auch in der rabbin. Literatur gibt es etliche Stellen, die den 14. Nisan als 1. Tag des ganzen Passahfestes zählen.

Mekh Ex 12, 15 (11a): Sieben Tage sollt ihr ungesäuerte Brote essen Ex 12, 15. „Sieben Tage“ mit Einschluß des ersten Feiertags (d. h. hier des 14. Nisan). Du sagst so; oder ist nicht vielmehr gemeint mit Ausschluß des ersten Feiertags (des 14. Nisan)? Die Schrift sagt lehrend Ex 12, 18: „Ihr sollt ungesäuerte Brote bis zum einundzwanzigsten Tage des Monats essen“. Ich schließe aus, was unmittelbar auf den zwanzigsten folgt (das „bis“ hat ausschließende, nicht einschließende Bedeutung; zählt man also vom Ende des 20. Nisan 7 Tage rückwärts, so gehört der 14. Nisan dem siebentägigen Fest als 1. Feiertag an). Die Schrift sagt lehrend: „Sieben Tage sollt ihr ungesäuertes Brot essen“, um es für den ersten Tag (= 14. Nisan) zur Pflicht zu machen u. für die übrigen Tage zu etwas Freiwilligem. Oder nicht vielmehr, um es für den ersten Tag (14. Nisan) zu etwas Freiwilligem u. für die übrigen Tage zur Pflicht zu machen? Die Schrift sagt lehrend Ex 12, 18: „Am ersten (Tag, so der Midr), am 14. des Monats am Abend sollt ihr ungesäuerte Brote essen“; die Schrift macht es an ihm (14. Nisan) zur Pflicht. — Hier wird Ex 12, 18 als Schriftbeweis für die vorher entwickelte Meinung gebracht, daß der 14. Nisan als 1. Feiertag in den sieben Tagen des Maççothfestes mitenthalten sei; zu dem Zweck deutete man das בראשון nicht „im ersten Monat“, sondern „am ersten Tage“. Die gleiche Deutung des בראשון liegt noch in zwei anderen Stellen vor. Pes 5a: In der Schule des R. Jischmaʿel († um 135) ist gelehrt worden: Wir finden, daß der 14. Nisan erster (Feiertag) genannt wird; denn es heißt Ex 12, 18: Am ersten (Tag), am 14. des Monats usw. — Ferner pPes 1, 27a, 29: Es heißt Ex 12, 18: Am ersten (Tag), am 14. Tage des Monats sollt ihr ungesäuerte Brote essen bis zum 21. Tage des Monats am Abend. Wie sollen wir das verstehn? Wenn sich die Worte auf das Essen des ungesäuerten Brotes beziehen, so steht ja schon Ex 12, 15 geschrieben: Sieben Tage sollt ihr ungesäuerte Brote essen (wozu also die Wiederholung?); wenn sie aber sagen sollen, daß man am 14. (Nisan) anfängt, so steht ja geschrieben: Bis zum 21. Tage des Monats. (Da „bis“ im ausschließenden Sinne gemeint ist — s. oben —, so ergibt ja schon ein einfaches Rückwärtszählen von sieben Tagen, daß der 14. Nisan der 1. Feiertag ist, wozu also die unnötige Angabe?) Wenn nun die Stelle nichts (Neues) über das Essen der ungesäuerten Brote enthält, so wende sie auf das Fortschaffen des Sauerteigs an u. entnimm ihr, daß dieses am 14. Nisan zu geschehen hat. ‖ pPes 1, 27c, 38: (Zur Diskussion steht die auf S. 813 Fußnote 1 gebrachte Mischna Ps 1, 4:) R. Meïr sagte: Von der sechsten Stunde an u. weiter auf Grund ihrer (der Schriftgelehrten) Worte. R. Jehuda sagte: Von der sechsten Stunde an u. weiter auf Grund der Worte der Tora. Was ist der Schriftgrund des R. Meïr? s. Ex 12, 15: Nur sollt ihr am ersten Tage den Sauerteig aus euren Häusern aufhören lassen. Am „ersten“ Tag, das ist der 15. Nisan; etwa erst vom Dunkelwerden (am 14. Nisan) an? Die Schrift sagt lehrend? „Nur“ אַךְ (einschränkend). Wie denn? Lege ihm (dem 15. Nisan) vor dem Untergehn der Sonne eine Stunde (vom 14. Nisan) zu. (R. Meïr meint, daß das Fortschaffen des Sauerteigs am 14. Nisan etwa von 5 Uhr nachm. an durch das אַךְ Ex 12, 15 biblisch begründet werden könne; daß aber die weitergehenden Festsetzungen, wie sie Pes 1, 4 enthalten sind, keinen biblischen Grund haben, sondern rabbinische Satzungen seien.) Was ist der Schriftgrund des R. Jehuda? s. Ex 12, 15: Nur sollt ihr am ersten Tage. Am „ersten“ Tage, das ist der 14. Nisan; etwa den ganzen Tag? Die Schrift sagt lehrend: אַךְ. Wie denn? Teile den Tag (den ersten = 14. Nisan) in zwei Teile, seine eine Hälfte für Gesäuertes, seine andre Hälfte für Ungesäuertes. ‖ Pes 36a: R. Jehoschuaʿ (b. Levi, um 250) sagte zu seinen Kindern: Am ersten Tage יומא קמא (= 14. Nisan) sollt ihr mir (das Brot des Elends = Maççoth Dt 16, 3) nicht mit Milch kneten, von da an u. weiter dürft ihr es mir mit Milch kneten.… So hat er gesagt: Am ersten Tage (= 14. Nisan) sollt ihr es mir nicht mit Honig kneten, von da an u. weiter dürft ihr es mir mit Honig kneten. ‖ Dt 16, 4 heißt es: „Von dem Fleisch, das du am ersten Tage des Abends schlachten wirst, darf nichts bis zum Morgen bleiben.“ Raschi z. St. erwähnt neben der bei den Rabbinen am gebräuchlichsten Auslegung dieser Worte auf die Chagiga (Festopfer) des 14. Nisan auch die andere Deutung auf das Passahopfer selbst; zu dieser zweiten Erklärung bemerkt er dann: Der 1. Tag, von dem hier die Rede ist, ist der 14. Nisan, wie es heißt Ex 12, 15: Am 1. Tage sollt ihr den Sauerteig aufhören lassen aus euren Häusern (vgl. R. Jehuda oben in pPes 1, 27c, 38). ‖ Endlich ist noch auf Josephus, Antiq 2, 15, 1 zu verweisen: „Zum Andenken an den damaligen Mangel (beim Auszug aus Ägypten) feiern wir acht Tage lang (ἐφʼ ἡμέρας ὀκτώ) das sogenannte Fest der ungesäuerten Brote.“ — Hier redet Josephus von einer achttägigen Feier des Maççothfestes, während er sonst (vgl. zB Antiq 3, 10, 5) in Übereinstimmung mit dem AT von einer siebentägigen spricht. Chwolson (S. 3 u. 134) meint, da Josephus im Auslande schrieb, habe ihm die für die jüdische Diaspora geltende Bestimmung vorgeschwebt, nach der die großen Feste einen Tag länger als im Mutterlande zu feiern waren; deshalb spreche er im Anschluß an die ausländische Observanz von einer achttägigen Feier. — Das ist möglich; aber ebenso möglich ist auch die andere Annahme, daß Josephus den Tag der eigentlichen Passahfeier (den 14. Nisan) mit den sieben Maççothfesttagen in eins zusammengefaßt hat u. so acht Feiertage zählt. Im letztren Fall käme auch bei ihm der 14. Nisan als „erster Feiertag“ zu stehn.

Diese Stellen beweisen zur Genüge, daß auch gefeierte rabbinische Autoritäten, wenn es ihre Beweisführung forderte, kein Bedenken getragen haben, den 14. Nisan als „ersten“ Feiertag des Maççothfestes zu zählen; warum hätten da nicht auch Matthäus u. Markus in populärer Ausdrucksweise den 14. Nisan als „ersten“ Tag der ungesäuerten Brote bezeichnen sollen, zumal der Zusammenhang ihrer Erzählung jedes Mißverständnis dieser Bezeichnung ausschloß!
B. Auf die letzte Passahfeier u. die Einsetzung des heiligen Abendmahles folgte, wie der weitere Bericht der Synoptiker zeigt, die Verhaftung, die Verurteilung u. die Kreuzigung Jesu. Daß die Synoptiker hiernach den 15. Nisan, d. h. nach gewöhnlicher Zählung den ersten Feiertag des jüdischen Maççothfestes, als Jesu Todestag angesehen haben, wird von keiner Seite bezweifelt. Umstritten aber ist die Frage, ob denn die Verurteilung Jesu u. die Vollstreckung des Todesurteils an ihm nach der Halakha, dem damals geltenden jüdischen Recht, überhaupt an einem (ersten) Feiertage möglich gewesen sei.
1. Gerichtsverhandlungen an einem Feiertag.

Beça 5, 2: Wodurch man am Sabbat straffällig wird wegen Nichtbeobachtung der Sabbatruhe מִשּׁוֹם שְּׁבוּת, wegen Ausführung von Handlungen, die (an sich) dem freien Ermessen überlassen sind מִשּׁוֹם רְשׁוּת, u. wegen Ausführung von Handlungen, die auf gesetzlicher Vorschrift beruhen מִשּׁוֹם מִצְוָה1 — dadurch macht man sich auch an einem Feiertag straffällig. Folgendes ist verboten wegen der Sabbatruhe: man darf nicht auf einen Baum steigen, nicht auf einem Tier reiten, nicht auf dem Wasser schwimmen, nicht in die Hände klatschen, nicht auf die Lenden schlagen, nicht tanzen. Folgendes ist verboten משום רשות d. h. als auf freiem Ermessen beruhende Handlung: man darf nicht Gericht halten, sich nicht mit einer Frau verloben, nicht die Zeremonie des Schuhausziehens (bei Verweigerung der Schwagerehe) vornehmen lassen, nicht die Schwagerehe vollziehen. Folgendes ist verboten משום מצוה d. h. als vom Gesetz gebotene Handlung: man darf nichts heiligen (Gotte weihen), keine Auslösungs-Schätzung vornehmen, nichts als Banngut bestimmen, auch nicht Priesterhebe u. Zehnt absondern. Das alles hat man für den Feiertag bestimmt, um wieviel mehr für den Sabbat. Zwischen einem Feiertag u. dem Sabbat ist kein weiterer Unterschied (hinsichtlich der verbotenen Handlungen) als nur das Zubereiten von Speisen (das am Feiertag erlaubt Ex 12, 16 u. am Sabbat verboten ist). — Hierzu fragt die Gemara Beça 37a: Was ist der Grund (des Verbotes) bei allen (dem freien Ermessen überlassenen Handlungen [משום רשוח], zu denen auch das Richten gehört)? Das Verbot ist erfolgt, damit man nicht schreibe (denn das Schreiben gehört zu den am Sabbat verbotenen 39 Hauptarbeiten, s. Schab 7, 2 bei Mt 12, 2 S. 616, a). ‖ TJom ṭ 4, 4 (207): Man darf (an einem Feiertag) nicht richten, nicht mit einer Frau sich verloben, eine Frau nicht (durch Scheidebrief) entlassen, nicht eine Eheverweigerungs-Erklärung abgeben, nicht die Zeremonie des Schuhausziehens vornehmen lassen, nicht die Schwagerehe vollziehen, nichts heiligen, keine Auslösungs-Schätzung vornehmen, nichts als Banngut bestimmen, keine Priesterhebe u. keinen Zehnt aussondern. Das alles hat man für einen Feiertag bestimmt, um wieviel mehr für den Sabbat! Zwischen einem Feiertag u. dem Sabbat ist kein weiterer Unterschied als nur die Zubereitung von Speisen; u. wenn jemand von diesen Verrichtungen allen eine verrichtet hat (an einem Feiertag), sei es gezwungen oder versehentlich oder absichtlich oder irrtümlich, so ist das, was er getan hat, getan (d. h. gesetzlich gültig). ‖ Sanh 4, 1: Vermögensstreitigkeiten (Zivilprozesse) können bei Tage verhandelt u. in der Nacht abgeschlossen (durch Urteilsfällung beendet) werden; Kriminalprozesse verhandelt man am Tage u. schließt man am Tage ab. Vermögensstreitigkeiten kann man an demselben Tage, sei es zur Freisprechung, sei es zur Verurteilung, abschließen; Kriminalprozesse kann man an demselben Tage zur Freisprechung abschließen, aber erst am Tage darauf zur Verurteilung. Deshalb verhandelt man sie weder an einem Rüsttag auf Sabbat (= Freitag) noch an einem Rüsttag auf einen Feiertag (denn würde die Verhandlung an einem solchen Rüsttag begonnen, so könnte der Schuldspruch erst am folgenden Sabbat oder Feiertag gefällt werden u. an Sabbat- u. Feiertagen ist das Richten verboten). ‖ Sanh 35a: Es heißt (in vorstehender Mischna): Deshalb verhandelt man Kriminalprozesse weder an einem Rüsttag auf Sabbat usw. Was ist der Grund? Weil es nicht möglich ist; wie sollte man es denn machen? Wollte man die Sache am Rüsttag auf Sabbat verhandeln u. am Rüsttag auf Sabbat abschließen, so könnten sie (die Richter) vielleicht einen Grund zur Verurteilung finden u. müßten das Urteil über Nacht aufschieben (da der Schuldspruch erst am nächsten Tage gefällt werden durfte, u. der nächste Tag würde ein Sabbat sein). Wollte man die Sache an einem Rüsttag auf Sabbat verhandeln u. am Sabbat abschließen, so müßte man ihn (den Verurteilten) am Sabbat hinrichten (da die Vollstreckung des Urteils am Tage seiner Fällung erfolgen sollte), und eine Hinrichtung verdrängt den Sabbat nicht (darf also am Sabbat nicht vorgenommen werden). Wollte man ihn am Abend (nach Ausgang des Sabbats) hinrichten, so muß dies ja vor (angesichts) der Sonne (d. h. bei Tage, Nu 25, 4) geschehen. Wollte man die Sache am Sabbat abschließen u. ihn am ersten Wochentag (Sonntag) hinrichten, so würde man ihn (wörtlich: seine Sache) quälen (durch Hinausschiebung seiner Hinrichtung). Wollte man die Sache am Rüsttag auf Sabbat verhandeln u. sie am ersten Wochentag (Sonntag) abschließen, so könnten sie (die Richter) ihre (Entscheidungs-)Gründe vergessen; wenn auch zwei Gerichtsschreiber vor ihnen stehen u. die Worte der Freisprechenden u. die Worte der Schuldigsprechenden aufschreiben, so schreiben diese doch nur auf, was jene mit dem Munde aussprachen, was sie aber in ihrem Herzen dachten (über Freispruch oder Schuldspruch), das würde, wenn vergessen, vergessen bleiben. Deshalb ist es nicht anders möglich (als die Mischna festgesetzt hat: Man verhandelt Kriminalprozesse weder an einem Rüsttag auf Sabbat noch an einem Rüsttag auf einen Feiertag). Vgl. auch pBeça 5, 63a, 51.

Inhaltlich sind diese Stellen nicht mißverständlich: sie sprechen klar u. deutlich aus, daß Gerichtsverhandlungen in Kriminalsachen sowohl an Sabbaten u. Feiertagen, als auch an deren Rüsttagen verboten waren. Darf man da annehmen, daß das gerichtliche Verfahren gegen Jesum vor dem Synedrium wirklich, wie die Synoptiker wollen, in der Nacht vom Passahabend (14. Nisan) zum 1. Maççothfeiertag (15. Nisan) stattgefunden hat?
Man hat das Gewicht der obigen Stellen abzuschwächen versucht durch den Hinweis auf:

TSanh 7, 1 (425 = Bar Sanh 88b): R. Jose (um 150) hat gesagt: Früher hat es keine Parteiungen in Israel gegeben, vielmehr tagte der Gerichtshof der Siebzig (das große Synedrium) in der Quaderhalle (s. bei Mt 26, 57 S. 998 f.), u. die übrigen Gerichtshöfe von 23 Mitgliedern befanden sich in den Städten des Landes Israel. Zwei Gerichtshöfe von 23 Mitgliedern (so nach der Bar Sanh 88b) waren in Jerusalem (außer dem großen Synedrium); der eine tagte auf dem Tempelberg (an seinem Eingange) u. der andre am Chel (Terrasse rings um die äußere Seite der Mauer, die den inneren Vorhof umschloß; genauer nach Sanh 11, 2 am Eingang zum inneren Vorhof). Bedurfte einer von ihnen (den Israeliten, speziell einer von den Gelehrten) einer Halakha (gesetzlichen Norm für sein Verhalten oder seine Entscheidungen), so ging er zu dem Gerichtshof in seiner Stadt; war kein Gerichtshof in seiner Stadt, so ging er zu dem Gerichtshof, der seiner Stadt am nächsten war. Wenn die etwas darüber gehört hatten, sagten sie es ihm, wenn aber nicht, so ging er u. der Gesetzeskundigste von diesen zu dem Gerichtshof auf dem Tempelberg. Wenn die etwas darüber gehört hatten, so sagten sie es ihnen, u. wenn nicht, so gingen sie samt dem Gesetzeskundigsten von diesen zu dem Gerichtshof am Chel. Wenn diese etwas darüber gehört hatten, so sagten sie es ihnen, u. wenn nicht, so gingen diese wie jene zu dem großen Gerichtshof in der Quaderhalle. Der Gerichtshof in der Quaderhalle, obwohl er aus 71 Mitgliedern bestand, hatte (allezeit) nicht weniger als 23 (anwesende) Mitglieder. Mußte einer von ihnen hinausgehn, so sah er nach: wenn 23 da waren, ging er hinaus, wenn nicht, so ging er nicht hinaus, bis 23 da waren. Und dort tagten sie היו יושבין vom Morgen-Tamidopfer an bis zum Abend-Tamidopfer (d. h. etwa von vorm. 9 Uhr bis nachm. 4 Uhr). An den Sabbaten aber u. an den Feiertagen gingen sie nur in das Lehrhaus auf dem Tempelberg (נכנסין … בבית המדרש שבהר הבית; Bar Sanh: sie tagten am Chel יושבין בחיל). Die Frage wurde ihnen vorgelegt. Wenn sie etwas darüber gehört hatten, sagten sie es ihnen; wenn aber nicht, so schritten sie zur Abstimmung darüber (um durch Majoritätsbeschluß eine endgültige Entscheidung über die fragliche Angelegenheit herbeizuführen). Erklärte die Mehrzahl etwas für unrein, so erklärte man es für unrein; erklärte die Mehrzahl etwas für rein, so erklärte man es für rein. (Damit war die betreffende Halakha als allgemein verbindlich festgelegt.) Von dort ging die Halakha aus u. verbreitete sich in Israel. Nachdem sich aber die Schüler Schammais u. Hillels gemehrt hatten, die nicht so, wie es nötig gewesen wäre, den persönlichen Umgang mit ihren Lehrern (zu ihrer Ausbildung in der Halakha) pflegten, mehrten sich die Parteiungen in Israel. Und von dort (dem großen Synedrium aus) ließ man prüfen: wenn einer gelehrt war u. besonnen, wenn er die Sünde scheute u. eine schöne (untadelige) Jugendzeit aufzuweisen hatte, u. wenn die Menschen an ihm Wohlgefallen hatten, dann machte man ihn zum Richter (zunächst) in seiner Stadt; nachdem er Richter in seiner Stadt geworden war, ließ man ihn aufrücken u. gab ihm einen Sitz (in dem Gerichtshof) am Chel; von da ließ man ihn aufrücken u. gab ihm einen Sitz (in dem Gerichtshof) in der Quaderhalle. Und dort saß man u. prüfte die Abstammung der Priesterschaft u. der Levitenschaft (in bezug auf ihre Legitimität, s. bei Mt 1, 1 S. 2 Nr. 3) usw. — Dieselbe Ausführung auch TChag 2, 9 (235).

Wie der Augenschein lehrt, redet die Stelle nicht von gerichtlichen Verhandlungen, sondern von Lehrentscheidungen. An dieser Tatsache wird auch nichts durch die Bemerkung geändert, daß „diese Stelle in ihrem Zusammenhang, wo das Vorhergehende u. Nachfolgende vom Richten handelt, notwendig auch davon [vom Richten] verstanden werden muß“. Die Bemerkung trifft eben nicht zu. In TSanh 7 wird die Stelle gebracht, um das Verfahren bei der Prüfung der legitimen Abstammung der Priester u. Leviten mitzuteilen, nachdem zuvor Rabban Schimʿon b. Gamliël (um 140) den Satz ausgesprochen hatte, daß in früherer Zeit nur Personen legitimer Herkunft eine Hochzeitsverschreibung als Zeugen hätten unterschreiben dürfen. Der gleiche Zusammenhang liegt vor pSanh 1, 19c, 10, wo unsre Bar ebenfalls vollständig zitiert ist. — In TChag 2 handelt es sich um die Streitfrage der Schulen Schammais u. Hillels, ob der Opfernde an einem Feiertage seine Hände auf sein Friedmahlsopfertier stemmen dürfe oder nicht. Das gibt Veranlassung, den obigen Ausspruch des R. Jose anzuführen, weil darin die Parteiungen in Israel auf die Streitigkeiten der Schammaïten u. Hilleliten zurückgeführt werden. — Ähnlich liegt die Sache Sanh 88b. Hier wird im Vorhergehenden ein Ausspruch des R. Joschijja (um 140) mitgeteilt des Inhalts, daß Ehemänner u. Eltern das Verfahren gegen eine des Ehebruchs verdächtige Frau, bezw. gegen einen widerspenstigen Sohn rückgängig machen dürften, desgleichen daß ein Gerichtshof einem dissentierenden Gelehrten Verzeihung könne zuteil werden lassen, wenn er wolle. Dann folgt die weitere Angabe des R. Joschijja, daß seine Kollegen im Süden ihm in bezug auf die beiden ersten Punkte zugestimmt hätten, aber nicht in bezug auf den dissentierenden Gelehrten, u. zwar mit der Motivierung, „damit sich die Parteiungen in Israel nicht mehrten“. Die Erwähnung der Parteiungen in Israel veranlaßt dann den obigen Ausspruch des R. Jose in Erinnerung zu bringen, der nicht bloß den Grund der Parteiungen klarlegt, sondern auch den Weg aufweist, auf dem sich die frühere Zeit derselben zu erwehren gewußt habe. — Man sieht, wie weit diese Zusammenhänge davon entfernt sind, in den Ausspruch des R. Jose irgend etwas hineinzubringen, woraus man folgern könnte, daß Gerichtsverhandlungen an den Sabbat- u. Feiertagen vor dem Forum des großen Synedriums üblich gewesen seien. Wenn man aus dem Wort des R. Jose in bezug auf unsre vorliegende Frage eine Folgerung ziehen wollte, so könnte es nur die sein, daß die sabbatliche u. feiertägige Verlegung der Synedrialsitzungen aus den Geschäftsräumen in der Quaderhalle nach dem Lehrhaus auf dem Tempelberg beweise, daß das Synedrium die werktägigen Geschäfte, zu denen auch das Richten gehörte, am Sabbat u. an den Feiertagen eben nicht erledigt habe; denn zur Gültigkeit der richterlichen Entscheidungen des großen Synedriums gehörte auch dies, daß sie in der Quaderhalle getroffen wurden, nach dem Grundsatz: חמקים גורם, d. h. der Ort, hier die Quaderhalle, bringt die richtige Entscheidung zuwege Sanh 14b, 11. 23; 87a, 11. Es wird also dabei bleiben müssen, daß die Halakha Gerichtsverhandlungen an den Sabbat- u. Feiertagen verboten hat.
Aber damit ist die Sache nicht erledigt. Zunächst ist die Frage durchaus berechtigt: Hat das Verbot betreffs des Richtens an einem Feiertag, wie es uns gegenwärtig in den oben zitierten Stellen vorliegt, auch schon in Jesu Tagen gegolten? Daß die Halakha Wandlungen, große Wandlungen durchgemacht hat, weiß jeder Kenner der Mischna u. Gemara. Die Schammaïten hatten eine andre Halakha als die Hilleliten u. die Sadduzäer eine andre als die Pharisäer. Von den Sadduzäern, die zur Zeit des Todes Jesu ja noch die äußere Gewalt in ihren Händen hatten, wissen wir, daß sie einen eigenen Strafkodex סֵפֶר גְּזָיזֵתָא besaßen, der uns inhaltlich allerdings nur wenig bekannt ist. Immerhin muß er wesentlich von der Halakha der Pharisäer verschieden gewesen sein; denn als es den letzteren gelang, diesen Kodex an einem 14. Tammuz (Juli) — das Jahr kennen wir nicht — außer Kraft zu setzen, verordneten sie, daß der 14. Tammuz fortan als ein Festtag anzusehen sei, an welchem alle öffentlichen Trauerveranstaltungen unterbleiben sollten; s. Mg Taʿan 4 im Exkurs: Pharisäer u. Sadduzäer (gegen Ende). — Josephus schildert Antiq 13, 10, 6 die Pharisäer als „von Natur milde in bezug auf Strafverhängungen“; dagegen sagt er Antiq 20, 9, 1 von den Sadduzäern, daß sie in gerichtlichen Urteilen hart vor allen übrigen Juden gewesen seien. — Ferner kann nicht bezweifelt werden, daß das Gerichtsverfahren, welches mit Jesu Verurteilung endete, der uns aus Mischna u. Talmud her bekannten Prozeßordnung der Pharisäer vielfach nicht entsprochen hat. So hätte nach der oben gebrachten Stelle Sanh 4, 1 die Verhandlung gegen Jesum nicht in der Nacht stattfinden dürfen, sie hätte auch nicht an demselben Tage eröffnet u. abgeschlossen werden dürfen, sie hätte endlich nach dem Grundsatz חמקום גורם (s. oben) in der Quaderhalle u. nicht im Hause des Kaiphas geführt werden müssen. Wenn nun das damalige Haupt der Sadduzäerpartei, der Hohepriester Kaiphas, der als Vorsitzender des Synedriums in erster Linie für die ordnungsmäßige Prozeßleitung verantwortlich war, sich in diesen Stücken nicht nach der Halakha der Pharisäer gerichtet hat, wäre es da nicht möglich gewesen, daß für ihn nach dem Strafkodex der Sadduzäer, dem nach der Megillath Taʿanith (vgl. auch Josephus oben) offenbar der Stempel der Härte u. Rücksichtslosigkeit aufgeprägt war, auch das Verbot, am Sabbat u. Feiertag Gericht zu halten, nicht vorhanden gewesen ist? Diese Möglichkeit ist zuzugeben. Doch glauben wir nicht, daß ihr die Wirklichkeit entsprochen hat. Es hat sich uns mehrfach die Wahrnehmung aufgedrängt, daß man in den Tagen Jesu in der Handhabung der Sabbatsheiligung rigoroser gewesen ist als in der Zeit, aus der die Bestimmungen der Mischna stammen. Hat man doch zur Zeit Hillels (um 20 v. Chr.), als die Herrschaft der Sadduzäer unbeschränkt über den Tempel- u. Opferdienst gebot, selbst die Schlachtung der Passahlämmer an einem Sabbat nicht vornehmen lassen. Da ist es von vornherein wenig wahrscheinlich, daß man die Entweihung des Sabbat- u. Feiertages durch profane Gerichtsverhandlungen zugelassen hat. Überdies besitzen wir ein positives Zeugnis zu unsrer Frage aus dem Munde Philos, des Zeitgenossen Jesu, der de Migr. Abr. § 16 (M 1, 450) unter den an einem Sabbat u. Feiertag verbotenen Verrichtungen ausdrücklich auch das Anklagen ἐγκαλεῖν u. das Richten δικάζειν aufzählt. Hiernach kann nicht bezweifelt werden, daß der Grundsatz: „Man richtet nicht an Feiertagen“ auch in der Zeit Jesu als anerkannte Halakha gegolten hat.
Aber trotzdem ist die Sache noch nicht erledigt. Die weitere Frage erhebt sich: Wenn das Richten auch an einem Feiertag untersagt war, war es nach der Anschauungsweise der alten Synagoge denkbar u. möglich, daß jenes Verbot unter bestimmten Verhältnissen ausnahmsweise einmal unbeachtet blieb? Man hat auf die Begründung des Verbotes in Beça 37a (s. oben B, 1 S. 815) hingewiesen u. gesagt: Weil das Richten nur um des damit verbundenen Schreibens willen untersagt war. so habe es in all den Fällen stattfinden können, in denen das Schreiben unterblieb. So hätten nach Mt 12, 9 ff. die Pharisäer an einem Sabbat in Gemeinschaft mit den Herodianern (Mk 3, 6) einen Beschluß gefaßt (συμβούλιον ἔλαβον), daß sie Jesum umbrächten, u. nach Joh 9, 13 ff. hätten die Pharisäer wiederum an einem Sabbat ein förmliches Verhör mit dem geheilten Blindgeborenen u. dessen Eltern vorgenommen. Allein hier handelt es sich nicht um einen offiziellen Beschluß des Synedriums, auch nicht um eine Vernehmung vor dem ordentlichen Gericht, sondern lediglich um Verhandlungen privater Natur, die als solche nicht ohne weiteres unter den Begriff des Richtens fallen. Und ob bei dem Verfahren gegen Jesus wirklich alles Schreibwerk ausgeschaltet gewesen ist, wissen wir nicht. — Eher läßt auf eine Durchlöcherung des Grundsatzes: „Man richtet nicht an Feiertagen“ der Schlußsatz von TJom ṭ 4, 4 (s. oben B, 1 S. 815 f.) schließen: „Wenn einer von diesen Verrichtungen allen eine (an einem Feiertag) verrichtet hat, sei es gezwungen oder versehentlich oder absichtlich oder irrtümlich, so ist das, was er getan hat, getan“ (d. h. gesetzlich gültig). Die Bestimmung kommt unter gewissen Umständen einem tolerari posse doch fast gleich. Ein rücksichtsloser Synedrialpräsident, der der Mehrzahl seiner Räte sicher war u. über alle staatlichen Machtmittel gebot, konnte eigentlich nicht mehr verlangen: mochte die gerichtliche Verhandlung an einem Feiertag immerhin verpönt sein, wenn nur ihr Ergebnis rechtlich unanfechtbar war! Ist es bei dieser Sachlage wirklich undenkbar, daß ein Kaiphas u. Hannas u. ihr sicherer Anhang Jesum an einem Feiertag vor das Gericht gebracht haben? — Endlich erwäge man folgendes. Der alten Synagoge ist die Regel nicht unbekannt gewesen, daß außerordentliche Zeitumstände außerordentliche Maßregeln erfordern, u. nach diesem Grundsatz hat man auch gehandelt.

In einer Bar heißt es Sanh 46a: R. Eliʿezer b. Jaʿaqob (I. um 90; II. um 150) hat gesagt: Ich habe gehört, daß der Gerichtshof die Geißelung u. die Todesstrafe verhängen darf, auch wenn es nicht von der Tora vorgeschrieben ist, nicht etwa, um sich über die Worte der Tora hinwegzusetzen, sondern um einen Zaun für die Tora zu errichten (der ihre Übertretung verhindert). Es begab sich einmal, daß jemand zur Zeit der Griechen (in der vor- oder frühmakkabäischen Periode) an einem Sabbat auf einem Pferde ritt, u. man brachte ihn vor den Gerichtshof u. steinigte ihn; nicht weil er es so (nach dem Gesetz) verdient hatte, sondern weil die Zeit es so erforderte שהשעה צריכה לכך (man wollte also ein Exempel statuieren). Ein andermal geschah es, daß einer seiner Frau unter einem Feigenbaum beiwohnte. Man brachte ihn vor den Gerichtshof, u. sie ließen ihn geißeln; nicht weil er es so verdient hatte, sondern weil die Zeit es so erforderte. ‖ SDt 21, 22 § 221 (114b): „Wenn an einem Mann ein todeswürdiges Vergehen ist …, u. du hängst ihn an das Holz“ (Dt 21, 22). Der Mann wird gehängt, aber nicht die Frau. R Eliʿezer (um 90 n. Chr.) sagte: Auch die Frau wird gehängt. R. Eliʿezer sagte zu ihnen (den Gelehrten): Hat denn nicht Schimʿon b. Schaṭach (um 90 v. Chr.) Frauen in Askalon gehängt? Sie erwiderten ihm: 80 Frauen hat er (wegen Zauberei) gehängt, u. doch verurteilt man nicht zwei Personen an ein u. demselben Tage (zum Tode, geschweige denn 80); allein die Stunde forderte es, um damit den andren eine Lehre zu geben; vgl pSanh 6, 23c, 60. — Ein gefeierter Lehrer um die Mitte des 3. Jahrhunderts, R. Schimʿon b. Laqisch, hat den Grundsatz ausgesprochen (Men 99a): Manchmal ist die Aufhebung der Tora (d. h. die Nichtbeachtung eines ihrer Gebote) ihre Befestigung פעמיס שביטולה של תידה זהו יסודה. In seinem Sinn hatte man bereits lange vor ihm diesen Grundsatz auch praktisch auf das Sabbatgebot angewendet. R. Schimʿon b. M nasja (um 180) sagte: Siehe, es heißt Ex 31, 14: „Beobachtet den Sabbat, denn er ist euch heilig.“ Euch ist der Sabbat übergeben u. nicht seid ihr dem Sabbat übergeben (vgl. Mk 2, 27) Mekh Ex 31, 13 u. 14 (109b, 11. 20). — S. Schimʿon b. M. will durch diese Auslegung den Beweis dafür erbringen, daß man den Sabbat entheiligen dürfe, um einen Verschütteten zu retten. R. Nathan (= R. Jonathan, um 140) führt den Beweis aus Ex 31, 16: Die Kinder Israel sollen den Sabbat beobachten, damit man ihn halte in ihren Geschlechtern (d. h. zukünftig, so der Midr). Entweihe um des Verschütteten willen einen Sabbat, damit er viele Sabbate beobachte, Mekh Ex 31, 16 (110a); in Mekh Ex 31, 13 (109b): Entweihe einen Sabbat, damit du viele Sabbate haltest. — Joma 85b sind die Autorennamen untereinander vertauscht.

Nun wissen wir aus Joh 11, 49 ff., daß beide Parteien, sowohl die sadduzäischen als auch die pharisäischen Gegner Jesu, sich zu seiner Beseitigung entschlossen haben aus Gründen des öffentlichen Wohles. Außerordentliche Verhältnisse lagen also nach ihrer Meinung vor: die Existenz des Staates u. ihre eigene stand auf dem Spiel. Warum sollte man nicht auch außerordentliche Maßnahmen treffen, wo die Zeit es so fordert? Die Nichtbeachtung der Tora ist oftmals ihre Festigung; entheilige einen Feiertag um eines Menschen willen, der viele Sabbate entheiligt hat, damit viele, durch sein Ergehen abgeschreckt, viele Feiertage heiligen! Wer möchte behaupten, daß solche Gedankengänge bei den Gegnern Jesu nicht anzunehmen seien? So gut man sich daher Jesu gegenüber nicht an die Bestimmung der Strafprozeßordnung gekehrt hat, daß Kriminalprozesse nicht in der Nacht zu verhandeln seien (s. oben Sanh 4, 1 S. 816), ebensogut kann man sich über die andre Bestimmung hinweggesetzt haben, daß an einem Feiertage keine Gerichtsverhandlungen stattfinden sollten. Und wie niemand aus der Vorschrift, daß Kriminalprozesse bei Tage zu verhandeln u. bei Tage abzuschließen seien, die Folgerung zieht, daß der Bericht der vier Evangelien über die nächtliche Verurteilung Jesu unrichtig sein müsse, ebensowenig hat man ein Recht, aus dem rabbinischen Verbot, an einem Feiertag Gerichtsverhandlungen vorzunehmen, zu schließen, daß die Darstellung der Synoptiker, nach der Jesus am ersten Maççothfeiertag verurteilt worden ist, nur auf einem Irrtum beruhen könne. Da außerordentliche Verhältnisse vorlagen, muß nach allem, was wir sonst über dergleichen Fälle aus der rabbinischen Literatur erfahren, durchaus mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß Jesus an einem Feiertag verurteilt worden ist. Die Berichterstattung der Synoptiker darf daher in dieser Hinsicht nicht als unglaubwürdig hingestellt werden.
2. Hinrichtungen an einem Feiertag.
Für den Sabbat gilt die Regel: מיתות בית דין לא ידחו את חשבת oder אין רציחה דוחח את השבת = gerichtlich angeordnete Hinrichtungen verdrängen den Sabbat nicht, d. h. der Sabbat darf ihretwegen nicht entheiligt werden.

Mekh Ex 21, 14 (86b): „Du sollst ihn (einen Mörder) von meinem Altar wegholen, daß er sterbe“ Ex 21, 14. Die Schriftstelle will dich lehren, daß die Hinrichtung den Opferdienst verdrängt; denn man könnte folgern: Wenn den Sabbat, den der Opferdienst verdrängt, die Hinrichtung nicht verdrängt, wäre es dann nicht recht, daß den Opferdienst, der den Sabbat verdrängt, die Hinrichtung nicht verdrängt? Die Schrift sagt lehrend: Von meinem Altar sollst du ihn wegnehmen, daß er sterbe. Die Schrift will betreffs der Hinrichtung lehren, daß sie den Opferdienst verdrängt. Dann sollte die Hinrichtung (auch) den Sabbat verdrängen; denn man könnte folgern: Wenn den Opferdienst, der den Sabbat verdrängt, die Hinrichtung verdrängt, dann wäre es recht, daß den Sabbat, den der Opferdienst verdrängt, (auch) die Hinrichtung verdrängt. Nein. Wenn du vom Opferdienst sagst, daß, weil die Bestattung eines Pflichttoten ihn verdrängt, ihn deshalb (auch) die Hinrichtung verdrängt, wirst du vom Sabbat, den die Bestattung eines Pflichttoten nicht verdrängt, sagen müssen, daß ihn deshalb die Hinrichtung nicht verdrängt. Ein Schüler von den Schülern des R. Jischmaʿel † um 135) hat gesagt: Siehe, es heißt Ex 35, 3: „Ihr sollt kein Feuer anzünden in allen euren Wohnstätten am Sabbattage.“ Das Verbrennen lag in der allgemeinen Regel (des vorhergehenden Verses, wo alle Arbeit verboten ist) u. tritt heraus (wird von der allgemeinen Regel ausgenommen u. speziell genannt), um zu lehren: wie das besonders erwähnte Verbrennen, das eine von den gerichtlichen Todesstrafen ist, den Sabbat nicht verdrängt, so sollen auch alle übrigen gerichtlichen Todesstrafen (außer der Verbrennung noch: Steinigung, Enthauptung u. Erdrosselung) den Sabbat nicht verdrängen. ‖ Mekh Ex 35, 3 (111a): Einer von den Schülern des R. Jischmaʿel († um 135) hat gesagt: Siehe, es heißt Ex 35, 3: Ihr sollt kein Feuer anzünden usw. Warum wird das gesagt? Wenn es Dt 21, 22 heißt: „Wenn an jemand ein todeswürdiges Vergehen ist u. du hängtest ihn“ usw., so entnehme ich daraus: gleichviel es sei an einem Wochentag oder an einem Sabbat. Wie halte ich dann aber aufrecht Ex 31, 14: Wer immer ihn (denn Sabbat) entweiht, soll getötet werden? Das gilt von allen übrigen Arbeiten mit Ausnahme der gerichtlichen Hinrichtung. Oder nicht vielmehr auch von der gerichtlichen Hinrichtung? Wie halte ich dann aber aufrecht Dt 21, 22: Und du hängtest ihn ans Holz? Das gilt von allen übrigen Tagen mit Ausnahme des Sabbats. Die Schrift sagt lehrend: Ihr sollt kein Feuer anzünden. Das Verbrennen lag in der allgemeinen Regel u. tritt daraus hervor (usw. wie im vorigen Zitat). — Parallelstellen: Jeb 6b; Sanh 35a–36a. ‖ Sanh 72b: Vom Gerichtshof Hinzurichtende, die man an einem Sabbat nicht tötet הרוגי בית דין דבשבת לא קטלינן. ‖ SDt 21, 22 § 221 (114b): „Wenn an jemand ein todeswürdiges Vergehen ist u. er wurde getötet“ Dt 21, 22; nicht an einem Sabbat u. nicht an einem Feiertag.

Abgesehen von der letzten Stelle, beziehen sich alle übrigen allerdings nur auf den Sabbat; aber nach dem Kanon Beça 5, 2 (s. S. 815): „Zwischen einem Feiertag u. einem Sabbat ist kein weiterer Unterschied als nur das Zubereiten von Speisen,“ darf man ihre Bestimmungen ohne weiteres auch auf die Feiertage anwenden. Dazu kommt, daß Sanh 4, 1 (s. S. 816) die Eröffnung einer Kriminalprozeßverhandlung am Vortage eines Feiertages ebenso untersagt wie am Vortage eines Sabbats, ohne Zweifel für beide Vortage aus dem gleichen Grunde, nämlich weil im Falle der Verurteilung die Todesstrafe am Tage nach der Prozeßeröffnung, also am Sabbat oder Feiertag, vollstreckt werden müßte, was eben nicht erlaubt war, s. Sanh 35a oben S. 816.
Zur Entkräftung dieser Zeugnisse hat man hingewiesen auf Lk 4, 29, wo die Einwohner von Nazareth trotz des Sabbattages Jesum von einem Abhange stürzen u. töten wollen, ferner auf Joh 10, 22 ff., wo erzählt wird, daß die Juden Jesum an einem Chanukkafest (Tempelweihfest) im Tempel zu steinigen sich anschickten. Allein das Chanukkafest gehörte nicht zu den großen Festen, u. überdies handelt es sich in beiden Stellen nicht um eine von der Obrigkeit angeordnete Exekution, sondern um Akte tumultuarischer Volksjustiz. Immerhin beweisen diese Vorkommnisse, daß eine Hinrichtung am Sabbat oder Feiertag dem allgemeinen Volksempfinden nicht gerade widersprochen hat. Ob man von Präzedenzfällen wußte, in denen die Obrigkeit einen Übeltäter an einem Feiertage hatte hinrichten lassen, so daß man sich berechtigt glaubte, aus eigner Initiative heraus einmal selbst an einem Sabbat Justiz zu üben? Denn etwas Auffallendes liegt darin, daß das Volk, das so nachhaltig u. erfolgreich an die Heilighaltung des Sabbats gewöhnt war, sich plötzlich über die Regel hinwegsetzt: Hinrichtungen verdrängen den Sabbat nicht. In der Tat kennt die ältere jüdische Literatur etliche Fälle, in denen Hinrichtungen an den Festen erlaubt waren. Sanh 11, 4: Man tötet ihn (den זִקֵן מַמְרֵא, den dissentierenden u. widerspenstigen Gelehrten, der trotz seiner Rektifizierung durch das Synedrium nicht aufhört, die Leute anzuweisen, nach seiner vom obersten Gerichtshof abgelehnten Meinung zu handeln) nicht durch den Gerichtshof in seiner Stadt u. nicht durch den Gerichtshof in Jabne (Jamnia). sondern man bringt ihn hinauf zu dem großen Gerichtshof in Jerusalem u. bewahrt ihn (dort) auf bis zum (nächsten) Fest עַד הָרֶגֶל u. tötet ihn am Fest בָּרֶגֶל; denn es heißt Dt 17, 13: „Das ganze Volk soll es hören u. sich fürchten u. nicht mehr Vermessenheit üben.“ Das sind Worte des R. ʿAqiba († um 135). R. Jehuda (um 150) sagte: Man quält ihn nicht durch Verschiebung seiner Bestrafung, sondern tötet ihn sofort: dann schreibt man (Briefe) u. sendet Boten in alle Orte: Der u. der, Sohn des u. des, ist durch den Gerichtshof zum Tode verurteilt worden. (Die Halakha richtet sich nach R. ʿAqiba, Kommentar פני משח.) ‖ TSanh 11, 7 (432): Den störrischen u. widerspenstigen Sohn (vgl. Dt 21, 18 ff.), den Gelehrten, der sich gegen den (obersten) Gerichtshof auflehnt, den (zum Götzendienst) Verführenden (המסית, s. Dt 13, 7 ff.), den (zum Götzendienst) abwendig Machenden (המדיח, s. Dt 13, 13 ff.), den falschen Propheten u. die falschen Zeugen tötet man nicht sofort (am Tage der Urteilsfällung), sondern bringt sie hinauf zu dem großen Gerichtshof in Jerusalem u. bewahrt sie bis zum Fest u. tötet sie am Fest; denn es heißt: Und alles Volk soll es hören u. sich fürchten u. nicht mehr Vermessenheit üben. Das sind Worte des R. ʿAqiba. R. Jehuda antwortete ihm: Ist denn gesagt (Dt 17, 13): Alles Volk soll es „sehen“ u. sich fürchten? Es ist doch nur gesagt: Alles Volk soll es „hören“ u. sich fürchten (also bedarf es einer öffentlichen Hinrichtung am Feste nicht). Und warum sollte man einen solchen quälen durch Verschiebung der Bestrafung! Vielmehr tötet man ihn sofort u. schreibt (Briefe) u. sendet sie in alle Orte: Über den u. den ist das Urteil gefällt worden in dem u. dem Gerichtshof, u. der u. der waren die Zeugen wider ihn, u. so u. so hat er getan, u. so hat man ihm getan. — Dasselbe als Bar. jedoch mit gekürztem Anfang u. Ende Sanh 89a. — Man würde den R. Jehuda falsch verstehen, wenn man seine Worte als prinzipielle Gegnerschaft gegen festtägige Hinrichtungen auffassen wollte. Aus Gründen der Humanität will er, daß auch bei den in Rede stehenden Delikten das Todesurteil sofort vollstreckt werde; man solle den Delinquenten durch Hinausschiebung des Strafvollzuges innerlich nicht unnötig martern, sondern ihn alsbald abtun. Ist aber ein Todesurteil unmittelbar vor einem Feste gefällt worden, so hat auch R. Jehuda gegen dessen Vollstreckung am Fest nichts einzuwenden. Und selbst wenn R. Jehuda ein prinzipieller Gegner derartiger Hinrichtungen gewesen wäre, so änderte das an der Sache nichts: die Halakha, wie bereits oben gesagt, folgte der Meinung des R. ʿAqiba. Hiernach waren also bei bestimmten Kategorien von Übeltätern Hinrichtungen an Festtagen nicht bloß erlaubt, sondern halakhisch geradezu geboten.
Die Möglichkeit von Hinrichtungen an einem Feste bildet auch die Voraussetzung von Mt 26, 5 u. Mk 14, 2. Wenn hier das Synedrium, nachdem es den Plan gefaßt hat, Jesum zu töten, die Losung ausgibt: „Aber nicht am Fest“ μὴ ἐν τῇ ἑορτῇ, so geht daraus hervor, daß den Synedristen das Fest an sich nicht als Hinderungsgrund erschien, die Exekution an Jesu zu vollziehen. Was sie zu jener Losung bestimmt, sind lediglich Nützlichkeitserwägungen: ἵνα μὴ θόρυβος γένηται ἐν τῷ λαῷ. Daß Herodes Agrippa I. (37–44 n. Chr.) aus ähnlichen Erwägungen heraus die Tötung des Apostels Petrus bis nach dem Passahfest (Apg 12, 4) hinausgeschoben haben kann, sollte nicht geleugnet werden. Jedenfalls eignet sich die Stelle nicht zum Beweis für die Meinung, daß eine Hinrichtung am Passahfest nicht vorgenommen werden durfte.
Die Zulässigkeit der Vollstreckung eines Todesurteils an einem Fest ברגל (= ἐν τῇ ἑορτῇ) steht hiernach, wenigstens in bestimmten Fällen, fest. Aber streitig ist, was mit dem Ausdruck „am Fest“ gemeint sei. Levy 4. 424b u. Chwolson S. 8 halten es für eine ausgemachte Sache, daß darunter die Zwischenfeiertage der großen Feste zu verstehen seien, also der 3.–6. Passahfesttag u. der 2.–6. Laubhüttenfesttag. (Das Wochenfest hatte keine Zwischenfeiertage.) Im Worte רגל liegt diese Beschränkung nicht begründet. Der Ausdruck רגל bezeichnet das ganze Fest vom ersten bis zum letzten Festtage u. wird auch da verwandt, wo der Zusammenhang nötigt, vor allem an den ersten Feiertag eines Festes zu denken. Wenn aber Chwolson S. 8 zum Beweise dafür, daß mit ברגל die Zwischentage gemeint seien, sagt: „ברגל heißt es dort (in ʿAqibas Ausspruch) u. nicht ביום טוב, am Feiertage“, so kann man mit gleichem Rechte antworten: „ברגל heißt es dort u. nicht בחולו של מועד oder במועד קטן, am Zwischenfeiertag.“ Da R. ʿAqiba eben das ganze Fest als geeignet für Hinrichtungen ansah, konnte er gar keinen andren Ausdruck anwenden als רגל. Hätte er ביום טוב gesagt, so blieben die Zwischenfeiertage ausgeschaltet; hätte er במועד קטן gesagt, so waren die eigentlichen Feiertage ausgeschlossen. Darum sagt er ברגל u. spricht damit aus, daß die Todesstrafe an einem störrischen Sohn, an einem widerspenstigen Gelehrten usw. an irgendeinem Tage der drei großen Feste zu vollziehen sei. Weder die Mischna noch die Tosephta (noch Raschi in seinem Pentateuchkommentar zu Dt 17, 13) deuten irgendwie an, daß R. ʿAqiba mit dem ברגל nur die Zwischenfeiertage im Auge gehabt habe; überdies würde bei einer Einschränkung des ברגל auf die Zwischentage der Feste der Ausspruch des R. ʿAqiba auf das Wochenoder Pfingstfest überhaupt nicht zutreffen, da dieses solche Tage nicht hatte. Der eigentliche Grund für die Behauptung Levys u. Chwolsons liegt in der Annahme, daß der Ausspruch des R. ʿAqiba der Generalregel: „Hinrichtungen verdrängen den Sabbat u. Feiertag nicht“, sich einfügen müsse, u. da die Zwischenfeiertage einen geringeren Heiligkeitsgrad besaßen als die eigentlichen Feiertage, so glaubte man den Satz des R. ʿAqiba auf sie beziehen zu sollen. Dabei wird übersehen, daß es sich in dem ganzen Ausspruch des R. ʿAqiba um eine Ausnahmebestimmung handelt, deren Berechtigung in dem beabsichtigten Zweck liegt: daß alles Volk es höre u. sich fürchte. Es tritt uns hier dieselbe Erscheinung entgegen, die bereits oben beim feiertägigen Richten besprochen worden ist: wo die Zeit es erfordert, wo ein Exempel zu statuieren ist, um die Tora vor mutwilliger grober Verletzung zu schützen, kann ausnahmsweise auch eine Hinrichtung den Feiertag verdrängen. Und um einen solchen Fall handelte es sich nach der Meinung des Synedriums bei Jesus. Nach der jüdischen Überlieferung ist Jesus als einer, der sein Volk verführte u. von Gott abwendig machte, getötet worden, s. bei Mt 26, 66 S. 1023 Nr. 5; ein solcher war aber nach R. ʿAqiba (s. TSanh 11, 7 oben S. 824) an einem Fest hinzurichten. — Außerdem hat man im Auge zu behalten, was viel zu wenig berücksichtigt wird, daß die Vollstreckung der Todesstrafe an Jesu am 1. Maççothfeiertag im letzten Grund dem römischen Prokurator in Rechnung zu setzen ist. Wie die Art der Todesstrafe, die Kreuzigung, wenn auch von den Juden in Anbequemung an die römische Sitte gefordert, dem jüdischen Gesetz nicht entsprach, so hatten es auch die jüdischen Oberen, nachdem Jesus einmal der heidnischen Behörde übergeben war, gar nicht mehr in ihrer Hand, den Tag der Strafvollstreckung der Halakha entsprechend eigenmächtig festzusetzen. Für das, was in dieser Hinsicht geschah, trug Pontius Pilatus die Verantwortung. Ob das nicht genügte, auch einen Pharisäer stronger Observanz in seinem Innern über Jesu Tötung an einem 1. Feiertag zu beruhigen? Das Ergebnis lautet demnach auch hier: wenn die Synoptiker die Kreuzigung Jesu an einem 15. Nisan erfolgen lassen, so befinden sie sich damit nicht in einem unlösbaren Widerspruch zur Halakha.
C. Die synoptischen Berichte sollen durch etliche gelegentliche Bemerkungen erkennen lassen, daß die Berichterstatter selbst den Todestag Jesu nicht für einen jüdischen Feiertag gehalten haben. Durch diese gelegentlichen Bemerkungen hätten sich so die Berichterstatter in Widerspruch zu ihrer anderweitigen Annahme gesetzt, daß Jesus am 15. Nisan, dem 1. Maççothfeiertag, gekreuzigt sei, u. damit dieser ihrer Annahme selbst den Boden entzogen.
1. Mt 26, 47: ἰδοὺ Ἰούδας εἷς τῶν δώδεκα ἦλθεν καὶ μετʼ αὐτοῦ ὄχλος πολὺς μετὰ μαχαιρῶν καὶ ξύλων, dazu die Parallelen Mk 14, 43 u. Lk 22, 52. — Ferner Mt 26, 51: καὶ ἰδοὺ εἷς τῶν μετὰ Ἰησοῦ ἐκτείνας τὴν χεῖρα ἀπέσπασεν τὴν μάχαιραν αὐτοῦ, Parallelen: Mk 14, 47; Lk 22, 49 f. — Die Schar, welche Jesum gefangen nimmt, ist bewaffnet mit Schwertern u. Stangen; auch Petrus führt ein Schwert bei sich. Da nun das Tragen von Waffen an einem Sabbat u. einem Feiertag verboten war, so hätten, sagt man, die Synoptiker durch diese Notiz selbst zu erkennen gegeben, daß die Gefangennahme Jesu nicht in der Nacht zum 15. Nisan, dem 1. Maççothfeiertag, geschehen sei. — Folgende rabbinische Stellen kommen in Betracht. Schab 6, 4: Der Mann soll (am Sabbat) nicht ausgehen mit einem Schwert, einem Bogen, einem Schild, einer Stange אַלָּה u. einem Spieß; u. wenn er damit ausgegangen ist, ist er zu einem Sündopfer verpflichtet (falls es versehentlich oder irrtümlich geschah). — Die Worte beziehen sich zunächst auf den Sabbat, gelten aber auch vom Feiertag nach dem mehrfach angeführten Grundsatz: Es ist zwischen dem Sabbat u. Feiertag kein weiterer Unterschied als das Bereiten der Speise (das an jenem verboten u. an diesem erlaubt ist). Aber diese Bestimmung über das Waffentragen hat für die synoptischen Stellen keine Bedeutung. Denn Schab 6, 4 heißt es weiter: R. Eliʿezer (um 90) sagte: Schmucksachen sind sie (die Waffen) für den Mann (u. deshalb am Sabbat erlaubt). Die Gelehrten erwiderten ihm: Lediglich zur Schande gereichen sie ihm; denn es heißt Jes 2, 4: Sie werden ihre Schwerter umschmieden zu Pflugmessern u. ihre Spieße zu Winzerhippen; nicht mehr wird Volk wider Volk das Schwert erheben, noch werden sie fürder zum Kriege sich üben. (Ausführlicheres über diese Debatte s. Schab 63a; pSchab 6, 8b, 39.) R. Eliʿezer ist anerkanntermaßen ein Vertreter älterer Traditionen u. ein Verfechter früherer Observanzen gewesen. Sein Votum darf dahin aufgefaßt werden, daß vordem das Tragen von Waffen an Sabbat- u. Feiertagen nicht verboten war, u. die obigen Zitate aus den Synoptikern sind Belege dafür, daß R. Eliʿezer in diesem Stück richtig über die frühere Zeit beraten war. Die Folgerungen, die man aus dem späteren, etwa dem Ende des 1. nachchristl. Jahrh.s angehörenden Verbot, am Sabbat Waffen zu tragen, gezogen hat, berühren daher die obigen synoptischen Stellen überhaupt nicht.
2. Mk 15, 21: καὶ ἀγγαρεύουσιν παράγοντά τινα Σίμωνα Κυρηναῖον, ἐρχόμενον ἀπʼ ἀγροῦ …, ἵνα ἄρῃ τὸν σταυρὸν αὐτοῦ. Ähnlich Lk 23, 26, während Mt 27, 32 über das Kommen Simons ἀπʼ ἀγροῦ nichts sagt. — Simon von Kyrene, so urteilt man, kam vom Felde ἀπʼ ἀγροῦ, d. h. von der Feldarbeit; Feldarbeiten aber waren an einem Feiertag verboten — war doch schon zum Teil das Arbeiten am 14. Nisan, dem Tage vor dem 1. Maççothfesttag, untersagt —, folglich muß der Tag, da man Jesum zur Kreuzigung hinausführte, ein Werkeltag gewesen sein; jedenfalls kann es nicht der 15. Nisan gewesen sein. — Wir legen keinen Wert darauf, daß ἀπʼ ἀγροῦ nach Mk 5, 14; 6, 36. 56; Lk 9, 12 möglichenfalls zu übersetzen ist: „von einem Landgut“. Die Wendung ביא מן השדח, die dem ἐλθεῖν ἀπʼ ἀγροῦ entspricht, begegnet so oft im Rabbinischen u. hat so regelmäßig die Bedeutung: „vom Felde kommen“, daß von dieser Übersetzung nur im äußersten Notfall abgewichen werden dürfte. Aber davor muß gewarnt werden, daß man das Kommen „vom Felde“ gleichsetzt dem Kommen „von der Feldarbeit“. Beça 18b heißt es zB: „Rab Nachman b. Jiçchaq († 356) hat gesagt: Mitunter kommt ein Mensch vom Felde בא מן השדה, beschmutzt mit Lehm u. Kot, u. badet sich (deshalb) auch in der winterlichen Jahreszeit. Das würde richtig sein in bezug auf einen Sabbat; aber was ist in bezug auf den Versöhnungstag zu sagen?…“ Also selbst am Sabbat kann ein Mensch vom Felde kommen, u. noch dazu beschmutzt von oben bis unten, u. doch nimmt niemand an, daß er von der Feldarbeit komme; es ist ja Sabbat. — Aber was die Hauptsache, war denn wirklich jede Hantierung an einem Feiertag auf dem Felde verboten? Es sei auf folgende Stellen verwiesen.

Beça 4, 1: Man darf (an einem Feiertag) Holz (zum Brennen) vom Felde aus einem zusammengebrachten (u. zum Brennen bestimmten) Haufen holen מביאין עצים מן חשדה מן המכונס. ‖ TJom ṭ 3, 10 (206): Man holt (an einem Feiertage) Holz (vom Felde) nicht in einem Strick u. nicht in einem Korb u. nicht in einer Matte, wohl aber darf man es holen in einer Umhüllung (Tuch) u. in seinem Busen. R. Schimʿon b. Elʿazar (um 190) hat gesagt: Die Schule Schammais u. die Schule Hillels waren nicht geteilter Meinung betreffs der zusammengebrachten (Holz)Haufen an einem umfriedigten Ort, daß man (von ihnen Holz an einem Feiertage) holen dürfe, u. betreffs des [an einem umfriedigten Ort u.] auf den Feldern zerstreut umherliegenden Holzes, daß man davon nicht holen dürfe; worüber waren sie geteilter Meinung? Betreffs der auf den Feldern zusammengebrachten Haufen u. betreffs des an einem umfriedigten Ort zerstreut umherliegenden Holzes. Die Schule Schammais sagte: Man darf davon nicht holen, u. die Schule Hillels sagte: Man darf davon holen.2 — Dasselbe als Bar Beça 31a. ‖ Beça 3, 3: Wenn man (an einem Feiertag) ein (todkrankes) Stück Vieh auf dem Felde בשדה geschlachtet hat, so hole man es nicht auf einer großen oder kleinen Tragstange, sondern in der Hand stückweise.

Angesichts dieser Stellen wird man kaum die Meinung aufrechterhalten können, daß die Synoptiker durch das Kommen Simons vom Felde her selbst zu erkennen gegeben hätten, daß sie jenen Tag nicht für den 15. Nisan, den ersten Maççothfeiertag, gehalten hätten. Dieses Kommen vom Felde vertrug sich mit dem feiertägigen Charakter jenes Tages gar wohl, vorausgesetzt natürlich, daß das Feld innerhalb des Sabbatsbezirks gelegen hat, d. h. nicht weiter als 2000 Ellen von der Stadtgrenze entfernt gewesen ist.
3. Mk 15, 42 u. Lk 23, 54 (vgl. Mt 27, 62) wird der Tag der Kreuzigung Jesu als παρασκευή, d. h. als Rüsttag (auf den folgenden Sabbat) bezeichnet. Diese Bezeichnung, sagt man, passe wohl, wenn der Todesfreitag der 14. Nisan, aber nicht, wenn er der 15. Nisan, der 1. Maççothfeiertag, war; denn einen 1. Feiertag, der auf einen Freitag fiel, würde man schwerlich „Rüsttag auf Sabbat“ genannt haben. — Die letzte Annahme trifft nicht zu. Dem griechischen παρασκευή entspricht, wie die Deutung ὅ ἐστιν προσάββατον Mk 15, 42 zeigt, das hebräische עֶרֶב שַׁבָּת (aram. עֲרוּבְתָּא שַׁבְּתָא oder bloß ערובתא). = Vortag des Sabbats oder Rüsttag auf Sabbat. So aber hat man ganz unbedenklich auch einen 1. Feiertag4 genannt, wenn er auf einen Freitag fiel; s. zB Beça 2, 1; Mekh Ex 16, 23 (58a): יום טוב שחל לחיות ערב שבת = wenn ein Feiertag so fällt, daß er der Rüsttag auf Sabbat ist. Damit werden alle Folgerungen, die man an den Ausdruck παρασκευή geknüpft hat, von selbst hinfällig. Aber auch sachlich sind obige Bedenken gegenstandslos. Denn unbeschadet seiner Heiligkeit ist ein 1. Feiertag, der ein Freitag war, tatsächlich doch auch im eigentlichsten Sinn des Wortes ein „Rüsttag“ auf den folgenden Sabbat gewesen. Nach Ex 12, 16 sollte allerdings am 1. u. 7. Maççothfeiertag nur das hergerichtet werden, „was von jeglicher Seele gegessen wird“. Streng genommen durften also an einem 1. Feiertag, der ein Freitag war, Speisen für den folgenden Sabbat nicht zubereitet werden. Prinzipiell hat die alte Synagoge an dieser Bestimmung auch festgehalten; tatsächlich aber war sie für die Praxis so gut wie aufgehoben. Man sollte nicht von vornherein u. absichtlich an einem Feiertag für den nachfolgenden Sabbat kochen; aber man durfte überreichlich am Feiertag für diesen selbst kochen u. was dann übrigblieb, am Sabbat verzehren. Außerdem hatte man die Einrichtung des sog. עֵירוּב תַּבְשִׁילִין (= Vermischung der Speisen) geschaffen, wodurch das Zubereiten von Speisen für den Sabbat am Feiertag in der ausgiebigsten Weise ermöglicht war. Man kochte nämlich bereits am Donnerstag etwas für den Sabbat u. bildete daraufhin die Theorie aus, daß, wenn am Freitag, also dem Feiertag, zu dem am Donnerstag für den Sabbat Bereiteten etwas hinzugekocht würde, man eigentlich nichts Neues schaffe, sondern das am Donnerstag Begonnene am Feiertag für den Sabbat nur vollende. Man meinte, daß durch das am Donnerstag für den Sabbat begonnene u. am Freitag (Feiertag) für den Sabbat vollendete Kochen der Feiertag u. der Sabbat gewissermaßen zu einer ideellen Einheit „vermischt“ würden, u. hielt sich dank dieser Theorie für berechtigt, alles, was für den Sabbat an Speise u. Trank nötig war, am voraufgehenden Feiertag herzustellen, wenn man nur am Donnerstag nicht vergessen hatte, für den Sabbat etwas im voraus zuzubereiten. Ja selbst diese Bedingung konnte unerfüllt bleiben. Man erklärte es für angängig, daß jemand an dem, was er am Donnerstag für den Sabbat fertig machte, auch andren Personen innerhalb des Sabbatsbezirkes Anteil gewähren könne, nur müßten es diese wissen. Vergaß dann einer von diesen die Herstellung des Sabbatsgerichtes am Donnerstag, so durfte auch er im Hinblick auf das von jenem andren für ihn Zubereitete getrost am Feiertag hinzukochen, was er wollte u. wieviel er wollte, ohne sich dadurch der Entheiligung des Feiertags schuldig zu machen.

Beça 2, 1: Wenn ein Feiertag so fällt, daß er ein Rüsttag auf den Sabbat ist (also auf einen Freitag), so darf man nicht von vornherein am Feiertag für den Sabbat kochen, sondern man kocht für den Feiertag, u. wenn man übrigläßt, so läßt man für den Sabbat übrig. Man bereitet aber am Rüsttag des Feiertags (also am Donnerstag) eine Speise (für den Sabbat) u. kocht dann zu ihr (am Feiertag) für den Sabbat hinzu. Die Schule Schammais sagte: Zwei Speisen (sind am Donnerstag für den Sabbat zu bereiten), die Schule Hillels aber sagte: Eine. Sie stimmten jedoch darin überein, daß Fisch mit Ei dazu zwei Speisen seien. Aß er es (das am Donnerstag Bereitete am Feiertag, bevor noch die übrigen Sabbatspeisen hinzugekocht waren) auf oder ging es verloren, so darf er nicht von vornherein in Beziehung darauf hinzukochen; wenn aber etwas davon, so viel oder so wenig es sei, übriggeblieben ist, so darf er (am Feiertag) dazu für den Sabbat hinzukoçhen. ‖ TJom ṭ 2, 5 (203): Man bereitet an einem Feiertag nichts für den Sabbat (so die prinzipielle Bestimmung nach Ex 12, 16); aber man darf einen Topf mit Fleisch anfüllen (am Feiertag), auch wenn man davon nur wenig ißt (am Feiertag, so daß viel für den Sabbat übrigbleibt); man darf sich den Wasserwärmer mit Wasser anfüllen, auch wenn man nur einen Becher davon trinkt (u. den Rest am Sabbat benützen); aber wer bäckt, bäckt nur so viel, wie er (am Feiertag) nötig hat. R. Schimʿon b. Elʿazar (um 190) sagte: Man darf (am Feiertag) den Ofen mit Brot anfüllen, weil das Brot stets schöner wird, wenn der Ofen voll ist (u. den Rest am Sabbat benützen). ‖ Das. 2, 2 (203): Wenn man am Rüsttag des Feiertags (also am Donnerstag) eine Speise (für den Sabbat) zubereitet, so darf man daraufhin hinzubacken u. hinzukochen (am Feiertag) für den Sabbat; auch darf man daraufhin Warmes aufbewahren (warmhalten für den Sabbat). Man ist berechtigt, davon (von dem am Feiertag für den Sabbat Zubereiteten) zu essen, während es noch Tag ist (also schon vor Anbruch des Sabbats); man ist auch berechtigt, davon zu verschenken (denn man darf immer wieder hinzukochen, wenn man nur etwas davon übrig läßt), u. zwar hat weder der Anfang (das am Donnerstag Bereitete) noch auch das Ende (das am Feiertag Übrigbleibende, nachdem man davon gegessen oder verschenkt hat) ein bestimmtes Maß (doch soll es mindestens so viel wie eine Olive sein, vgl. Beça 16b). ‖ Beça 16b: Komm u. höre: Die Speise (die man am Donnerstag für den Sabbat bereitet, der עירוב תבשילין) darf Gebratenes, auch Eingelegtes, Gebrühtes, Gekochtes u. spanischer Thunfisch sein, wenn man am Rüsttag des Feiertages warmes Wasser darauf getan hat; ihr Anfang u. ihr Ende (s. vorhin) hat kein bestimmtes Maß. Soll das etwa heißen, daß sie überhaupt kein Maß haben? Vielmehr ist das so zu verstehen: sie haben kein Maß nach oben, wohl aber nach unten (mindestens so viel wie eine Olive). ‖ TJom ṭ 2, 3 (203): Die Bewohner eines Hauses mit gemeinsamer Durchgangshalle sind berechtigt, (gemeinsam am Donnerstag) eine Speise (für den Sabbat) zu bereiten, um zu ihr hinzuzubacken u. hinzuzukochen (für den Sabbat); sie sind berechtigt, sie zum gemeinsamen Besitz (der Benützer) der Durchgangshalle zu machen: siehe, wenn einer (von diesen) es vergessen u. keinen Speise-ʿErub (am Donnerstag) für den Sabbat gemacht hat, so dürfen die andren, die den Speise-ʿErub gemacht haben, es für ihn tun. ‖ pBeça 2, 61b, 11: R. Chijja (um 280) hat im Namen des R. Jochanan († 279) gesagt: (Wer den Speise-ʿErub für andre mitbereiten will am Donnerstag) muß sagen: Für mich u. für den, der keinen Speise-ʿErub gemacht hat. ‖ Beça 16b: Rab Huna († 297) hat gesagt, Rab († 247) habe gesagt: Beim Speise-ʿErub bedarf es des Mitwissens darum. Es ist selbstverständlich, daß wir das Mitwissen desjenigen darum verlangen müssen, der ihn herrichtet; aber verlangt man auch das Mitwissen desjenigen darum, für den man ihn herrichtet, oder verlangt man es nicht? Komm u. höre: Der Vater Schemuëls († 254) richtete den Speise-ʿErub für ganz Nehardeʿa her, R. Ammi (um 300) u. R. Asi (um 300) für ganz Tiberias. R. Jaʿaqob b. Idi (um 2–0) ließ öffentlich bekanntmachen: Wer keinen Speise-ʿErub hergerichtet hat, der komme u. koche hinzu auf Grund meines Speise-ʿErubs. Bis wie weit (darf man für andre den Speise-ʿErub herstellen)? Rab Nachum b. Zekharja hat im Namen des Abaje († 338/39) gesagt: Bis zur Sabbatgrenze = 2000 Ellen. ‖ Mekh Ex 16, 23 (58a): Was ihr backen wollt, backet, u. was ihr kochen wollt, kochet Ex 16, 23. R. Eliʿezer (um 90) sagte: Zum Gebackenen Gebackenes u. zum Gekochten Gekochtes. Wie dies? Wenn ein Feiertag so fällt, daß er der Rüsttag des Sabbats ist, woher, daß man nicht berechtigt ist, an ihm (eigens für den Sabbat) zu backen u. zu kochen, es sei denn, daß man (am Donnerstag) den Speise-ʿErub gemacht hat? Die Schrift sagt lehrend: Was ihr backen werdet, backet, d. h. backet zu dem Gebackenen hinzu, kochet zu dem Gekochten hinzu. — Dasselbe Beça 15b; pBeça 2, 61a, 49. ‖ Beça 15b: Wer seinen Speise-ʿErub hätte herstellen können (am Donnerstag) u. hat es nicht getan, der ist ein Frevler; vgl. Beça 16b.

Diese Stellen machen es zweifellos, daß die Zubereitung der Sabbatspeisen an einem unmittelbar voraufgehenden Feiertag der Halakha entsprochen hat. Wenn daher Mk 15, 42 (u. Parallelen) der Todestag Jesu, der 15. Nisan, als παρασκευή bezeichnet wird, so muß darin durchaus nicht eine verblaßte Spur gefunden werden, daß die Synoptiker selbst noch diesen Tag als einen Werkeltag in ihrer Erinnerung gehabt hätten, sondern jene Bezeichnung ist völlig zutreffend gewählt: der 15. Nisan, der erste Maççothfeiertag, war, weil er in jenem Jahr auf einen Freitag fiel, unbeschadet seiner Heiligkeit, wirklich das, was παρασκευή besagt, nämlich ein Rüsttag, insofern an ihm die Speisen für den bevorstehenden Sabbat zubereitet werden durften u. gewiß auch allgemein zubereitet worden sind.
4. Mk 15, 46 wird berichtet, daß Joseph von Arimathia am Todestage Jesu, also nach der Meinung der Synoptiker am ersten Maççothfeiertag, Leinwand zur Bestattung Jesu eingekauft hat. — Ein eigentliches Kaufen u. Verkaufen unter Angabe des Maßes u. des Gewichts u. des Preises der gewünschten Waren war an einem Feiertag verboten. Bei Vermeidung solcher Angaben durften Waren vom Händler verabfolgt werden.

Beça 3, 7: Man darf (an einem Feiertag) nicht zum Schlächter sagen: „Wiege mir für einen Denar Fleisch ab“; wohl aber darf der Schlächter schlachten, daß die Leute es sich untereinander teilen. — Das. 3, 8: Man darf (an einem Feiertag) zu einem andren sagen: „Fülle mir dies Gefäß“; aber es darf nicht mit einem Maß geschehen (nach welchem sonst verkauft zu werden pflegt). R. Jehuda (um 150) sagte: Wenn das betreffende Gefäß selbst ein Maßgefäß ist, so fülle man es nicht ganz.… Man darf (am Feiertag) zu seinem gewöhnlichen Krämer gehn u. zu ihm sagen: Gib mir so u. so viel Eier u. Nüsse (denn da der Krämer ihn kennt, gibt er ihm auch ohne Vereinbarung des Preises). — Das. 3, 6: R. Jehuda (um 150) sagte: Man darf (an einem Feiertag) Fleisch abwiegen gegen ein Gerät oder gegen ein Hackmesser (die für gewöhnlich nicht als Gewichte dienen); die Gelehrten aber sagten: Man soll eine Wagschale überhaupt nicht berücksichtigen. ‖ TJom ṭ 3, 5 (205): Die Gelehrten sagten: Man berücksichtigt (an einem Feiertag) eine Wagschale überhaupt nicht. sondern man wiegt es mit der Hand ab u. legt es hin; wenn es aber ein geübter Schlächter ist, so darf er es nicht mit seiner Hand abwiegen u. abgeben, weil seine Hand so gut ist wie ein Gewicht (er weiß durch Übung genau, wie schwer ein Stück Fleisch ist, das er in der Hand hat), sondern er haut mit dem Hackmesser ab u. gibt es den einzelnen. Man darf (am Feiertag) zu seinem gewöhnlichen Schlächter gehn u. zu ihm sagen: Gib mir ein Vorderteil, gib mir ein Hinterteil; zu seinem gewöhnlichen Geflügelhändler u. zu ihm sagen: Gib mir eine Taube, gib mir ein Huhn. Man darf zu seinem gewöhnlichen Bäcker gehn u. zu ihm sagen: Gib mir ein Brot, gib mir einen Kuchen. Man darf zu seinem gewöhnlichen Krämer gehn u. zu ihm sagen: Gib mir 50 Nüsse, 20 Eier, 20 Granatäpfel. Nur soll er ihm nicht die Summe des Gewichts (so nach Beça 29b) angeben. R. Schimʿon b. Elʿazar (um 190) sagte: Nur soll er ihm nicht die Summe des Kaufpreises angeben.

Die hier beigebrachten Stellen beziehen sich ohne Ausnahme lediglich auf den feiertägigen Einkauf von Eßwaren. Da die Zubereitung von Speisen nach Ex 12, 16 an einem Feiertag erlaubt war, so lag es ja nahe, auch deren Einkauf am Feiertag freizugeben, wenn auch unter Formen, die sonst nicht üblich waren. Über den Handel mit andren Waren an einem Feiertag stehen uns keine Belege zur Verfügung; wir halten einen solchen aber kaum für möglich. Jedenfalls birgt die Notiz vom Leinwandkauf am 15. Nisan eine gewisse Schwierigkeit in sich. Wir bemerken dazu folgendes. Die Notiz findet sich nur bei Markus, nicht bei den übrigen Synoptikern. Vielleicht hat an der entsprechenden Stelle das vorauszusetzende semitische Urevangelium das Verbum לָקַח oder נְסַב, נְסֵיב gelesen, die beide sowohl „nehmen“, als auch „kaufen“ bedeuten können. Im Markusevangelium ist das betr. Verbum im letzteren Sinn gefaßt worden; wäre es richtiger in ersterer Bedeutung genommen worden, so läge keinerlei Schwierigkeit vor. Da die Bemerkung über das „Nehmen“ von Leinwand im letzten Grund rein pleonastischer Art war, hat sie Matthäus u. Lukas beiseite gelassen.
5. Lk 23, 56 heißt es von den Frauen: ἡτοίμασαν ἀρώματα καὶ μύρα. Auch diese Worte sollen gegen den feiertägigen Charakter des Todestages Jesu streiten. Aber Schab 23, 5 wird selbst für einen Sabbat bestimmt: „Man darf alles, was für einen Toten nötig ist, verrichten; man darf ihn salben u. waschen, nur daß man an ihm kein Glied verrückt.“ — Die Bestattung Jesu trotz des Feiertages folgte aus Dt 21, 23; s. bei Mt 27, 57 S. 1048 Anm. d.
6. Endlich sei in diesem Zusammenhang noch folgender Einwand erwähnt. Wie die Synoptiker berichten, hat Jesus nach der Beendigung des Passahmahles den Garten Gethsemane am Ölberg aufgesucht. Nach Ex 12, 22 aber sollte niemand während der Passahnacht das Haus verlassen. Daraus hat man gefolgert, daß die letzte Passahfeier Jesu nicht die eigentliche Passahfeier jenes Jahres gewesen sei, daß sie mithin nicht am 14. Nisan, sondern bereits am 13. Nisan stattgefunden habe, so daß als Todestag der 14. Nisan angesehen werden müsse. — Allein die Voraussetzung, daß die Bestimmung in Ex 12, 22 auch in Jesu Tagen gegolten habe, ist unrichtig; mithin treffen auch die daraus gezogenen Folgerungen nicht zu. TPes 8, 11–17 (169) werden die Unterschiede zwischen der in Ägypten gehaltenen Passahfeier u. den Passahfeiern der späteren Zeit aufgezählt. Dabei heißt es: Von der Passahfeier in Ägypten wird gesagt Ex 12, 22: „Von euch soll keiner aus der Tür seines Hauses gehen bis zum Morgen“, was nicht auf das Passah der (späteren) Geschlechter zutrifft.… Beim Passah in Ägypten mußte man an dem Ort des Essens übernachten, dagegen darf man beim Passah der (späteren) Geschlechter an dem einen Orte essen u. an einem andren Orte übernachten. ‖ Josephus erzählt Antiq 18, 2, 2, daß die Priester den Brauch beobachtet hätten, am Passahfest bereits um Mitternacht die Tempeltore zu öffnen, um nämlich dem Volk möglichst frühzeitig Einlaß zu gewähren. Da hätten sich (zur Zeit des Prokurators Coponius, um 6–9 n. Chr.) einmal etliche Samaritaner eingeschlichen u. den Tempel durch Ausstreuen menschlicher Gebeine verunreinigt. — Eine Nacht, in der jeder an der Stätte seiner Passahfeier verblieb, war hiernach die Passahnacht jedenfalls nicht; Vorschrift war nur, daß man Jerusalem in der Passahnacht nicht verlassen sollte. Dabei waren die Grenzen Jerusalems nicht allzu eng gezogen: so wurden alle Wohnstätten zwischen Jerusalem u. Bethphage am Ölberg noch zu Jerusalem gerechnet. Man kann also nur sagen, daß Jesus, wenn er in der letzten Passahnacht nach Gethsemane hinausgegangen ist, damit nichts getan hat, was gegen die Satzungen der Schriftgelehrten verstoßen hätte.

Pes 95b Bar: R. Jehuda (um 150) hat gesegt: Woher, daß man beim 2. Passah (das 4 Wochen nach dem 1. Passah am 14. Ijjar zu feiern war, vgl. Nu 9, 1 ff.) nicht zum Übernachten (in Jerusalem) verpflichtet ist? Weil es heißt Dt 16, 7 f.: „Am Morgen wende dich u. geh zu deinen Zelten. Sechs Tage lang sollst du ungesäuerte Brote essen.“ Bei dem, bei welchem man sechs Tage lang (Maççoth) ißt (d. h. beim ersten Passah am 14. Nisan) ist man zum Übernachten (in Jerusalem) verpflichtet; aber bei dem, bei welchem man nicht sechs Tage lang (Maççoth) ißt (d. h. beim zweiten Passah). ist man nicht zum Übernachten (in Jerusalem) verpflichtet. (Aus SDt 16, 7 § 134 [101b]; TPes 8, 8 u. Pes 95b erkennt man, daß nach der Meinung andrer auch das zweite Passah zum Übernachten in Jerusalem verpflichtete; s. die erste Stelle bei Lk 2, 43 S. 147 f.) — Über die Zugehörigkeit Bethphages zum Weichbild Jerusalems s. bei Mt 21, 1 A S. 839 f.

Fassen wir das bisher Gesagte kurz zusammen: die Gründe, die man von der Halakha her gegen den 15. Nisan als Todestag Jesu beigebracht hat, sind zum Teil nichtig, zum Teil nicht zwingend. Wirkliche Schwierigkeit bereitet nur das Einkaufen von Leinwand am 1. Maççothfeiertag durch Joseph von Arimathia Mk 15, 46. Wie diese Schwierigkeit vielleicht beseitigt werden kann, ist oben zu zeigen versucht worden. — Man wird getrost sagen dürfen, daß, wenn uns nur die synoptischen Berichte über die letzte Passahfeier u. das Todesleiden Jesu vorlägen, kaum ein evangelischer Theologe deren Unvereinbarkeit mit der jüdischen Halakha behaupten würde. Das allgemeine Urteil würde lauten, daß zwar einige Unstimmigkeiten vorhanden seien, daß diese aber auch in befriedigender Weise zugunsten der synoptischen Berichterstattung beseitigt werden könnten. — Was die von den Synoptikern angenommene Situation (Todestag = 15. Nisan) wirklich schwierig macht, ja geradezu unmöglich erscheinen läßt, ist nicht die Halakha, sondern
D. die Darstellung des vierten Evangeliums. — So bestimmt die Synoptiker den 15. Nisan als Todestag Jesu annehmen, so bestimmt verlegt das Johannesevangelium die Kreuzigung Christi auf den 14. Nisan.
1. Joh 19, 31 u. 19, 14. In der ersten Stelle wird die Bitte an Pilatus, die Abnahme der Leichname vom Kreuz gestatten zu wollen, motiviert mit: παρασκευὴ ἦν, ἵνα μὴ μείνῃ ἐπὶ τοῦ σταυροῦ τὰ σώματα ἐν τῷ σαββάτῳ. Wie bei den Synoptikern wird der Tag der Kreuzigung als παρασκευή bezeichnet, d. h. als Rüsttag auf Sabbat; Johannes stimmt also mit den Synoptikern darin überein, daß der Todestag Jesu ein Freitag gewesen ist, s. auch Joh 19, 42. — In der zweiten Stelle (19, 14) wird dieser Freitag nicht παρασκευή schlechthin (= παρασκευὴ τοῦ σαββάτου) genannt, sondern παρασκευὴ τοῦ πάσχα. Der entsprechende hebräische Terminus ist עֶרֶב פֶּסַח; er bedeutet „Vortag oder Rüsttag auf das Passahfest“ u. bezeichnet als Monatsdatum gebraucht den 14. Nisan, s. Belege bei A S. 812 Fußnote 1. Die Bedeutung dieses Terminus ist so feststehend, daß irgendeine Ausnahme geradezu undenkbar erscheint. Wie wir unter „Weihnachtsheiligabend“ nur den 24. Dezember verstehen, so hat ein Jude unter ערב פסח nie etwas andres als den 14. Nisan verstanden. Wenn daher der Apostel Johannes diesen Terminus griechisch völlig korrekt mit ,παρασκευὴ τοῦ πάσχα‘ wiedergegeben hat, so kann er damit, falls er sich nicht absichtlich mißverständlich ausdrücken wollte, gar nichts andres gemeint haben als den Rüsttag auf das Passahfest oder den 14. Nisan, u. daß er wirklich den 14. Nisan darunter verstanden hat, das lehrt der Zusammenhang in Joh 19, 14, worüber das Nähere weiter unten. Damit stehen wir eben der Tatsache gegenüber, daß der Todestag Jesu nach Johannes Freitag, der 14. Nisan, also der Rüsttag auf den 1. Maççothfeiertag gewesen ist, während bei den Synoptikern als solcher Freitag, der 15. Nisan, also der 1. Maççothfeiertag selbst gilt.
Diejenigen Kritiker, die die Angaben des 4. Evangeliums nach denen der synoptischen Evangelien verstanden wissen wollen, also nachzuweisen haben, daß der Todestag Jesu auch nach Johannes der 15. Nisan sei, erkennen folgerichtig die obige Deutung des Ausdrucks παρασκευὴ τοῦ πάσχα = „Rüsttag auf den 1. Maççothfeiertag“ nicht an. Sie wenden zunächst ein, daß von einer „Zurüstung“ παρασκευή wohl bei einem Sabbat, aber nicht beim Passahfest geredet werden könne. Bei einem Sabbat, an dem nicht gekocht werden durfte, sei die Zurüstung der Speisen am Vortag nötig gewesen, beim Passahfest dagegen habe es einer solchen nicht bedurft, da auch an seinem 1. Feiertag die Bereitung von Speisen nach Ex 12, 16 nicht verboten war. — Aber war denn die Beseitigung des Gesäuerten aus den Häusern, das Backen der Maççoth, das Schlachten des Passahlammes am 14. Nisan keine παρασκευὴ τοῦ πασχα im eigentlichen Sinn des Wortes? — Vor allem behauptet man jedoch, daß παρασκευὴ τοῦ πάσχα durchaus nicht notwendig „Rüsttag auf Passah“ bedeuten müsse, sondern gar wohl eine andre Erklärung zulasse. Wie das bloße παρασκευή im NT die feststehende Bedeutung „Rüsttag auf den Sabbat“ habe (s. Mk 15, 42; Lk 23, 54; Mt 27, 62; Joh 19, 31. 42), so sei auch in der Verbindung παρασκευὴ τοῦ πάσχα unter παρασκευή der „Rüsttag auf den Sabbat“ zu verstehen, u. der Genitiv τοῦ πάσχα enthalte die nähere Angabe, welcher Sabbat gemeint sei; παρασκευὴ τοῦ πάσχα sei daher soviel wie παρασκευὴ τοῦ σαββάτου ἐν πάσχα u. bedeute„ Rüsttag auf den Sabbat in der Passahfestwoche“ So gefaßt, hört παρασκευὴ τοῦ πάσχα auf, ein Monatsdatum zu sein, es bezeichnet nicht mehr den 14. Nisan, Sondern den Freitag vor dem Passahsabbat, der je nach Umständen der 14. bis 20. Nisan sein konnte. Damit ist dann der Zwiespalt zwischen Johannes u. den Synoptikern beseitigt; denn jener Freitag vor dem Passahsabbat konnte an sich auch der 15. Nisan sein. — Diese Deutung scheitert daran, daß παρασκευὴ τοῦ πάσχα Wiedergabe des hebräischen ערב פסח ist (s. oben); u. wie dieses niemals vertauscht werden konnte mit einem ערב שבת בפסח, so konnte ein Mann, der an jüdische Vorstellungs- u. Ausdrucksweise gewöhnt war — u. ein solcher war doch der Apostel Johannes —, nimmer den Ausdruck παρασκευὴ τοῦ πάσχα im Sinne von παρασκευὴ τοῦ σαββάτου ἐν πάσχα verwenden. Das wäre gerade so, wie wenn jemand sagen wollte, wir gebrauchten den Ausdruck „Weihnachtsheiligabend“ auch zur Bezeichnung des Sonnabends vor Weihnachten. Das kann einmal zutreffen, nämlich wenn der erste Weihnachtstag ein Sonntag ist; ebenso konnte es auch zutreffen, daß der ערב פסח sich deckte mit dem ערב שבת בפסח, nämlich wenn der Passahsabbat der 15. Nisan war; wenn dagegen der Passahsabbat nicht der 15. Nisan war, deckte sich der ערב פסח niemals mit dem ערב שבת בפסח. Betont man also, daß Joh 19, 14 παρασκευὴ τοῦ πάσχα gleichbedeutend sei mit παρασκευὴ τοῦ σαββάτου ἐν πάσχα, so gibt man eigentlich zu, was man leugnen will, nämlich, daß in jenem Jahre der Passahsabbat ein 15. Nisan, u. mithin der Freitag zuvor, der Todestag Jesu, wie das vierte Evangelium will, der 14. Nisan gewesen ist.
Dazu kommt die Stellung u. Bedeutung, die Joh 19, 14 in dem dort vorliegenden Zusammenhang einnimmt. Es wird der Augenblick geschildert, in dem sich Jesu Geschick erfüllt. Pilatus, auf dem Richterstuhl sitzend, spricht: Siehe, euer König! Die Menge schreit als Antwort: ἆρον, ἆρον, σταύρωσον αὐτόν. Die Hohenpriester, staatsmännischer, entgegnen: Wir haben als König nur den Cäsar. Darauf übergibt Pilatus ihnen Jesum, daß er gekreuzigt würde. Diesen größten weltgeschichtlichen Augenblick fixiert Johannes mit den Worten: ἦν δὲ παρασκευὴ τοῦ πάσχα, ὥρα ἦν ὡς ἕκτη. — Angenommen, παρασκευὴ τοῦ πάσχα bezeichne den „Rüsttag auf den Passahsabbat“, stände dann die Zeitangabe: „es war aber der Freitag vor dem in das Passahfest fallenden Sabbat u. der Stunde nach war es um die sechste“ (= 12 Uhr mittags) in irgendwelcher inneren Beziehung zu jenem Augenblick? Hätte der Freitag vor dem Passahsabbat irgendeine Bedeutung in religiös-geschichtlicher oder in religiös-typologischer Hinsicht, daß der Apostel gerade nach diesem Tage das Datum jenes Ereignisses bezeichnet? Uns ist es nicht bekannt, daß es um den Freitag vor dem Passahsabbat etwas Besonderes war. Wie anders, wenn παρασκευὴ τοῦ πάσχα den Rüsttag auf Passah, den 14. Nisan bezeichnet. Das war der Tag, an dem einst die erste Erlösung des Gottesvolkes aus Ägypten anhob; u. um die 6. Stunde, die Mittagsstunde, das war die Stunde, in der sich an jenem Freitag die Hausväter in Jerusalem etwa anschickten, ihr Passahlamm zur Schlachtung nach dem Tempel zu schaffen: in derselben Stunde tritt Christus als ἀμνὸς τοῦ θεοῦ (s. bei Joh 1, 29 S. 367 ff.) seinen Gang nach der Opferstätte des Kreuzes an, um die letzte Erlösung zu vollenden. Man wird nicht leugnen können, in solchem Zusammenhang hat die Zeitbestimmung: „es war der Rüsttag auf Passah“ Sinn, sie fixiert nicht bloß, sie deutet auch den großen Augenblick. Und daß die Deutung nicht etwas Eingetragenes ist, zeigt Joh 19, 36: ὀστοῦν οὐ συντριβήσεται αὐτοῦ. Der 14. Nisan zwang dazu, in Jesu den Antitypus des Passahopfers zu sehen. So wird von dem Zusammenhang, in dem Joh 19, 14 steht, bestätigt, was schon der bloße Ausdruck παρασκευὴ τοῦ πάσχα = ערב פסח fordert: der Apostel Johannes hat den 14. Nisan als Todestag Jesu festgestellt.
2. Joh 18, 28: Καὶ αὐτοὶ (die Mitglieder des Synedriums) οὐκ εἰσῆλθον εἰς τὸ πραιτώριον, ἵνα μὴ μιανθῶσιν ἀλλὰ φάγωσιν τὸ πάσχα. — Bei den Synoptikern heißt φαγεῖν τὸ πάσχα „das Passahlamm essen“, s. Mt 26, 17; Mk 14, 12. 14; Lk 22, 11. 15. Auch in der Verbindung ἑτοιμάζειν τὸ πάσχα (Mt 26, 19; Mk 14, 16; Lk 22, 8) u. θύειν τὸ πάσχα (Mk 14, 12; Lk 22, 7; 1 Kor 5, 7) bedeutet πάσχα das Passahlamm. Von dieser Regel bilden die Worte ἵνα … φάγωσιν τὸ πάσχα Joh 18, 28 keine Ausnahme; sie sind also zu übersetzen: „damit sie das Passahlamm äßen.“ Das Passahlamm wurde aber am 14. Nisan gegessen; da das Essen Joh 18, 28 noch bevorsteht, kann der Tag, von dem die Stelle redet, nicht der 15., sondern nur der 14. Nisan sein. — Diese Schlußfolgerung können natürlich diejenigen Gelehrten nicht anerkennen, die das 4. Evangelium nach den Synoptikern gedeutet wissen wollen u. deshalb den Nachweis zu führen haben, daß auch dem Apostel Johannes der 15. Nisan als Todestag Jesu gelte. Man sagt, πάσχα müsse nicht notwendig das „Passahlamm“ bezeichnen, es könne auch das während des ganzen Passahfestes u. besonders am 1. Passahfeiertag (15. Nisan) darzubringende Festopfer חֲגִיגָח bezeichnen. Als Beleg für diese Bedeutung von פסח führt man an Dt 16, 2 f.; 2 Chr 35, 7–9 (3 Esra 1, 8 f.). Die Stellen beweisen in der Tat, was sie beweisen sollen: פסח kann unter Umständen „Passahfestopfer“ bedeuten; aber nur unter Umständen, nämlich dann, wenn der Zusammenhang es notwendig fordert. In den genannten Stellen heißt es, daß Rinder als פסח geschlachtet worden seien. Hier zwingt die Nennung der Rinder als Opfertiere, an die Passahfestopfer zu denken, denn für das eigentliche Passahopfer am Abend des 14. Nisan durften nur einjährige Lämmer von Schafen u. Ziegen verwendet werden. — Auch wo in der rabbin. Literatur פסח in diesem weiteren Sinn (= Passahfestopfer, Chagiga) gebraucht wird, gibt das der Zusammenhang stets an die Hand.

So heißt es SDt 16, 4 § 131 (101a): Es soll von dem Fleisch, das du des Abends schlachten wirst, nichts übrig bleiben am ersten Tage bis zum Morgen (so faßt der Midrasch Dt 16, 4). Welche (Opfer-)Schlachtung schlachtest du unter der Bedingung, sie am Abend zu essen? Sage: Das ist הַפֶסַח. (Wäre die Ausführung hiermit zu Ende, so würde niemand unter פסח etwas andres verstehen als das Passahlamm. Nun folgen aber die weiteren Worte:) „Am ersten Tage bis zum Morgen, d. h. bis zum Morgen des zweiten Tages.“ — Die Worte wären sinnlos, wollte man sie auf das Passahlamm beziehen, denn davon durfte nichts bis zum Morgen des 16. Nisan übrig bleiben Ex 12, 10; aber auf die Chagiga des 14. Nisan bezogen, die vor dem eigentlichen Passahlamm gegessen wurde (s. Exk. über die Passahfeier I, C b.) u. von der auch noch am 15. Nisan gegessen werden durfte (2 Tage u. 1 Nacht betrug ihre Essenszeit), geben sie einen brauchbaren Sinn. So nötigt der Zusammenhang das הפסח im ersten Satz im weitern Sinn = Chagiga des 14. Nisan zu fassen. Die Parallelstelle Pes 71a sagt denn auch ausdrücklich: Es soll von dem Fleisch, das du des Abends schlachten wirst, nichts übrigbleiben am ersten Tage bis zum Morgen; das lehrt betreffs der Chagiga des 14. Nisan, daß sie an zwei Tagen u. in einer Nacht gegessen werden darf; vgl. SLv 7, 16 (159a). ‖ Ein andres Beispiel. In einer Bar RH 4a wird ausgeführt, daß derjenige das Gebot: „Du sollst nicht hinausschieben“ Dt 23, 22 übertrete, der drei Feste verstreichen lasse, ohne sein Gelübde zu erfüllen oder ohne seine Zehnten abzuliefern oder ohne פסח darzubringen usw. Das eigentliche Passahlamm konnte nur am 14. Nisan dargebracht werden; der Gedanke, daß es an einem der beiden andren Feste, am Wochen- oder Laubhüttenfest nachträglich dargebracht werden könnte, wäre absurd. Darum muß hier פסה wiederum im weiteren Sinn von dem Passahfestopfer verstanden werden, das am Passahfest selbst aus irgendeinem Grunde unterblieben u. nun an den beiden nächsten Festen nachzuholen war. In der Diskussion über diese Bar RH 5a fragt Rab Schescheth, um 260, was mit פסח gemeint sei. Die Antwort lautet: שלמי פסח = die Passah-Friedmahlsopfer. Rab Chisda († 309) allerdings meint, daß man פסח in jener Bar unnützerweise erwähnt habe כדי נסבה.

Nun sagt man, ein solcher Grund, der nötige, πάσχα im Sinn von „Passahfestopfer“ zu fassen, liege auch Joh 18, 28 vor, u. zwar in den Worten: ἵνα μὴ μιανθῶσιν, denn die Unreinheit, die sich die Mitglieder des Synedriums durch das Betreten des Prätoriums würden zugezogen haben, würde sie am Essen des Passahlammes gar nicht gehindert haben. Die Verunreinigung wäre eine solche gewesen, die nur bis zum Abend unrein machte u. durch ein Tauchbad getilgt werden konnte. Hinterher hätte dem Genuß des Passahlammes nichts im Wege gestanden. Ganz anders dagegen, wenn πάσχα das Passahfestopfer, die Chagiga, bedeute. Diese wäre im Laufe des Tages (am 15. Nisan) gegessen worden, u. auf ihren Genuß hätten die bis zum Abend Unreinen tatsächlich verzichten müssen. So habe also der Apostel Johannes durch die Bemerkung über das Unreinwerden selbst angedeutet, daß mit dem φαγεῖν τὸ πάσχα nicht das Passahmahl des 14., sondern die Opfermahlzeit des 15. Nisan gemeint sei. — Wir übergehen die allgemeinen Bestimmungen über den Ausschluß Unreiner von der Passahmahlzeit, da sie für den vorliegenden Fall nicht in Betracht kommen. Maßgebend sind folgende Stellen.

Ohaloth 18, 7: Die Wohnungen der Nichtjuden (im Lande Israel) sind (levitisch) unrein (weil sie ihre Fehlgeburten darin zu vergraben pflegen). Wie lange müssen sie (die Nichtjuden) darin verweilt haben, daß die Wohnung einer Untersuchung (in dieser Hinsicht) bedarf? 40 Tage (die zur Bildung des Embryo nötig sind), u. zwar selbst wenn keine Frau bei ihm (dem heidnischen Hauswirt) wohnt. Wenn aber ein (israelitischer) Sklave oder eine (israelitische) Frau das Haus (in dieser Hinsicht) beobachten, bedarf es einer Untersuchung nicht. — Nach TAhil 18, 7 (616) geht diese Mischna auf R. Eliʿezer (um 90) zurück; sie ist also alt, so daß ihre Verbindlichkeit zur Zeit des Todes Jesu ohne weiteres vorausgesetzt werden darf. Die Mischna gilt weiter nach TAhil 18, 11 nur für heidnische Wohnungen innerhalb des Landes Israel; ihr Grund ist die Besorgnis, daß Fehlgeburten darin vergraben seien. Das Haus gilt also als durch eine Leiche verunreinigt u. machte nach Nu 19, 14 den Israeliten, der hineingeht, auf sieben Tage unrein. Es blieb sich hiernach völlig gleich, ob die Mitglieder des Synedriums das Passahlamm des 14. Nisan oder die Chagiga des 15. Nisan essen wollten: das Betreten des Prätoriums hätte für sie immer eine siebentägige Unreinheit zur Folge gehabt, die ihnen den Genuß aller heiligen Opfer קודשים, also auch den des Passahlammes (Nu 9, 6 ff.) u. den der Chagiga (Lv 7, 20 f.) verwehrte. ‖ Pes 9, 1: Wer unrein gewesen ist oder auf fernem Wege u. daher das erste Passah (am 14. Nisan) nicht gefeiert hat, der feiere das zweite (am 14. Ijjar). ‖ SLv 12, 4 (230a): Wie der, welcher in Unreinheit das Heiligtum betritt, der Ausrottungsstrafe (durch Gottes Hand) verfällt, so verfällt auch der der Ausrottungsstrafe, der in Unreinheit Heiliges (also auch Chagiga) ißt. ‖ Nur auf das Essen des Passahlammes bezieht sich Pes 7, 7: Wenn das Blut des Passahopfers gesprengt worden ist u. hinterher wurde bekannt, daß es unrein sei, so sühnt das Stirnblatt des Hohenpriesters (vgl. Ex 28, 38 bei Joh 1, 29 S. 365, e, α). War aber die Person (d. h. der Darbringer des Passahopfers) unrein, so sühnt das Stirnblatt nicht (u. der Darbringer hat einen Monat später das „zweite“ Passah zu halten); denn man hat gesagt: Beim Naziräer u. Darbringer des Passahopfers sühnt das Stirnblatt in bezug auf die Unreinheit des Blutes, nicht aber sühnt das Stirnblatt in bezug auf die Unreinheit der Person. War er unrein geworden durch Unreinheit der Tiefe (d. h. durch eine angeblich in der Erde liegende Leiche, von der er nichts wußte), so sühnt das Stirnblatt (er braucht das „zweite“ Passah nicht zu halten, darf aber auch beim ersten Passah nicht mitessen). — TPes 6, 5 (165): Bei allen Opfern einer Einzelperson u. der Gemeinde sühnt das Stirnblatt in bezug auf die Unreinheit des Blutes u. in bezug auf die Unreinheit der Person mit Ausnahme des Naziräers u. des Darbringers des Passahopfers; denn das Stirnblatt sühnt (bei diesen beiden) in bezug auf die Unreinheit des Blutes, aber nicht in bezug auf die Unreinheit der Person, u. wenn er (der Darbringer des Passahopfers oder der Naziräer) unrein geworden ist durch ein Grab in der Tiefe, siehe, so sühnt das Stirnblatt. Wie denn? Ging jemand, um seinen Sohn zu beschneiden oder um sein Passahopfer zu schlachten, u. man sagte zu ihm: „Ein Toter (also etwas sicher Verunreinigendes) war mit dir in dem Haus, das du betreten hast, unter dem Stein, auf dem du gesessen hast“, u. es wurde ihm bekannt, [sei es, nachdem er sein Passahopfer dargebracht hatte, sei es,] bevor er sein Passahopfer dargebracht hatte, so muß er das zweite Passah halten. Aber sagte man zu ihm: „Ein Grab der Tiefe (also etwas möglichenfalls Verunreinigendes) war mit dir in dem Haus, das du betreten hast, unter dem Stein, auf dem du gesessen hast“, u. es wurde ihm bekannt, bevor er sein Passahopfer dargebracht hatte, so muß er das zweite Passah halten; (wurde es ihm aber bekannt) nachdem er sein Passahopfer dargebracht hatte, so braucht er nicht das zweite Passah zu halten. Dasselbe TNaz 6, 2 (292).

Nach diesen Stellen gestattet die Bemerkung des Apostels: ἵνα μὴ μιανθῶσιν keinerlei Schluß darauf, ob mit dem πάσχα, dessen Essen bevorstand, das Passahlamm des 14. Nisan oder die Passahchagiga des 15. Nisan gemeint sei; denn die Unreinheit, die man sich im heidnischen Prätorium zugezogen hätte, wäre immer eine solche gewesen, die sowohl vom Genuß des Passahlammes als auch von dem der Chagiga ausschloß. Ausschlaggebend für diese Frage bleibt lediglich die Bedeutung des φαγεῖν τὸ πάσχα selbst. Erwägt man, daß das 4. Evangelium doch auch für Heidenchristen geschrieben worden ist, die wohl wußten, was es um das jüdische Passahlamm war, aber schwerlich eine nähere Kenntnis von der Passahchagiga hatten; erwägt man ferner, daß kein zwingender Grund vorliegt, πάσχα anders als in seinem gewöhnlichen Sinn zu fassen, so kann die Entscheidung nicht zweifelhaft sein: φαγεῖν τὸ πάσχα bedeutet das Essen des Passahlammes, das am 14. Nisan zu geschehen hatte. Mithin ist eben dieser Tag nach der Meinung des vierten Evangelisten der Todestag Jesu gewesen.
3. Joh 19, 36: ὀστοῦν οὐ συντριβήσεται αὐτοῦ. — Es ist bereits oben (D, 1) bei der Besprechung der Zeitbestimmung ,παρασκευὴ τοῦ πάσχα‘ Joh 19, 14 darauf hingewiesen worden, wie der Apostel in Jesu den Antitypus des Passahopfers gesehen hat. Auf das bestimmteste tritt dieses typologische Moment in den Worten hervor: Es geschah aber dieses, auf daß die Schrift erfüllt würde: „Kein Gebein an ihm soll zerbrochen werden“ Joh 19, 36. Die Vorschrift galt dem am 14. Nisan zu schlachtenden Passahlamm Ex 12, 46; Nu 9, 12; daß sie sich wider Erwarten auch an Jesu erfüllt, ist dem Apostel ein Beweis, daß der Gekreuzigte das wahre Passahlamm sei. Ob Johannes Jesum als das erfüllungsgeschichtliche Gegenbild des alttestamentlichen Passahopfers angesehen haben würde, wenn seine Kreuzigung nicht am 14., sondern erst am 15. Nisan erfolgt wäre? Diejenigen, die das 4. Evangelium den 15. Nisan für Jesu Todestag halten lassen, beantworten diese Frage mit Ja. Man sagt, auch Paulus nenne Jesum das Passahlamm, das für uns geschlachtet worden 1 Kor 5, 7, u. doch sei Paulus der synoptischen Tradition gefolgt, die Jesum am 15. Nisan sterben lasse. Warum hätte also nicht auch Johannes von dieser Idee Gebrauch machen können, auch wenn Jesus nicht am 14., sondern am 15. Nisan gestorben wäre? Die Erfüllung, so sagt man, liegt ja nicht im Tag u. in den Stunden, sondern in der Sache. — Die letzte Bemerkung trifft ohne Zweifel für unsre gegenwärtige Anschauungsweise zu, aber sie paßt auf die Zeit Jesu gar nicht. Dem typischen Deutungsverfahren des damaligen Judentums kam nicht mehr u. nicht weniger als alles gerade auf das Übereinstimmen der Äußerlichkeiten, auch von Tag u. Stunde an. Keinen Juden u. auch wohl keinen Judenchristen würde Johannes von der Wahrheit, daß Jesus das rechte Passahlamm sei, überzeugt haben, wenn er ihm nicht hätte sagen können, daß Jesus am 14. Nisan gestorben sei. Das Passahlamm u. der 14. Nisan gehörten für das jüdische Denken so unauflöslich zusammen, daß ein am 15. Nisan geschlachtetes Passahlamm ein Widerspruch in sich selbst gewesen wäre. Der Apostel hätte seinen Worten in den Augen seiner jüdischen Zeitgenossen jede überzeugende Kraft genommen, wenn er den Gekreuzigten als das wahre Passahlamm verkündigt u. zugleich als dessen Todestag den 15. Nisan hingestellt hätte. — Ebensowenig trifft der Hinweis auf den Apostel Paulus zu. Gewiß folgt dieser Apostel der synoptischen Tradition insofern, als er die Einsetzung des heiligen Abendmahls in der Nacht erfolgen läßt, da Jesus verraten ward, 1 Kor 11, 23. Aber daraus folgt nicht, daß jene Nacht für ihn die Nacht vom 14. auf den 15. Nisan gewesen ist. Auch nach Johannes hat das Mahl, von dem Joh 13, 1 ff. die Rede ist, an dem Abend stattgefunden, der die Leidensnacht einleitete (s. Nr. 4), also, um mit Paulus zu reden, in der Nacht, da Jesus verraten ward, u. doch ist ihm diese Nacht die vom 13. auf den 14. Nisan gewesen. Warum hätte Paulus dieser Nacht nicht dasselbe Datum geben können, das ihr Johannes gegeben hat! Und daß er es tatsächlich getan u. damit den 14. Nisan als Todestag Jesu angesehen hat, folgt für uns notwendig daraus, daß auch er Jesum „unser Passahlamm“ nennt 1 Kor 5, 7. (Auch die Erinnerung an das Fortschaffen des Sauerteigs 1 Kor 5, 7, das in der Nacht zum 14. Nisan begann u. durch Verbrennen des Gesäuerten am 14. Nisan vormittags 11 Uhr sein Ende fand Pes 1, 1–4, zeigt, daß dem Apostel Paulus bei seinen Worten 1 Kor 5, 7 der 14. Nisan vor der Seele gestanden hat.) Für uns gehört die Vorstellung des Johannes, daß Jesus als das wahre Passahlamm getötet worden ist, zu den überzeugendsten Gründen, daß nach des Apostels Annahme Jesus am 14. Nisan gekreuzigt worden ist.
4. Das δεῖπνον Joh 13, 1 ff. — Der Bericht des Johannes über den Verlauf des Mahles macht an keiner Stelle bemerkbar, daß zwischen dem Mahl u. der Gefangennahme Jesu eine längere Zeit, etwa eine Zeit von 24 Stunden, verstrichen sei. Auf das abendliche Mahl folgt in der Nacht die Gefangensetzung Jesu. Die Warnung an Petrus: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“ Joh 13, 38, schließt das Dazwischenliegen eines vollen Tages zwischen Mahl u. Gefangennahme geradezu aus. Das δεῖπνον Joh 13, 1 ff. ist also das letzte Mahl gewesen, das Jesus mit seinen Jüngern gehalten hat, u. fand statt in den Abendstunden des Donnerstags vor dem Todesfreitag. In diesem Stück besteht volle Übereinstimmung zwischen Johannes u. den Synoptikern; denn auch nach der Darstellung der letzteren hat Jesus sein letztes Mahl mit den Jüngern am Abend vor seinem Todestag, also am Donnerstag vor dem Todesfreitag gehalten (s. oben A u. B). Auch sonst tritt die Identität des δεῖπνον Joh 13 u. des von den Synoptikern erwähnten letzten Mahles hervor. So berichtet Johannes, daß Jesus beim Beginn des Mahles (δείπνου γινομένου Joh 13, 2) sich erhoben habe, um den Jüngern die Füße zu waschen. Daß eine besondere Veranlassung dazu vorgelegen haben muß, wird man ohne weiteres annehmen dürfen. Johannes teilt den Anlaß nicht mit. Dagegen lesen wir bei Lukas (22, 24), daß sich an jenem Abend unter den Jüngern Streit über die Frage erhoben habe, wer der Größte unter ihnen sei. Der Streit wird durch Jesu Wort geschlichtet: „Der Ältere unter euch werde wie der Jüngere u. der Führende werde wie der Dienende“ Lk 22, 26. Dieses Wort aber ist inhaltlich der Lehre gleich, die Jesus bei Johannes durch die Fußwaschung erteilt hat: „Wenn nun ich eure Füße gewaschen, der Herr u. Meister, so sollt auch ihr einander die Füße waschen“ usw. Joh 13, 14. Man sieht, die Berichte der Synoptiker u. des 4. Evangeliums über das letzte Mahl ergänzen sich gegenseitig, ein starker Beweisgrund für die Richtigkeit der Annahme, daß das δεῖπνον Joh 13 identisch ist mit dem Mahle, von welchem Mt 26, 20 ff. u. Parallelen reden.
Aus der Identität des von Johannes u. des von den Synoptikern erwähnten letzten Mahles ziehen diejenigen, die den Nachweis führen wollen, daß auch für Johannes der Todestag Jesu der 15. Nisan gewesen sei, folgenden Schluß: Da die Synoptiker das letzte Mahl als Passahmahl dargestellt haben, also als ein Mahl, das am 14. Nisan zu halten war, so folgt daraus, daß das damit identische, auch nach Johannes am Donnerstag vor dem Todesfreitag gehaltene δεῖπνον Joh 13 ebenfalls am 14. Nisan stattgefunden hat; dann kann aber auch Johannes nicht den 14. Nisan, sondern nur den 15. Nisan für den Todestag Jesu gehalten haben. — Die Folgerung scheint zwingend zu sein, tatsächlich ist sie es nicht. Man kann entgegnen: Johannes hat denselben Freitag als Todestag angesehen, den die Synoptiker dafür angesehen haben; für die Synoptiker ist dieser Freitag der 15. Nisan gewesen, u. doch ist er für Johannes der 14. Nisan gewesen. Ebenso auch hier: mögen die Synoptiker immerhin den Donnerstag, an dem das letzte Mahl gehalten worden ist, als 14. Nisan gezählt haben, daraus folgt nicht, daß es auch Johannes getan hat; in Konsequenz seiner Meinung über den Todestag Jesu kann er u. wird er diesen Donnerstag des letzten Mahles eben als 13. Nisan gezählt haben.
5. Joh 13, 27 ff. — Nachdem Jesus während des letzten Mahles den Verräter gekennzeichnet hatte, sprach er zu diesem: Was du tust, das tue schneller! Etliche von den Jüngern, so berichtet Johannes, verstanden diese Aufforderung so, daß Judas, der die Kasse führte, einkaufen sollte, was etwa noch zum Feste nötig wäre, oder daß er den Armen etwas geben sollte. — Diejenigen, die der Johanneischen Bestimmung des Todestages (14. Nisan) den Vorzug geben vor der der Synoptiker (15. Nisan), finden in der Auslegung, die Jesu Aufforderung an Judas seitens etlicher Jünger erfährt, einen Beweis, daß jenes letzte Mahl nicht am 14., sondern am 13. Nisan stattgefunden hat. „In dieser heiligen Nacht (vom 14. auf den 15. Nisan) wäre Kaufen u. Verkaufen äußerste Profanation; … in der Nacht aber vom 13. auf den 14. stand nichts im Wege“ (Delitzsch bei Riehm, Handwörterbuch, 1884 S. 1143). Aber daß das Kaufen u. Verkaufen von Eßwaren an einem 1. Feiertag, also auch am Abend des 14. Nisan, nicht verboten war, zeigen die Zitate oben unter C, 4 S. 832. Und daß es gar wohl möglich war, in jener Nacht vom 14. auf den 15. Nisan Arme zu beschenken, darf man auf Grund von Josephus, Antiq 18, 2, 2 mit Bestimmtheit annehmen (s. die Stelle oben unter C, 6 S. 833). Wenn Josephus hier berichtet, daß die Priester in der Nacht zum 15. Nisan bereits in der Mitternachtsstunde die Tempeltore zu öffnen pflegten, um dem Volk Eingang zu gewähren, so haben in jener Nacht sicher die Armen in der Nähe des Tempelberges nicht gefehlt, um eine Gabe für das Fest zu erbitten u. zu empfangen. Und mußte es denn auch schon gerade Nacht sein, als Judas den Jüngerkreis verließ? Sobald es dunkel geworden war, sollte mit dem Essen des Passahmahles begonnen werden (s. TPes 1, 34); da konnte sich der Verräter bereits vor 8 Uhr entfernen, u. es wäre noch Zeit genug gewesen, Einkäufe zu besorgen u. Almosen auszuteilen. Beweiskraft gegen den 14. Nisan u. für den 13. Nisan als Tag des letzten Mahles hat diese Argumentation von Delitzsch jedenfalls nicht.
Umgekehrt sagen diejenigen, die der synoptischen Tradition über den Todestag Jesu (15. Nisan) folgen, daß der Gedanke, den etliche Jünger mit der Aufforderung Jesu an Judas verbanden, gerade ein Beweis für den 14. Nisan u. gegen den 13. Nisan als Tag des letzten Mahles sei. Hätte das Mahl, so sagt man, am 13. Nisan stattgefunden, so wäre das Einkaufen für das Fest nicht so gar eilig gewesen; der nächste Tag, der 14. Nisan, hätte noch genug Zeit u. Gelegenheit dazu geboten, so daß die Jünger gar nicht auf den Gedanken hätten kommen können, Judas sollte sofort noch in aller Eile das Nötige für das Fest beschaffen. Daß ihnen der Gedanke kam, beweise daher, daß Eile wirklich not tat, d. h. daß der Festtag des 15. Nisan unmittelbar bevorstand. — Diese Argumentation hat sicher mancherlei für sich; wir kommen deshalb auf sie weiter unten (s. H) in einem andren Zusammenhang noch einmal zurück. Hier sei nur gesagt, daß jene Vermutungen, denen etliche Jünger Raum gaben, um sich bei dem nicht verstandenen Wort Jesu doch irgend etwas denken zu können, unmöglich imstande sind, die bisher aus dem 4. Evangelium gewonnenen Ergebnisse umzustoßen. Die unter D, 1–3 besprochenen Stellen des 4. Evangeliums stellen den 14. Nisan so bestimmt als den Todestag Jesu heraus, daß allen Einwänden, die man dagegen aus diesem Evangelium selbst beibringt, von vornherein die Beweiskraft abgesprochen werden muß.
E. Die talmudischen Traditionen über die Person Jesu zeichnen sich durch einen solchen Mangel von Sachkenntnis aus, daß sie als historische Beweismittel ziemlich wertlos sind. Um so bemerkenswerter ist es, daß der babylonische Talmud in Übereinstimmung mit dem Apostel Johannes den 14. Nisan als Jesu Todestag angibt.

Sanh 43a Bar: Am Rüsttag auf Passah בערב הפסח hat man Jesum ישו gehängt. Ein Ausrufer ging 40 Tage vor ihm her (u. verkündigte): Er soll gesteinigt werden, weil er gezaubert u. verführt u. Israel abwendig gemacht hat. Jeder, der für ihn eine Rechtfertigung weiß, komme u. mache sie für ihn geltend. Aber man fand für ihn keine Rechtfertigung u. so hängte man ihn am Rüsttage auf Passah. ʿUlla (um 280) hat gesagt: Meinst du denn, daß er einer war, für den man nach einer Rechtfertigung suchte? Ein Verführer war er, u. der Allbarmherzige hat gesagt Dt 13, 9: Du sollst dich nicht erbarmen u. seine Schuld nicht bedecken. Allein mit Jesu war es etwas andres; denn er stand der (heidnischen) Regierung nahe (vielleicht geschlossen aus dem anfänglichen Sträuben des Pilatus, Jesum hinrichten zu lassen; vgl. Strack, Jesus 18*). ‖ Sanh 67a: Und ebenso (indem man ihn durch Zeugen belauschen ließ) hat man in bezug auf Ben Stada in Lydda gehandelt, u. man hat ihn am Rüsttag auf Passah gehängt. (Ben Stada war ein Zauberer in Lydda, über den wir Näheres nicht wissen; später, wie die vorliegende Stelle zeigt, hat man Jesum mit diesem Ben Stada identifiziert; s. bei Mt 1, 16 S. 38 Nr. 4.)

F. Wie man sich bemüht hat, die Angaben des 4. Evangelisten über den Todestag Jesu nach denen der Synoptiker zu verstehen (s. D), so hat man auch umgekehrt versucht, die Angaben der Synoptiker mit denen des 4. Evangeliums in Einklang zu bringen. Zwei Wege sind es namentlich gewesen, auf denen man zum Ziele zu gelangen hoffte.
Erstens. Man erklärte die synoptische Tradition für irrtümlich. Jesus habe mit den Seinen am 13. Nisan ein letztes gemeinschaftliches Mahl gehalten, das sich in der Tradition je länger je mehr zu einem Passahmahl umgebildet habe; nur auf Grund dieser Umgestaltung des ursprünglichen Charakters jenes Mahles sei der Schein entstanden, als ob es am Tage der Passahmahlfeier, d. h. am 14. Nisan, stattgefunden habe. — Allein daß bereits im Jüngerkreis u. in der Urgemeinde die Erinnerung an das, was dem Tode Jesu voraufgegangen ist, sollte unsicher geworden sein, ist undenkbar; wenn daher die synoptische Tradition, die identisch ist mit der Tradition der Urgemeinde, die Einsetzung des heiligen Abendmahls in den Rahmen der jüdischen Passahfeier eingefügt hat, so ist das nur so erklärlich, daß das heilige Abendmahl tatsächlich bei der Feier des jüdischen Passahmahles, d. h. an einem 14. Nisan, eingesetzt worden ist. — Zweitens. Man sagt, da Jesus wußte, daß er die Zeit der jüdischen Passahfeier am Abend des 14. Nisan nicht mehr erleben würde, so habe er das Passahmahl um einen Tag antezipiert u. bereits am 13. Nisan gefeiert; er, der ein Herr des Sabbats war, sei auch ein Herr der jüdischen Festfeiern gewesen. — Aber auch diese Meinung ist unhaltbar. Mt 26, 17 u. Mk 14, 12 wird der Tag des letzten Mahles auf das bestimmteste als der erste Tag der ungesäuerten Brote bezeichnet; damit kann nur, will man nicht einen Irrtum auf seiten der Synoptiker annehmen, der 14. Nisan gemeint sein (s. oben A). Ferner der Zusatz in Mk 14, 12: ὅτε τὸ πάσχα ἔθυον u. die Bemerkung in Lk 22, 7: ἐν ᾗ (ἡμέρᾳ) ἔδει θύεσθαι τὸ πάσχα schließen jede antezipierte Einzelfeier des Passahmahles aus. Die Worte lassen keinen Zweifel daran, daß nach der Meinung der Synoptiker der Tag der Passahfeier Jesu der Tag gewesen ist, an dem man auch in seinem Volk das Passahlamm geopfert u. gegessen hat. Und endlich eine von einem einzelnen kleinen Kreise antezipierte Passahfeier war eine Unmöglichkeit. Das Passahlamm mußte als solches, d. h. unter ausdrücklicher Angabe seiner Bestimmung, geschlachtet werden; sein Blut mußte von den Priestern aufgefangen, an den Altar getragen u. dort gesprengt werden wiederum als Blut eines Passahlammes. Das Passahlamm durfte aber nur in den Nachmittagsstunden des 14. Nisan geopfert werden; kein Priester würde daher das Blut eines Lammes als Blut eines Passahlammes zu einer andren Zeit gesprengt haben, so daß ein einzelner vor dem Nachmittag des 14. Nisan gar nicht in den Besitz eines gültigen, zum Essen erlaubten Passahlammes gelangen konnte. Und wenn ein einzelner hätte versuchen wollen, ein Passahlamm vor dem 14. Nisan dadurch in seinen Besitz zu bringen, daß er es am 13. Nisan etwa unter einem andren Namen als dem eines Passahlammes schlachten ließ, so wäre es erst recht als rituelles Passahlamm ungültig gewesen. Die Sache lag also einfach so, daß die Jünger gar nicht imstande waren, am 13. Nisan für Jesum ein Passahlamm zu bereiten. Die Beweisstellen s. im Exkurs über die Passahfeier I, D, d. Hier möge noch eine Stelle folgen, die speziell vom Schlachten des Passahopfers am 13. Nisan redet.

Zeb 1, 3: Wenn einer ein Passahlamm am Morgen des 14. Nisan nicht für seinen Zweck (also nicht ausdrücklich als Passahlamm) geschlachtet hat, so erklärt es R. Jehoschuaʿ (um 90) für geeignet (um als Friedmahlsopfer zu dienen), wie wenn es am 13. Nisan geschlachtet wäre (ein solches am 13. Nisan geschlachtetes Passahlamm käme nur als Friedmahlsopfer, nie als Passahopfer in Betracht). Ben Bathyra erklärte es für ungültig, wie wenn es (am 14. Nisan) zwischen den beiden Abenden (nicht unter seinem richtigen Namen) geschlachtet wäre. — TPes 3, 8 (162) lautet die Tradition so: Wenn man am Morgen des 14. Nisan ein Passahlamm nicht für seinen Zweck (nicht unter seinem richtigen Namen) geschlachtet hat, so erklärt es R. Jehuda (lies R. Jehoschuaʿ) für geeignet (als Friedmahlsopfer zu dienen), aber Ben Bathyra erklärte es für ungültig. R. Jehoschuaʿ sagte: Der 13. Nisan ist nicht geeignet (zum Schlachten des Passahlammes) u. der Morgen des 14. Nisan ist nicht geeignet; aber wie das, das man am 13. nicht für seinen Zweck geschlachtet hat, geeignet ist (zum Friedmahlsopfer), so ist auch das, das man am Morgen des 14. nicht für seinen Zweck geschlachtet hat, geeignet (zum Friedmahlsopfer).

G. Nach dem Mißlingen aller Versuche, die Synoptiker nach dem 4. Evangelium u. umgekehrt dieses nach jenen zu erklären, scheint das Endergebnis der Verhandlungen über den Todestag Jesu dies zu sein, daß man den Zwiespalt zwischen den beiden Berichten anerkennt u. auf seinen Ausgleich verzichtet. Und doch darf ein Non liquet in dieser Frage nicht das letzte Wort sein. Ein wirklicher Zwiespalt in der Tradition über Jesu Todestag innerhalb der ältesten Christenheit will uns undenkbar scheinen. Es muß sich eine Lösung finden lassen mit dem Ergebnis: nicht ist Johannes nach den Synoptikern u. nicht sind die Synoptiker nach Johannes zu deuten, sondern die Synoptiker haben recht u. Johannes hat recht.
Einen entschiedenen Schritt vorwärts auf diesem Wege bedeutet das bereits oben erwähnte Werk von Chwolson, Das letzte Passamahl Christi u. der Tag seines Todes, Leipzig 1908. Die darin vertretenen Hauptsätzesind:
1. In den Worten Mt 26, 17: τῇ δὲ πρώτῃ τῶν ἀζύμων (vgl. Mk 14, 12) liegt eine irrtümliche Übersetzung vor. Der ursprüngliche aramäische Text lautete ביומא קמי דפסחא. Dieser Satz konnte bedeuten: α. am Tage vor dem Passahtage, d. h. am 13. Nisan; β. am Tage vor dem Passahfest, d. h. am 14. Nisan; γ. am ersten Tage des Passahfestes = am ersten Tage der ungesäuerten Brote. Von der aramäischen Urschrift war der Satz im ersten Sinn gemeint, der Übersetzer hat ihn in der zuletzt erwähnten Weise verstanden. — Diese These könnte an sich annehmbar erscheinen; bedenklich aber ist, daß Chwolson die Worte Mk 14, 12: ὅτε τὸ πάσχα ἔθυον u. Lk 22, 7: ἐν ᾗ (ἡμέρᾳ) ἔδει θύεσθαι τὸ πάσχα, die nur auf den 14. Nisan u. nicht auf den 13. Nisan passen, für spätere Zusätze erklären muß (S. 12. 139).
2. An einem Sabbat, wenn er auf den 14. Nisan fiel, durften aus Gründen der Sabbatheiligung die Passahlämmer nicht geschlachtet werden; ihre Schlachtung erfolgte in diesem Fall am 13. Nisan. Beweis: die Verhandlung zwischen Hillel, um 20 v. Chr., u. seinen Gegnern (s. TPes 4, 1–2; pPes 6, 33a, 1; Pes 66a S. 819 Fußnote 2). Erkennt man den Kernpunkt der Verhandlung als historisch an — u. es liegt kein Grund vor, ihn für unhistorisch zu erklären —, so folgt in der Tat daraus, daß der spätere Grundsatz: „Das Passahopfer verdrängt den Sabbat“ in der älteren Zeit nicht gegolten hat.
3. Fiel der 14. Nisan auf einen Freitag, so wurde aus dem gleichen Grunde die Schlachtung der Passahlämmer ebenfalls bereits am 13. Nisan vorgenommen. Denn da nach der älteren Praxis die Schlachtung der Passahlämmer nicht in den Nachmittagsstunden, sondern erst „zwischen den beiden Abenden“, d. h. zwischen Sonnenuntergang u. völligem Dunkelwerden am 14. Nisan geschah, so würde die Schlachtung u. Zubereitung der Lämmer wiederum in den beginnenden Sabbat hineingefallen sein, was nicht gestattet war. Die so am 13. Nisan geschlachteten Lämmer hätte ein Teil des Volkes, vermutlich der von den Pharisäern beherrschte größere Teil des Volkes, auch am Tage der Schlachtung, also am 13. Nisan, gegessen, vielleicht auf Grund von Ex 12, 8: Man esse das Fleisch in dieser (auf die Schlachtung folgenden) Nacht. Ein andrer Teil des Volkes, vermutlich der sadduzäisch gerichtete, habe dagegen etwa mit Berufung auf Ex 12, 6 das Essen der Lämmer bis zum Abend des 14. Nisan verschoben. Jesus habe sich nun bei seiner letzten Passahfeier der Praxis des zuerst genannten Volksteiles angeschlossen, u. so hätten die Synoptiker, obwohl jene Feier am 13. Nisan stattfand, doch mit vollstem Recht es so darstellen können, daß die Einsetzung des heiligen Abendmahls im Anschluß an das Passahmahl erfolgt sei. Ebenso richtig sei aber auch die Bemerkung des Johannes (18, 28), daß die Ankläger Jesu nicht das Prätorium hätten betreten wollen, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passahlamm äßen; sie hätten es eben mit dem andren Teil des Volkes, dem sadduzäisch gerichteten, gehalten, der das Passahmahl erst am 14. Nisan feierte.
Diese dritte These ist die Hauptthese Chwolsons. Sie steht u. fällt mit seiner Annahme, daß das Schlachten der Passahlämmer in früherer Zeit „zwischen den beiden Abenden“ des 14. Nisan vorgenommen worden sei; denn sobald sich nachweisen läßt, daß die spätere Halakha, nach der das Schlachten der Lämmer bereits am Nachmittag begann, auch für die ältere Zeit Geltung gehabt hat, lag gar kein Grund vor, das Schlachten von dem auf einen Freitag fallenden 14. Nisan auf den Tag zuvor, den 13. Nisan, zu verlegen. Dieser Nachweis läßt sich aber führen. Philo, ein kompetenter Zeuge aus den Tagen Jesu, sagt ausdrücklich, daß das Opfern der Passahlämmer um die Mittagszeit begonnen habe: Μετὰ δὲ νουμηνίαν ἐστὶν ἑορτὴ τετάρτη, τὰ διαβατήρια, ἣν οἱ Ἑβραῖοι πάσχα καλοῦσιν, ἐν ᾗ θύουσι πανδημεὶ, ἀρξάμενοι κατὰ μεσημβρίαν ἕως ἑσπέρας … Ἄγεται δὲ ἡ πάνδημος θυσία τεσσαρεσκαιδεκάτῃ τοῦ μηνός … De septenario § 18. Hiernach trifft die grundlegende Voraussetzung Chwolsons nicht zu, u. mit ihr fällt seine ganze letzte These. Aber trotzdem bleibt der Arbeit Chwolsons ihr Verdienst. Sie hat einen neuen Weg gewiesen, der zum Ziele führen kann: der Nachweis, daß die Feier des Passahmahles an zwei aufeinander folgenden Tagen unter Umständen möglich gewesen sei, würde zugleich der Nachweis sein, daß jeder der beiden Berichte über den Todestag Jesu, sowohl der der Synoptiker als auch der des Johannes im Rechte ist.
H. Zwischen den Synoptikern u. dem vierten Evangelium besteht keine Differenz über den Wochentag des letzten Mahles u. der Kreuzigung Jesu. Sie stimmen darin überein, daß jenes an einem Donnerstag u. diese an einem Freitag stattgefunden hat. Die Differenz liegt in der verschiedenen Datierung dieser beiden Tage. Für die Synoptiker waren jener Donnerstag u. Freitag der 14. u. der 15. Nisan, für Johannes der 13. u. 14. Nisan. Daß so von den Synoptikern der Donnerstag u. von Johannes der Freitag als 14. Nisan gezählt wird, ist nur in dem Fall begreiflich, wenn in jenem Jahr sowohl an jenem Donnerstag, als auch an jenem Freitag das Passahmahl gehalten worden ist. Diejenigen Kreise, die in jenem Jahr am Donnerstag die Passahfeier begingen, datierten selbstverständlich diesen Tag als 14. Nisan, u. diejenigen Kreise, die die Feier erst am Freitag hielten, zählten ebenso unbedenklich diesen Freitag als 14. Nisan. Die Frage ist nur, ob ein solcher Fall denkbar sei.
Es wird berichtet, daß die Boëthosäer, die eine Gruppe innerhalb der sadduzäischen Partei bildeten u. aus deren Mitte in der Zeit von 24 v. Chr. bis 65 n. Chr. etwa sechs Hohepriester hervorgegangen sind (s. Schürer4 2, 270 ff.), mit der Behauptung hervortraten, daß die Erstlingsgarbe (עֹמֶר Lv 23, 9 ff.) stets am ersten Tag nach dem in das Maççothfest fallenden Sabbat, also an einem Sonntag darzubringen sei. Daraus folgte dann, daß der 50. Tag danach, das jüdische Wochen- oder Pfingstfest, ebenfalls regelmäßig auf einen Sonntag fallen mußte. Die Gegenpartei der Pharisäer sagte, daß die Darbringung der Erstlingsgarbe immer am Tage nach dem 1. Maççothfeiertag, also am 16. Nisan zu geschehen habe, so daß Pfingsten stets an demselben Wochentag zu feiern war, auf den der 16. Nisan des betreffenden Jahres gefallen war. Beide Parteien begründeten ihre Meinung aus ein u. derselben Schriftstelle, nämlich aus Lv 23, 11. Die Boëthosäer faßten hier das Wort שבת in seinem gewöhnlichen Sinn = Wochensabbat (Sonnabend), während die Pharisäer darunter den ersten Ruhetag des Maççothfestes, also den 15. Nisan verstanden. „Der Tag nach dem שבת“ (Lv 23, 11) war mithin für die ersteren ein Sonntag, für die letzteren der 16. Nisan. — Das einschlägige Stellenmaterial s. bei Apg 2, 1 Nr. 2 S. 598 ff.
Ob die Behauptung der Boëthosäer einer älteren sadduzäischen Praxis entsprach, ist schwer zu sagen. Die LXX übersetzen Lv 23, 11: τῇ ἐπαύριον τῆς πρώτης ἀνοίσει αὐτὸ ὁ ἱερεύς = an dem auf den ersten (Maççothfeiertag) folgenden Tag (also am 16. Nisan). Das würde sich mit der pharisäischen Meinung decken. Daneben findet sich aber auch (s. Chwolson 61) die Randglosse: τῇ μετὰ τὸ σάββατον, die die sadduzäische Ansicht wiederzugeben scheint = „an dem Tage nach dem Sabbat.“ — Lv 23, 15 übersetzen die LXX: Ihr sollt euch sieben volle Wochen zählen ἀπὸ τῆς ἐπαύριον τῶν σαββάτων, was beides heißen kann: „von dem Tage an nach dem (ersten Maççoth-)Feiertag“ u.: „von dem Tage an nach dem Sabbat.“ Ebenso zweideutig lautet eine Glosse dazu: ἀπὸ τῆς πρώτης τοῦ σαββάτου. — Es könnte also immerhin sich so verhalten, daß die pharisäische Halakha erst später in die LXX eingedrungen wäre, während die Glossen die ältere sadduzäische Praxis widerspiegelten. Aber wie dem auch sei, zur Zeit Jesu war die Meinung der Pharisäer jedenfalls die maßgebende; denn Philo berichtet klar u. bestimmt, daß die Erstlingsgarbe an dem Tage nach dem 1. Maççothfeiertag dargebracht werde u. daß von eben diesem Tage an die Zählung der 50 Tage bis zum Wochenfest beginne (s. de Septenario § 20. 21 bei Apg 2, 1 S. 600 Anm. b). Das schließt aber nicht aus, daß die Boëthosäer in Gemeinschaft mit den Sadduzäern bei passender Gelegenheit den Versuch gemacht haben, ihre Meinung gegen die pharisäische Praxis durchzusetzen. Die Boëthosäer werden als Männer der Faust geschildert. Ein dem 1. nachchristl. Jahrh. entstammender Weheruf lautet: Wehe mir wegen des Hauses Boëthos, wehe mir wegen ihrer Knüttel! (s. TMen 13, 21 (533); Pes 57a bei Joh 18, 13 S. 570 Anm. c). Dergleichen Leute verzichten nicht ohne weiteres auf ihre Ansichten u. Absichten.
Auch in einer andren Kultusfrage sehen wir, daß die Boëthosäer kein Bedenken getragen haben, ihrer eigenen Tradition gemäß gegen die pharisäische Halakha vorzugehen. Auf Grund von Lv 16, 13 forderten nämlich die Pharisäer, daß der Hohepriester am Versöhnungstage das Räucherwerk erst nach seinem Eintritt in das Allerheiligste auf die Kohlenpfanne tun solle, während die Boëthosäer u. Sadduzäer nach Lv 16, 2 meinten, daß die Zurichtung des Räucherwerks bereits draußen vorzunehmen sei, s. pJoma 1, 39a, 45; Joma 19b. Einmal ereignete es sich nun, so wird erzählt, daß einer von ihnen (den Boëthosäern) das Räucherwerk draußen herrichtete u. dann in das Allerheiligste eintrat. Als er wieder herauskam, sagte er zu seinem Vater: Obwohl ihr euer lebelang so die Schrift ausgelegt habt, habt ihr doch nicht danach getan, bis ich auftrat u. danach handelte! Sein Vater antwortete ihm: Allerdings haben wir unser lebelang so ausgelegt, aber gleichwohl haben wir nach dem Willen der (pharisäischen) Gelehrten gehandelt; es sollte mich wundern, wenn du ein langes Leben auf Erden hättest. Man hat erzählt: Nur wenige Tage vergingen, da starb er. Einige sagen: Als er herauskam, warf seine Nase Würmer aus, u. ein Abdruck wie von der Klaue eines Kalbes wurde sichtbar auf seiner Stirn (ein Engel, meinte man, hätte ihm mit seinem Fuß (vgl. Ez 1, 7) einen Tritt vor die Stirn gegeben) pJoma 1, 39a, 46. In der Parallelstelle Joma 19b als Bar; hier lauten die Worte des Vaters: „Wenn wir auch Sadduzäer sind, so fürchten wir uns doch vor den Pharisäern.“ — Die Stelle ist bezeichnend für das Verhältnis zwischen den Boëthosäern (Sadduzäern) u. den Pharisäern: jene fürchten sich vor diesen; denn diese haben das Volk auf ihrer Seite; aber versteckterweise versuchen jene doch ab u. zu die Kultushandlungen nach ihren eigenen Normen zu vollziehen.1 Warum hätten sie das nicht auch einmal bei der Festsetzung des ʿOmertages u. des davon abhängenden Pfingstfestes wagen sollen?
In der Tat ist der Kampf um den ʿOmertag langwierig u. hitzig gewesen. Noch Rabban Jochanan b. Zakkai († um 80) muß wegen der Zählung der 50 Tage zwischen Passah u. Pfingsten mit einem Boëthosäer debattieren (s. Men 65a bei Apg 2, 1 S. 599 Anm. a), u. die Mischna registriert allerlei kleinliche Bestimmungen, die die Meinung der Boëthosäer nach außen hin, d. h. in den Augeh des Volkes, möglichst ostentativ diskreditieren sollten. So lesen wir Men 10, 3: Wie verfuhr man (bei der Herrichtung der Erstlingsgarbe)? Abgeordnete des Gerichtshofes gingen am Tage vor dem Fest (der Erstlingsgarbe, also am 15. Nisan) aus u. machten für sie kleine Bunde aus dem am Boden Haftenden, damit es bequem sei, sie (hinterher) zu schneiden. Die Einwohner aller nahe gelegenen Ortschaften versammelten sich dort, damit die Garbe unter großem Getue עֵסֶק geschnitten würde. Wenn es dunkel geworden ist, ruft er (der Schnitter, deren drei tätig waren) ihnen (den Umstehenden) zu: Ist die Sonne untergegangen? Sie antworten: Ja! (Er ruft abermals:) Ist die Sonne untergegangen? Sie antworten: Ja! — Ist dies die Sichel? Sie antworten: Ja! Ist dies die Sichel? Sie antworten: Ja! — Ist dies der Kasten (in den das Geschnittene hineingelegt werden soll)? Sie antworten: Ja! Ist dies der Kasten? Sie antworten: Ja! — An einem Sabbat sagt er zu ihnen: Ist dies der Sabbat? Sie antworten: Ja! Ist dies der Sabbat? Sie antworten: Ja! — Soll ich schneiden? Sie antworten: Schneide! Soll ich schneiden? Sie antworten: Schneide! So wird dreimal bei jeder Frage gefragt, u. sie antworten ihm dreimal ja! Dies alles warum? Der Boëthosäer wegen, die gesagt hatten: Es findet das Schneiden der Erstlingsgarbe nicht zum Ausgang des (ersten) Feiertages statt (sondern erst nach Ausgang des in die Passahwoche fallenden Sabbats). — Dieses absichtlich lärmende Verfahren sollte also die Boëthosäer ärgern u. in den Augen der Menge möglichst herabsetzen. — Einem ähnlichen Zweck diente folgende Bestimmung. Sooft Pfingsten auf einen Sabbat fiel, wurde das Festganzopfer des einzelnen Israeliten nicht am Feiertag selbst dargebracht. sondern erst am folgenden Tag, also am Sonntag. Das war aber der Wochentag, an welchem nach den Boëthosäern Pfingsten regelmäßig gefeiert werden sollte. Damit es nun nicht infolge des Darbringens des Festopfers den Anschein gewinne, als ob es um diesen Tag auch nach der Meinung der Pharisäer etwas Besonderes wäre, oder gar als ob die Pharisäer jetzt nachgegeben u. die Ansicht der Boëthosäer über den Termin des Pfingstfestes als richtig anerkannt hätten, wurde festgesetzt, daß an diesem Sonntag der Hohepriester nicht in seinem Ornat erscheinen solle, u. ferner daß an diesem Sonntag gefastet werden dürfe u. Leichenbegängnisse mit den üblichen Trauerzeremonien stattfinden könnten (s. Chag 2, 4 bei Apg 2, 1 S. 599 Anm. a). Namentlich die beiden letzten Stücke (Fasten u. Trauerfeiern), die an Feiertagen ja streng verboten waren, sollten dem Volk handgreiflich vor Augen führen, daß jener Sonntag kein Festtag, sondern ein gewöhnlicher Wochentag sei. Dergleichen kleinliche Maßregeln sind doch nur so erklärlich, daß die siegreiche Partei immer wieder befürchten mußte, von dem ränkevollen Gegner, zumal in dessen Hand der ganze Tempeldienst lag, bei der ersten besten Gelegenheit hintergangen u. überlistet zu werden. — Endlich als die Pharisäer unter Führung des Rabban Jochanan b. Zakkai den Einfluß der Boëthosäer völlig beseitigt hatten (etwa um 60 n. Chr.), setzten sie die Tage vom 8. bis 21. Nisan als Feiertage ein, an denen keine öffentliche Trauerklage gehalten werden sollte, damit das Andenken an ihren endgültigen Sieg über die Boëthosäer lebendig erhalten bliebe (Meg Taʿan 1; Men 65a; Taʿan 17b). Auch das setzt voraus, daß der Kampf ernst u. schwer gewesen ist.
Die Vermutung liegt nahe, daß die Boëthosäer in Gemeinschaft mit den Sadduzäern besonders in den Jahren ihre Minen werden haben springen lassen, in denen das Passahfest in die unmittelbare Nähe eines Sabbats fiel. War zB der 1. Passahfeiertag, der 15. Nisan, voraussichtlich ein Freitag, so bedurfte es nur der rechtzeitigen Hinausschiebung des Nisananfangs um einen Tag, u. aus dem 15. Nisan wurde der 14. Nisan, so daß der 1. Passahfeiertag auf den Sabbat u. Pfingsten auf einen Sonntag fiel. Oder war der 1. Passahfeiertag voraussichtlich ein Sonntag, so brauchte man den Nisan nur um einen Tag früher anfangen zu lassen, u. wiederum hatte man seinen Zweck erreicht: der Sonntag war zum ʿOmertag geworden, u. Pfingsten wurde gleichfalls an einem Sonntag gefeiert. Selbstverständlich werden auch die Pharisäer in solchen Jahren auf dem Posten gewesen sein u. die Kalenderkommission des Synedriums in genügender Weise beeinflußt haben, daß sie den Boëthosäern nicht zu Willen sei. Einen Einblick in die Schleichwege, die die letzteren in dieser Hinsicht gingen, gewährt TRH 1, 15 (210): In früherer Zeit nahm man das Zeugnis betreffs des (Erscheinens) des Neumonds von jedermann an. Einmal dangen die Boëthosäer zwei Zeugen, daß sie kämen u. die Gelehrten (in der Kalenderkommission durch falsche Aussagen über das Sichtbarwerden des Neumonds) irreführten. Die Boëthosäer erklärten nämlich, daß das Wochenfest nur nach einem Sabbat gehalten werde (so ist zu übersetzen nach Einschaltung eines אֶלָּא). Der eine kam u. legte sein Zeugnis ab u. ging von dannen. Es kam der andre u. erklärte: „Ich ging nach Maʿale Adummim (Rothöhe, Ort zwischen Jerusalem u. Jericho) hinauf u. sah ihn (den Mond) hingestreckt liegen zwischen zwei Felsen; sein Kopf glich einem Kalb, seine Ohren glichen denen eines Böckleins. Als ich ihn sah, erschrak ich u. fiel auf meinen Rücken, u. siehe, 200 Zuz waren mir in meine Geldkatze gebunden.“ Man sagte zu ihm: Das Geld soll dir als Geschenk gegeben sein (dir verbleiben); aber die dich gedungen haben, sollen kommen u. gegeißelt werden. Was hast du aber für einen Grund gehabt, dich damit zu befassen? Er antwortete ihnen: Weil ich gehört hatte, daß die Boëthosäer die Gelehrten irrezuführen suchten, dachte ich, es sei gut, daß ich ginge u. die Gelehrten in Kenntnis setzte. — Parallelstellen: pRH 2, 57d, 57; in RH 22b als Bar. (Die Erzählung setzt den Fall voraus, daß der 15. Nisan voraussichtlich ein Sonntag geworden wäre; die Zeugen sollten deshalb bekunden, daß sie den Neumond schon 24 Stunden früher gesehen hätten, damit der 15. Nisan auf einen Sabbat u. demgemäß Pfingsten auf einen Sonntag fiele.)
Ein solches Jahr, in welchem das Passahfest in der nächsten Nähe des Sabbats lag, war auch das Todesjahr Jesu. Wir nehmen an, daß die Kalenderkommission des Synedriums im Einverständnis mit den Sadduzäern den 1. Nisan so ansetzte, daß der 15. Nisan, der 1. Passahfeiertag, ein Sabbat war; dann fiel Pfingsten auf einen Sonntag. Die pharisäischen Gegner, die den 15. Nisan unter allen Umständen einen Tag früher, also auf einen Freitag gelegt wissen wollten, damit Pfingsten auf einen Sabbat falle, drohten mit Gegenmaßregeln. Die sadduzäischen Machthaber, die nach ihrem eigenen Zeugnis sich vor den Pharisäern fürchteten, willigten endlich in einen Vergleich. Sie gestatteten der Gegenpartei, ihre Passahfeier an dem Tage zu halten, der nach ihrer Zählung der 14. Nisan war, d. h. am Donnerstag, während sie selbst sich an ihre eigene, die offizielle Zählung gebunden erachteten u. den 14. Nisan erst am Freitag begingen. So klaffte bei der Passahfeier jenes Jahres ein Riß in Israel, u. Jesus mußte auch seinerseits dazu Stellung nehmen. Wissend, daß seine Stunde da sei, wählte er für seine letzte Passahfeier den früheren Termin, den Donnerstag, der nach pharisäischer Zählung der 14. Nisan war. An diesem Tage hat Jesus wohl mit der Mehrzahl seines Volkes das Passahmahl gehalten; denn die breite Masse war längst gewöhnt, sich nach den Ordnungen der Pharisäer zu richten. Die Synoptiker sind deshalb im vollsten Recht, wenn sie diesen Tag ganz allgemein als den Tag der jüdischen Passahfeier charakterisiert haben (vgl. ἡ πρώτη τῶν ἀζύμων Mt 26, 17; Mk 14, 12; ὅτε τὸ πάσχα ἔθυον Mk 14, 12; ἐν ᾗ ἔδει θύεσθαι τὸ πάσχα Lk 22, 7). Ebenso sind sie im vollsten Recht, wenn sie die Einsetzung des heiligen Abendmahls im Rahmen einer Passahfeier erfolgen lassen; denn es war ein wirkliches Passahmahl, das Jesus mit seinen Jüngern an jenem Tage hielt. Auf der andren Seite hat aber auch Johannes recht, wenn er den Todesfreitag als 14. Nisan darstellt, indem er von den Synedristen berichtet, daß sie das Prätorium nicht hätten betreten wollen, um nicht durch Unreinwerden am Essen des Passahmahles verhindert zu werden (Joh 18, 28). Diese Mitglieder der höchsten jüdischen Behörde, vermutlich meist Sadduzäer, hielten sich eben an die offizielle Zählung der Monatstage, nach welcher jener Freitag ja der 14. Nisan war. Und wenn Johannes selbst dieser offiziellen Zählung folgt, indem er den Todestag Jesu als παρασκευὴ τοῦ πάσχα, d. h. als 14. Nisan bezeichnet (Joh 19, 14), so hatte er dazu seinen besonderen Grund: es kam ihm darauf an, den Gekreuzigten als das rechte Passahlamm darzustellen, u. dazu paßte nur ein 14. Nisan. Daß aber auch Johannes die andre Zählungsweise der Tage gekannt hat, beweist seine Mitteilung von der Meinung etlicher Jünger, daß Jesus mit seiner Aufforderung an den Verräter: „Was du tun willst, das tue bald“, diesem habe sagen wollen, daß er noch etwaige Einkäufe für das Fest besorgen solle (Joh 13, 27 ff.). Dieses Verständnis der Worte Jesu seitens etlicher Jünger wird ohne Zweifel am ehesten erklärlich, wenn das Fest, d. h. der 15. Nisan (nach pharisäischer Zählung), unmittelbar bevorstand; vgl. oben D, 5. Dadurch aber, daß Johannes diese Äußerung der etlichen Jünger mitgeteilt hat, hat er sich durchaus nicht mit seiner eigenen Datierung jener Tage in Widerspruch gesetzt: jene Äußerung seiner Mitjünger gibt er wieder, wie sie gemeint war, vom Standpunkt der pharisäischen Zählungsweise aus. Diese Zählung kennt er — hat er doch selbst das letzte Mahl im Jüngerkreis mitgefeiert als Passahmahl eines 14. Nisan —, darum kann er gelegentlich, wo das Sach verständnis es erfordert, in ihrem Sinn referieren; aber das hindert ihn nicht, für seine eigene Person in seinem Evangelium der Zählungsweise der Sadduzäer zu folgen, da diese allein, wie oben gesagt, seinem Zweck entsprach.
Es braucht nicht ausgeführt, sondern nur angedeutet zu werden, wie bei der Annahme einer doppelten Datierung des Todestages Jesu zugleich alle jene Bedenken hinwegfallen, die man gegen die synoptische Darstellung erhoben hat, nämlich daß die Ansetzung einer Gerichtsverhandlung u. die Vollziehung eines Todesurteils am 1. Passahfeiertag mit dem Heiligkeitscharakter dieses Tages unvereinbar sei. Für die sadduzäischen Mitglieder des Synedriums war der Todesfreitag eben kein erster Feiertag, sondern der 14. Nisan, also der Vortag eines Festes; u. die pharisäischen Mitglieder des Synedriums, soweit sie an der Gerichtsverhandlung gegen Jesum beteiligt waren, werden sich bei dem Gedanken beruhigt haben, daß die pharisäische Datierung jener Tage, der sie selbst gefolgt waren, schließlich doch nur eine Privatmeinung darstelle, daß aber für das amtliche Handeln einer Behörde nur der offizielle Kalender maßgebend sein könne.
Die hier im letzten Abschnitt (H) gebrachten Ausführungen decken sich im wesentlichen mit der Ansicht, die Jechiel Lichtenstein in seinem (hebr.) Kommentar zum Matthäus-Evangelium, Leipzig 1913, S. 122 ff. ausgesprochen hat. Auch er führt die Verschiedenheit zwischen der synoptischen u. der Johanneischen Ansetzung des Todestages Jesu auf die verschiedene Datierung dieses Tages zurück, deren Grund er ebenfalls in dem Streite findet, den die Pharisäer u. die Boëthosäer über die Berechnung des ʿOmertages u. des Pfingstfestes führten. — In ähnlicher Richtung scheinen sich auch Stracks Gedanken bewegt zu haben. Er äußert sich über unsre Frage in seinem Mischnatraktat Pesachim, Leipzig 1911, S. 10* kurz so: „Das Wahrscheinlichste aber dünkt mich die Annahme (die auch Jechiel Lichtenstein in Leipzig, wie ich irgendwo gelesen habe, geäußert hat), daß damals keine Einstimmigkeit über den Anfang des Monats Nisan vorhanden war, vielmehr manche, unter ihnen Jesus, etwa auf Grund eigner Neumondsbeobachtung, den 1. Nisan, also auch den 14. Nisan, einen Tag früher haben eintreten lassen, als der sadduzäische höchste Gerichtshof u. die Priester taten.“ — Ganz ablehnend gegen Lichtensteins Hypothese verhält sich Dalman, s. Die Worte Jesu 1, 38. Dalmans eigene Meinung über den „Widerstreit der synoptischen u. der johanneischen Erzählung vom letzten Mahle Jesu“ s. in seinem Jesus-Jeschua S. 80 ff.


NACHTRAG

  Seite 300 ergänze: Lk 24, 44: In dem Gesetz Moses u. den Propheten u. den Psalmen. — Zur Dreiteilung des alttest. Kanons s. bei 2 Tim 3, 16.
  Seite 552. Bei Joh 12, 31 Nr. 1 lies קוזמוקרטור statt קיזמוקטור.
  Seite 563. Zu Joh 14, 30 s. auch Midr Qoh 4, 2 f. (22b).


Strack, H. L., & Billerbeck, P. (1922–1926). München: C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck.